Archiv für den Monat: Oktober 2007

marlene war die erste bloggerin

Circa 1976 hatte Marlene Dietrich es vermutlich einfach satt, Marlene Dietrich sein zu müssen, legte sich ins Bett und stand im Wesentlichen nicht mehr auf, bis sie 1992 in eben jenem Bett starb.
Von ihrer Bettstatt, die mit Kochplatte, einerm Vorrat an Jim Beam, ihrem berühmten Telefon und einem Fernseher ausgerüstet war, nahm sie an der Welt teil, machte sich so ihre Gedanken und rief unabhängig von Tag- oder Nachtzeit ihre Vertrauten an – oder auch ihr persönlich nicht bekannte Persönlichkeiten.
Eine Lebensplanung, die mich sehr anspricht und ganz oben auf der Liste der Optionen für später (und gelegentlich auch für jetzt schon) steht.

Der Schlaf war ein seltener Gast in der Avenue Montaigne. Oft sammelte sie ihre Gedanken in kleine Gedichte, schrieb per Hand oder mit Noel Cowards Schreibmaschine, die immer an ihrem Bett stand.
Vor ein paar Jahren hat ihre Tochter einige der Gedichte in ein hübsches Coffetable-Book gesammelt, kurze, prägnante Gedichte, die dadurch bestechen, daß die wenigen Worte um sich selbst kreisen, mal larmoyant, mal mit ihrem kühlen Witz durchsetzt. Oft sind es Hymnen an ihre früheren Lebensbegleiter, manchmal anrührend.

Go to sleep
Stop your relentless
brain
From Working
overtime
Just go to sleep
Take pills
Take love
if you can get it
And Sleep
In Arms
enfolding
Or lonesome
With no one holding
you
But go to sleep
You will keep
Till morning

oder:

AMERICA
The Land
Of the Free
You can go there
Be free
To kill
The remains
Thrown in
The trash
As long
As you
Have cash.

oder:

NO MORE
BODY
TO HOLD
ONTO
WHILE YOU SLEEP
JUST THE SHEET

WHAT A CHEAT!

Leider nicht im Buch enthalten die wesentlich poignanteren Texte und Bemerkungen, die man nach ihrem Tod auf Zetteln in der ganzen Wohnung verteilt fand:

We wanted it all
and we got it all!!!
You and me!
(an einen unbekannten Adressaten)

oder

Ich habe
Alle meine
Zähne
Aber keine
Meiner Beene
Ich hätte lieber
Meine Beene
Als meine Zähne
Denn meine Zähne
Nützen
Mir nicht.

oder:

Isn’t it strange?
The legs
That made
My rise to glory
Easy, no?
Became
My Downfall
Into Misery!
Queesy, no?
(3 a.m., April 9, 85)

So gesehen war Marlene wohl die erste Bloggerin, wenn auch noch analog. Wer weiß, was sie mit dem Internet angefangen hätte?

salome muss weg

Gestern kam er dann, der Anruf von der Ausländerbehörde.
Sie habe sofort zu erscheinen, und 30 Euro mitzubringen. 30 Euro, das bedeutet neue Fotos, also ein Visum.

Ich hatte sie zum 24.10. entlassen müssen, da ihre Arbeitsgenehmigung dann auslief, und wir keine Meldung vom Amt bekommen hatten.

Dem war aber nicht so. In einem Zimmer mit Trennscheibe teilte man ihr mit, daß mein Antrag abgelehnt sei, und überreicht ihr ein auf den 12.10. rückdatiertes Schreiben. Die Argumentation der Ablehnung ist so, daß ich dagegen nichts unternehmen können werde.
Der angebotene Job sei nicht mit der Qualifikation der Antragstellerin zu vereinen. Dagegen kann man nicht sagen. Obwohl in Deutschland sehr viele Magister und Magistras der Literaturwissenschaft in CallCentern arbeiten. Müssen.

Der Ton der Sachbearbeiterin ist gereizt und wird zuweilen sehr laut. Höhnisch wird ebenfalls darauf hingewiesen daß man sich “den ganzen Wirbel auf den verschiedenen Ämtern” hätte sparen können, sie hätte sowieso keine Verlängerung bekommen.
Sie wird darauf hingewiesen, daß sie zwei Wochen Zeit habe, rechtlichen Widerspruch einzulegen, der aber mit Sicherheit scheitern werde. Und daß sie dann auf jeden Fall kein Touristenvisum bekommen werde, falls sie einmal als Besucher nach Deutschland einreisen wolle.

Ihr Personalausweis wird ihr abgenommen wie einer Verbrecherin, und sie muß 10 Euro für die Aushändigung eines Ausreise- und eines Passierscheins bezahlen. Den Personalausweis bekomme sie dann am Flughafen zurück.

