Archiv für den Monat: Februar 2010

Galanthus & Narcissus

“Hallo Herr Lucky, kommen Sie rein”
“Hallo Frau Heidi, wow, das duftet aber hier bei Ihnen nach Frühling!” und riecht an den Riesenstrauß pollengelber Osterglocken.
“Ach, die duften!?”
“Frau Heidi, das fragen Sie mich jedes Jahr!”
“Oh, so lange sehen wir uns schon?”

Schneeglöckchen, gibt es eigentlich etwas Schöneres als Schneeglöckchen? So zart, so fragil, und doch die Ersten, so unglaublich robust, daß sie sich auch ein Loch durch Schnee und Eis brennen können, wenn ihre Zeit gekommen ist.

Galanthus
(Copyright: André Karwath)

Will man Schneeglöckchenzwiebeln kaufen, kosten die 8 Euro für 10 Zwiebelchen. Ach, wie ärmlich.
Wir hatten früher eine Obstwiese, wo Generationen lang unser ehemaliger Garten war, dort wuchsen Schneeglöckchen quadratmeterweise unter alten knorrigen Apfelbäumen. Jeden Vorfrühling pflücke ich dort Hände voll Schneeglöckchen, ohne daß man hinterher sehen konnte, daß welche fehlten, und verteilte sie imganzen Haus in den kleinen Puppenväschen, die es nur für diesen Zweck im Haushalt gab. Ach!

Maklerhafte Lyrik

“Das Leben kann so spannend sein”
-> Obwohl Sie als Suchanfrage Dachgeschoß mit Terrasse Südwest ab 80 qm angegeben haben, möchten wir nicht, daß Ihnen diese wunderschöne Wohnung Erdgeschoß mit Terrasse zum Hof gleich neben den Mülltonnen entgeht. Ausrichtugng Südwest, sie könnte aber auch im Keller sein, weil das Fabrikgebäude Ihnen auf jeden fall jegliches Licht wegnimmt.

“Bei mir bekommst du das Dach gleich mit dazu”
-> Denn Dachgeschoß kann man es nicht nennen, es ist eine verfurzte schattige Miniwohnung im 4.Stock Hinterhaus und das Dach darüber war zu klein, um es jemand noch als Trockenraum andrehen zu können. Durch den Sehschlitz zwischen den Dachziegeln können Sie an Neumondnächten den Fernsehturm sehen, wenn Sie sich auf einen Tisch und einen Stuhl stellen und ganz viel Phantasie haben.

“Ein lebendiger Traum”
-> Trotz des Ttels hat diese Wohnung (wahrscheinlich) keine Kakerlaken, Asseln oder Silberfische. Die sind nämlich durch den Anblick des unglaublich rot-schwarz-grau-gemusterten Designerkachekfußboden wahnsinnig geworden und haben sich von der Terrasse, äh, Verzeihung, Balkon gestürzt.

(Alle Wohnungen befanden sich im “Szenebezirk Bergmannkiez” also in vielbefahrenen Asostraßen wie der Urbanstraße ca. 5 km von eben jenem Kiez entfernt.)
Gibt es eigentlich irgendwo einen Treffpunkt, wo man Makler verprügeln kann?

Geht schon los

Heute nach einer wahren Knochenbrecherwoche erst um 15 Uhr wach geworden. Vorher zwischendurch immer mal in die Sonne geblinzelt, die auf mein Bett schien, mit den Zehen gewackelt und wohlig nochmal umgedreht.

Als ich dann aufstand, draußen wilder Wind, Monsterwolken in weiß und grau und schwarz rasten durchs Fenster, und die Sonne blitzte gutgelaunt dazwischen. Fühlte sich an wie auf der Reling eines sehr großen Schiffes bei schwerem Wellengang.

Take me away!!!!

History Repeating

Wenn man bei Gayromeo eine durchaus nette Nachricht mit durchaus sexuellen Absichten erhält, und das Vorschaubild eine durchaus nicht unattraktive Vorschau so ein wenig wie Nate aus Six Feet Under, nur nicht kalifornisch, vermittelt, und man beim Klick ins Profil dann herausfindet, daß der Absender der allererste Exfreund ist, der zwar schon 21 Jahre her ist, dann stellt sich die Frage:
Hat man schon zu lange gelebt?

Jedem Seins

Die einen kriegen Tinnitus, die anderen Allergie, Migräne oder Magen, ich kriege Lendenwirbel, wenn’s eng wird.
(Auftritt Mary Roos “Aufrecht gehn, aufrecht stehn, ich hab endlich gelernt, wenn ich fall, aufzustehn”)
Heute nachmittag wird sich das entscheiden – der Badminton-Platz ist für eine Doppelstunde gebucht – do or die. Entweder ruckelt sich alles zurecht, oder – Glammie, kommst du mich holen, zur Not? (Im Lager steht ne Sackkarre)

Schlag auf Schlag

Tausend kleine Wunden sticht man sich jeden Tag, weil man sich so lieb hat, weil man sich so mag!
(Hat Antiteilchen hier mal kommentiert)

“Kommst du heute abend mit zu Amy MacDonald?” (Betsy, 21)
“Wer is’n das, kenn ich nicht, ist das so junge-Leute-Musik?” (Lucky, 103)
“Hey, du hast einen Lily-Allen-Klingelton, stell dich nicht so an, du bist 15!

