Archiv für den Monat: April 2009

Hit & Run auf dem Friedhof

Ältere, leicht haldol-umwehte Nachbarin auf dem Friedhof:
“Oh, hallo, äh, Lucky, du bist doch Lucky?”
“Ja, Frau Haldol, guten Tag!”
“Ich war mir unsicher, du bist ja so dick geworden!”
“Oh, vielen Dank, das ist ja nett!”
“Ich meine rund, im Gesicht, du hast so ein rundes Gesicht bekommen…”
“Zu spät, Frau Haldol, was raus ist ist raus”
(Noch bevor mein letzter Satz raus war, war die Alte ruckzuck und ganz behende um die Ecke verschwunden)

Auch extrem

Was ich dauernd vergessen, obwohl das eigentlich kaum möglich ist, ist der eingeklemmte Ischiasnerv, mit dem ich seit 10 Tage hier rumsitze. Also so einer, wo Kaffee holen eine Herausforderung ist und man sich, während man beim Schuhe zubinden schreiend ärgert, daß man keine Klettverschlüsse hat.
Trotzdem versucht man im Garten zu helfen oder den Friedhof zu bepflanzen. Was ein Spaß!

Am Wochenende wurde das Grab meiner Mutter vom Steinmetz wieder fertiggestellt, und wir haben es neu bepflanzt. Ein Jahr Trauer, dann zumindest optisch Closure, kein Erdhügel mit Holzkreuz mehr.
Morgen wird dann das Grab meiner Großeltern, die 1977 innerhalb von 4 Tagen gestorben sind, aufgebuddelt, Grabstein weggenommen, da kommt dann meine Godi rein. Es liegt schräg versetzt zu dem meiner Mom.

Alanis Morrissette, suck on this. Isn’t it Ironic?

Achso, und eigentlch bin ich hergefahren, um das Haus meiner Mom zu räumen. Davon ist gar nichts passiert, ich war noch nicht einmal wirklich in allen Zimmern.

Extrem-Urlaubing

Vielleicht sollte ich es vermarkten, unausgelebte Städter stehen ja auf alles mögliche, Hauptsache, sie haben eine Erfahrung jenseits von Hämorrhoiden und BVG. Manche fahren in die Berge, um 2 Wochen Extrem-Mountainclimbing zu machen, während ihre Eltern sich beim Extrem-Nordic Walking zum Horst machen. Andere fahren nach Tibet oder wo und setzen sich 2 Wochen auf einen Stein und essen nichts, und empfinden den Hungerzustand und die eingeschlafenen Beine als Bewußtseinserweiterung.

Neuer Trend: Extremsterbing.
In diesem kleinen Kaff ist seit dem 2. Mai 2008 niemand gestorben, seit dem Tod meiner Mutter. Jetzt meine Patentante, zwei Häuser weiter, hier sagt man Godi dazu. Sie hat sich unglaublich bemüht, dieses Loch für mich ein wenig zu stopfen, wie sie sich auch seit vielen Jahren furchtbar bemüht hat, zu mir eine Beziehung aufzubauen. Für jemanden, der so auf Fassade ausgerichtet und so wenig Intimität zuläßt, nicht mal beim eigenen Ehemann oder den Söhnen, sind das weite Schritte. Wir wurden sehr gute Freunde. Zwar spürte ich ihre große Neediness (ein gutes deutsches Wort fällt mir dazu nicht ein) aber sie hatte auch viel zu geben und war auch ein Sack voll Spaß. Vor ein paar Jahren haben wir an Weihnachten noch sturzbesoffen Klingelmännchen gespielt, bei den Nachbarn.

Nun hat sie sich 51 Wochen nach dem Tod ihrer Schwester, meiner Mutter, ihrer einzigen wirklichen Vertrauten, davongemacht. Ihren Magenkrebs, den sie seit Monaten in sich trug, hatte sie so lange es ging allen verschwiegen, Mann, Söhnen, Ärzten, jedem. Seit Februar hat sie nicht mehr in ihrem Bett geschlafen, sondern die Nächte im Wohnzimmer zugebracht. Der Psychologin im Krankenhaus sagte sie, daß sie seit dem Tod ihrer Schwester nicht mehr schlafen konnte.
Als sie Anfang Februar davon sprach, daß sie seit 2 Monaten “Grippe” habe, wußte ich Bescheid.
Aber man kann es sich sicher nicht vorstellen, was sie in den vielen langen Nächten wohl so verhandelt hat, mit der Welt und ihrem Gott, an den sie nicht wirklich glaubte.

