Kategorie-Archiv: note to self

Grantmatized

Wie herrlich das Konzert von John Grant im Babylon Mitte vorgestern war, hat der Glämmie ja schon trefflichst beschrieben. Eine Noch tollere Kritik von Jens Balzer finden Sie in der Berliner Zeitung – Vielen Dank, Herr Balzer, selten hat man nach einer Kritik Tränchen in den Augen vor lauter Zustimmung!

Was hab ich mich gefreut, nachher an diesem wunderbaren Abend, an dem ale Sterne anscheinend richtig herum hingen und funkelten, als ich sogar noch ein Bild zusammen mit Johnny ergattern konnte, weil er eben da grade raus kam, als wir draußen rauchten. (Ich hätte mich ja nie getraut, aber Simon hat gefragt) So sweet und unkompliziert, hatte man sofort Johnny im Arm fürs Foto und ich habe es mir dann natürlich auch nicht nehmen lassen, seinen Speck zu ertasten. Quid pro quo.

Was mir aber gestern nicht aus dem Kopf ging, war, wie ich nach dem kurzen Kennenlernen denn jetzt so ganz ohne Johnny leben soll. Ich würde ihm Bratkartoffeln machen, ihm den Bart pflegen und kraulen, und ich würde ihm ein Kuscheleckchen bei mir einrichten, inklusive Spielzeug, was er zerbeißen könnte, wenn ihm danach ist.

 

Freaks

Knoten ins Taschentuch! Unbedingt zur Diane-Arbus-Ausstellung gehen.
Freaks, meinte sie, hätten etwas von einer Legende. “Wie eine Person in einem Märchen, die einem Rätsel aufgibt, die man lösen muss. Die meisten Leute haben ihr Leben lang Angst davor, dass ihnen etwas Traumatisches zustößt. Freaks sind mit ihrem Trauma auf die Welt gekommen. Die Lebensprüfung haben sie schon bestanden. Sie sind Aristokraten. Wenn du jemals mit einem zweiköpfigen Menschen gesprochen hast, dann weißt du, dass der etwas weiß, was du nicht weißt.”
(zitiert nach der Berliner Zeitung)

Verbindlichkeiten

Puh, dachte ich die Tage beim Beobachten eines Freundes, der macht neue Freunde wie andere Leute Schulden, so leicht, so mühelos, so alltäglich und nebenbei, und war beeindruckt und ein wenig neidisch.
Ich, ich hab immer zuviel Angst vor den Verbindlichkeiten.

Wie-de-wie-de-wie-sie-mir-gefällt

Vielleicht wäre ja alles anders gelaufen, wenn man mich in einen Kindergarten geschickt hätte.
So aber bin ich weitgehend unsozialisiert als seltsames eigenbrötlerisches Kind aufgewachsen und eher skurril erzogen worden, wenn überhaupt.

Mein größter Horror war es immer, und ist es auch jetzt oft noch, mich in einer oder gegen eine Gemeinschaft behaupten zu müssen. Ich beherrsche die gängigen Mittel einfach nicht wirklich gut.

In der Schule mutierte ich deswegen zum Klassenclown und Monstre Sacré, der sich das aber auch leisten konnte, denn als einer der Besten des Jahrgangs wurde man nicht einfach so von der Schule gefeuert.

In meiner Pubertät konnte ich oft nicht schlafen aus panischer Angst vor dem Wehrdienst – da würde ich dann mal richtig grade gezogen, prophezeite meine Familie. Dann war ich im ersten Jahrgang, für den das Verweigerungsrecht massiv vereinfacht wurde – umsonst die ganzen Vorwärtssorgen, gottseidank!

Beruflich komplett ohne Pläne, stolperte ich zufällig in meinen jetzigen Beruf und baute, ohne es eigentlich vor zu haben oder wirklich zu begreifen, aber mit beträchtlichem Aufwand und großen persönlichen Unkosten eine recht erfolgreiche Firma auf – mit allen Mitteln, nur nicht den gängigen.
Immer aus einer Position der Schwäche heraus agierend, umsichtig, integrativ, gewitzt, vorsichtig und oft naiv, aber niemals überlegen, aggressiv, machtmissbrauchend.

“Schwäche” als wahre Stärke, der lange Weg außenrum als der direktere und dauerhaftere.
In meiner Branche wundert man sich über unseren Erfolg, keiner kann nachvollziehen, wie er zustande kommt, und grade dieser Status ist ein perfekter Schutz vor den Ich-Kauf-Dich-oder Zerstör-Dich-Strategien der großen Konzerne.

Und das alles nicht, weil ich so mutig oder originell wäre oder so einzigartig und individualistisch oder genial, sondern ganz einfach, weil ich es nicht anders kann – ich kann und will nicht morgens im Büro sein, boykottiere die Stammtische der Entscheidungsträger, Erfolg ist mir meist eher ein wenig peinlich und als schwuler Unternehmer mag und kann ich auch nicht an den Dicke-Hosen-Ritualen der meist heterosexuellen Partner oder Konkurrenten teilhaben.

I guess that’s just My Way.