“Wow, du hast aber abgenommen!” (Salome, deportierte georgische Exkollegin, die mit falschen Visum aber echtem Pass zur Zeit in Berlin zu Besuch ist)
“Du hast wahrscheinlich einen Knick in der Optik, weil in Georgian alle Männer ab 24 über 5 Zenter wiegen, aber danke, sehr lieb!”

In der Post war dann noch eine Einladung zu einer von diesen üblen Ü-30(!)-Party im verungückten Goya, ich werde die PR-Agentur verklagen. Bin schließlich schon Ü-40.

Eigner Herd und so

Ich kenne ja fast keinen Menschen, der nicht den Ehrgeiz oder den Wunsch hätte, einmal, vielleicht später, einen “Roman” zu schreiben, man spüre man habe es in sich. Ich kenne sogar Menschen, die einen oder mehr Romane geschrieben haben, die fertig in der Schublade sind oder sogar zum Teil veröffentlicht.

Ich muß zugeben, daß auch ich zur ersteren Kategorie gehöre. Eine Lust an Worten und Wörtern und am Formulieren und eine gewisse Begabung dazu spüre ich und sie wurde mir auch schon früh attestiert, wie so vielen. Unter anderem deshalb schreibe ich hier, wenn ich auch oft nicht wirklich etwas mitzuteilen habe.

Vor ein, zwei Jahren ritt es mich allerdings, ich begann ein Projekt: inspiriert von einer Playlist, in der ich Stalker-Songs zusammengestellt hatte, eröffnete ich einen neuen Blog: Close to You sollte er heissen und von einem Stalker in Ich-Perspektive erzählt werden, in meiner näheren Umgebung spielen, so daß ich Details nutzen könnte, um das ganze authentisch zu machen.
Relativ harmlos sollte er anfangen, alltäglich, wie ein vielleicht nicht mehr ganz so junger Mann dem Objekt seiner (vergeblichen) Begierde zunächst nachforscht, immer mehr in das Leben des andern eintaucht, bis das ganze eine wahre Obsession mit unschönen, wenn nicht gar gefährlichen Ergebnissen wird.

Die Blogform als öffentliche Tagebuchform fand ich dazu das richtige Medium – vielleicht ein paar Leser und Kommentatoren erreichen, die das Ganze miterleben und auf den ins Gefährliche gleitenden Autoren reagieren.
So, wie ich den näheren Kiez als bekannte Gegend nutzen wollte, sollte die Seelenlandschaft des Autors eine mir ähnlich bekannte sein, gelegentlich ein wenig einsam, gelegentlich ein wenig verbittert oder selbstmitleidig, und vielleicht ein wenig schwierig im Umgang.

In der Theorie liest sich das gar nicht mal schlecht.
Allein, es fiel mir unglaublich schwer, die Verliebtheit des Erzählers herbeizuschreiben, wenn auch seine Gedanken über die Ablehnung mir leichter fielen. Für die spätere Obsession dachte ich, durch die Playlist einen guten emotionalen Soundtrack zu haben, warum sollte der Protagonist nicht selber zum Beispiel Dalbellos “Gonna Get Close to You” hören?

So werkelte ich 3 oder 4 Wochen fast täglich vor mich hin, weitgehend unbeachtet, was ok war, schließlich sollte der Anfang reichlich unspektakulär sein. Gerüst, Komplikationen und Steigerung der Spannung war soweit fertig geplant, ungefähr über ein Jahr sollte sich das erstrecken. Was mir allerdings nicht gelang, war das ganze emotional zu füllen, ihm Leben einzuhauchen – das konnte ich in mir nicht finden oder mobilisieren, und so stellte ich das Projekt ein. Sie werden es nicht finden, es ist offline und ich selber habe mir auch keine Sicherungskopie gemacht.

Warum auch sollte ich von einer Begierde, einer gefährlichen Obsession schreiben, wenn ich das gar nicht in mir habe und vielleicht für Schlüsselstellen bei anderen Autoren, Filmen oder Songs klauen müßte? Wo sollte ich es hernehmen, wenn ich es nur vom Hörensagen kenne? Kein Fleisch auf die Knochen, kein Blut zum Fleisch hin bekomme?
Das ist genauso absurd, wie wenn ein 17jähriges Mädchen unbedingt über Berghain, schmutzigen Sex und Drogen schreiben muß, wenn sie überhaupt noch gar nicht ins Berghain reinkommt, außer vielleicht, wenn sie das Gefühl oder die (Fremd-?)Inspiration hat, sie müßte für die greisen Herrn vom Feuilleton den Roman der Nullerjahre schreiben, genau so, wie jene sich eine verderbte Generation vorstellen?