Eine einsame Entscheidung, bis zum Schluß eisern durchgehalten. Therapie verweigern, Essen verweigern, Ärzte anlügen, der Familie alles verschweigen, passiver Widerstand. Getrieben von Angst, und dem Wunsch, sich nicht ausliefern zu wollen. So gesehen, hätte man sich die für sie besonders qualvollen zwei Wochen Krankenhaus sparen können, sie schaute mit ihren tiefliegenden, großen blauen Augen in die Ferne, so gut es ging am Geschehen vorbei.
Als sie endlich zum Sterben (austherapiert, sagt man, glaube ich) am Donnerstag nach Hause kam, genoß sie noch eine Nacht daheim und schlief am Morgen endlich ein. Sie muß sehr müde gewesen sein, gesprochen hatte sie schon 5 Tage nicht mehr.
68 Jahre jung, sportlich war sie gewesen, und von großartigem sarkastischen Humor. Sie hinterläßt einen hilflosen Ehemann und zwei Söhne voller Fragen.
Und mich mit dem Gefühl, seit Monaten genau das vorausgesehen zu haben, aber nichts dagegen oder für sie getan haben zu können.
Auf jedem Telefon horte ich jetzt die Nachricht einer Toten: auf dem Festnetz-AB eine Nachricht meiner Mutter, auf dem Handy eine SMS meiner Godi, mit dem letzten Satz “wie schön daß es dich gibt”. Weitere SMS hat sie nicht mehr beantwortet.
Adieu Godi, adieu, noch ein großes Stück Heimat.

Ruhig hier am Morgen

Noch als ich das letzte Mal hier in der Eifel war, mußte ich die Jalousien unten lassen, bis ich den ersten Bottich Kaffee getrunken und im Bad war, denn ab ca. 7:30 gaben sich hier Tante und Nachbarn die Fußmatte in die Hand, weil sie sich so gefreut und aufgeregt hatten, daß der Junge aus der großen Stadt wieder zu Besuch war. Mindestens alle Viertelstunde wurde nachgeschaut, ob er schon wach war, und zur Not mit den anderen Nachbarn telefonkonferiert, bis man zuschlagen konnte. Die wichtigen Sachen erledigt man hier morgens. Frühmorgens.

Das ist jetzt nicht mehr nötig, denn die Lieblingstante liegt, oder besser gesagt, sitzt im Krankenhaus, Magenkrebs wohl im Endstadium (nicht daß die Ärzte dazu irgendeine Auskunft gäben, man reimt sich halt nur ein paar Sachen zusammen als Angehöriger), sagt nichts mehr und schaut nach weit weg.

Eigentlich bin ich hergekommen, um die persönlichen Besitztümer meiner Mutter in dem nun hälftig meinem Haus zu sortieren, und hatte mich auf die aufdringliche, aber fürsorgliche Dorfgemeinschaft gefreut, Heimat eben.

Na zumindest die Nachbarin mit dem geschrotteten Kurzzeitgedächtnis hat bei meiner Schwester angekündigt, daß sie mich zum Ausgleich jetzt mehrmals täglich besuchen will. Das kann heiter werden.

Aufs Kreuz

Nach acht waidwunden Tagen gestern noch die beiden Briefbomben abgesetzt für den liebsten Feindkunden, danach nach Diktat verreist, den Kollegen nochmal ausdrücklich verboten, irgendwelche Nummern von mir herauszugeben (ist eh verboten) und die Emailabfrage des Job-Accounts von zuhause deaktiviert. LMAA. Was andere können, kann ich auch.

Eigentlich auch nicht nach Diktat verreist, sondern gleich zur besten Heidi aller, mir therapeutisch alles mögliche einrenken lassen, und dann noch zu einer etwas schlechten Premiere aber mit lecker Essen und wirklich reizenden Kunden. Freundkunden. Ein schöner Puffer, um über die 4 Tage wieder zu sich zu kommen.
Überhaupt, festzustellen, daß ich meinen Job eigentlich immer gerne gemacht habe, und fast alle Kunden wirklich sweet sind, wenn sich dieses Monster nicht immer vor die Sonne stellen würde. Da muß ich wieder hin zurück. Wer gibt dem Monster eigentlich so viel Macht? Ach so, ich.