Eigentlich verwundert es einen, daß sie nicht gleich mit Bullenwanne an den nächsten Flughafen gebracht und deportiert wird.

Deutschlands Gastfreundschaft hat, wenn man aus dem falschen Land kommt, eine harte kalte Brust. Und die Erfüllungsgehilfen scheinen in Stil und Ausführung ihre Arbeit in guter alter deutscher Tradition zu verstehen.

(kein) update

Montag, 22.10. Nachdem ich den Herrschaften auf dem Ausländeramt nun 10 Tage Zeit gelassen habe, und auch der übergeordneten Behörde, dem Senat für Inneres, die mir beide versprochen haben, daß der Vorgang nun bearbeitet würde, haben weder S. noch ich Antwort auf meinen Antrag zur Erteilung eines Aufenthaltstitels für S. bekommen.

Große Leistung, Herrschaften!

cheap thrills: katastrophenfilme

Schon immer, aber besonders seit “Snakes on a Plane” bin ich ja ein großer Fan von Katastrophenfilmen, besonders Flugzeug-Absturz-Filmen, weil dort das Repertoire an Handlungsmöglichkeiten und deren Variation so begrenzt ist. Und die Umsetzung deswegen umso spannender.

Bei meinem Billigfilm-Shopping-Spree bei Amazon hab ich mir dann “Airport ’75″ geholt, zu deutsch “Giganten am Himmel” (indeedy). Eigentlich nur, weil es Gloria Swansons definitiv letzter Film ist, nach über 60 Jahren im Job. You don’t know who G.S. is? Go hang yourself or watch “Sunset Boulevard” by Billy Wilder. Subito!
Sie spielt sich selbst, und das gut. Sogar der Stuntman, der die Notrutsche am Ende runterrutscht, spielt sie gut.

Ein herrlicher billiger 70er-Jahre Film, cheap thrills, ein bissel ranzig, und star-studded, wie man das damals so hatte. Man kann Myrna Loy sehen, die eigentlich durch die 40er Serie “The Thin Man…” berühmt wurde, aber hier spielt sie eigentlich Bette Davis, also im Prinzip ein Film mit Gloria Swanson und (fast) Bette Davis zum Preis von nur einem.

Charlton Heston, ebenfalls Hollywood-Dinosaurier, spielt den männlichen Retter. Das war zwar vor der Zeit, als er zum rechtskonservativsten Arschloch diesseits des Papstes mutierte, aber auch damals hatte er schon zu viele (sehr gelbe) Zahne für nur ein Gesicht.

Zwei Nonnen gibts zeitgemäß auch, und Nancy Olson, die Betty Schaeffer aus Sunset Boulevard, erkennt man gereift wieder. Sie spielt die Mutter von Linda Blair, die, anscheinend vom anstrengenden Exorzistentum gebeutelt, neue Nieren braucht. Sie hatte aber auch eine ungesunde Hautfarbe in den Filmen.

Den Part der Stewardess, die das Flugzeug nach Abgang der Piloten fliegen muß, spielt Karen Black. Karen Black war für amerikanische Filme der 70er das, was Prilblumen für deutsche Küchen waren: überall, ärgerlich, nichtssagend, charakterlos, und schwer zu entfernen. Aber erstaunlich, wie wenig Wind in dem immerhin geplatzten Cockpit zur Verfügung stand, um ihre Frisur wenigstens ein wenig mehr dramatisch durcheinander zu bringen.

Was auffällt im Gegensatz zum 00er “Snakes on a Plane”: Heutzutage hat der Verbraucher enscheinend mehr zu sagen, im 75er Airport pochen die Passagiere noch nicht so sehr auf ihr Recht auf Erfüllung der Dienstleistung und Information und lassen sich selbst in der größten Turbulenz noch mit Minibarportionen von Bourbon abfinden.
Und Karen Black darf das Flugzeug noch nicht alleine landen, denn damals gestand man Charlton Heston noch eine Existenzberechtigung zu. Heutige Stewardessen in Katastrophenfilme können ihre Flugzeuge schon auch selber landen.

(oops, welch peinliches timing, fast genau 30 jahre nach der landshut. sorry.)

krankheit als weg

Nun gönne ich mir also einen Krank-Tag und gebe mich pudelwohl in mein Elend. Kann ungeniert husten, niesen, schneuzen, eine Pyramide aus Taschentüchern aufbauen, und wenn die Knochen weh tun, drehe ich mich eben in eine andere Position.
Während draußen ein goldener Oktober tobt und in mein Zimmer scheint.
Soll mir keiner vorwerfen, ich würde mich nicht gut um mich kümmern. Gottseidank hatte ich am Wochenende einen meiner seltenen Shopping-Anfälle bei Amazon und habe einen großen großen Stapel Filme hier zu liegen.

Hach, was gehts mir schlecht!