Jetzt noch ein weiterer angehender Freundkundenkontakt in der Sonne (ist ja auch ein Open-Air-Kunde), dann noch der schon lange verschobene Anruf bei der todkranken Tante. Beides schon eigentlich gut für Seele. Danach ein schöner Abend allein zu Hause.
Morgen dann ein schöner Abend mit reizenden Menschen, und die nächsten Tage werde ich mich auch nicht zuhause wegsperren.
Derweil lächle ich mich jedesmal freundlich an, wen ich an einem Spiegel vorbeikomme, und freue mich darüber.

Irgendwo muß doch das schöne Leben sein da draußen, von dem immer alle reden.

Wohlige Ostern allerseits!

Ohne Vorspiel

Berlin kann in Punkto Frühling einfach kein Vorspiel, es kann nur Rums-Bums.
Nichts mit erst mal den dünnen Mantel hervorkramen und die Wollpullis gegen dünnere Shirts eintauschen.
Nein, gleich T-Shirt und – bei manchen – Shorts.
Nichts mit einen zarten lauwarmen Wind, der Erlösung vom Wintersehnen verspricht, nein, gleich 24 Grad, die die armen langerwarteten und heiß ersehnten Krokusse und Narzissen binnen weniger Tage verbrennen.

Aber was solls, besser als gar kein Sex Sommer.

Pralles Leben – so und so

Dralle Zeiten, Frühling, Wärme, langsam und noch etwas wacklig auf den Beinen kriecht die seit Monaten eingemottete Lebenslust wieder aus dem Schrank.

Halbnackte Dachdecker erinnern an längst vergessenes Verlangen, und daß Wunder geschehen. Können. Könnten.

Was vorher geschah: man saß in der goldenen Morgensonne mit Blick auf pralle Blümchen. Und weinte eine Stunde lang am Telefon. Die Halbschwester meiner Mutter ist im Krankenhaus, Magenkrebs, sehr ernst die Lage. Offensichtlich ist sie nicht gut über den Winter gekommen und hat anscheinend in vielen schlaflosen Nächten schon eine einsame Entscheidung getroffen. Viel zu jung, noch nicht dran.
Nun würde ich nicht jeder Tante so nachheulen, aber es ist beeindruckend, über wie viele Schatten eben jene gesprungen ist in den letzten Jahren, noch selten hat sich jemand so um mich bemüht, so viele Mauern eingerissen, um Kontakt zu mir zu bekommen. Wo sie doch so verschlossen ist, eigentlich.

Danach dann eben jener Anblick auf dem Dach. Tod und Leben in einem Atemzug. Schon viel und heftig.
Und weil da in aller Intensität offensichtlich in der Mitte etwas ganz Häßliches und Unnützes fehlt, macht dann im Büro der Monsterkunde mächtig Ärger, den ich letztes Jahr leider doch nicht los wurde.

Wahrhaft, prall, das Leben.

Gestern beim Müsliessen lugte etwas dunkles, rundes aus dem Joghurt hervor. Ich hab es dann schnell untergerührt, aber dann kam mir der Gedanke: War das jetzt eine Rosine, oder doch vielleicht eine Spinne? (Ich hatte vorher die Spinnweben von der Zimmerdecke weggefegt)
Ich habe das Müsli dann doch vorsichtshalber entsorgt, würgte dann aber doch ganz schön an dem einen Löffel, den ich schon geschluckt hatte.

Familienwarze

Seitlich an meinem Nacken, 4 Zentimeter unter dem Haaransatz auf dem Weg in die Schulterkurve, befindet sie sich: meine Familienwarze.

Sie ist groß, schwarzbraun und steht gehörig hervor. Auf ihr wachsen drei dicke schwarze Borsten, die immer lang herausragen, egal, wie oft man sie abschneidet.

Sie kommt von mütterlicherseits und alle Familienmitglieder dieser Richtung haben sie. Da bin ich schon extra so weit weg gezogen, aber mittlerweile habe ich den Verdacht, sie hält mich mit der Posse in funktelepathischer, nicht unterbrechbarer Verbindung