Archiv für den Monat: Dezember 2010

Allein Allein

Für die meisten ist allein sein gleichbedeutend mit einsam sein und damit schrecklich und unerträglich, mir ist das noch nie passiert.
Ich bin gern allein und fühlte mich nur ganz selten einsam – das wurde gut trainiert in Kindheit und Jugend, ohne Freunde auf so einem Mistdorf.
Nach 1450 km und insgesamt über 25 Stunden Autobahn mit 96 Stunden “Weihnacht” dazwischen ist meine soziale Kapazität ausgereizt. Und gegeben hat mir das ganze auch nichts außer einer tiefen Erschöpfung. In den letzten Jahren war das Weihnachten mit der Restfamilie wichtig für das Vorankommen, die Trauerarbeit. Dieses Mal war es eine sinnlose Pflichtübung, nicht mal “Frohe Weihnachten” haben wir uns untereinander gewünscht, der von meinem armen Schwager mühevoll aufgestellte Weihnachtsbaum blieb ignoriert, und das leere Haus war einfach nur noch kalt und leer und keine Heimat mehr.
Ich glaube ich werde mir das nächstes Mal sparen. Und die nächsten Tage in Quarantäne zuhause verbringen, gut gepolstert mit Entertainment und lecker Essen und Trinken. Und Silvester werde ich garantiert keinen Fuß vor die Tür setzen. Auch ein erstes Mal.

Der Weltfrieden ist nahe!

Woher ich das weiß?
Ganz einfach, ich habe sichere Indizien!
Es ist nämlich so, daß der Herr Lucky vor kurzem mal wieder den Geldbeutel verloren hat, mit Perso, Führerschein usw. Na gut, es ist zwei Jahre her, aber wissen Sie, wie die Zeit rennt? Vor allem wenn man immer für NÄCHSTE Woche plant, mal einen Tag auf dem Bürgeramt zu verbringen, und niemals DIESE Woche? Sehnse! (Und dabei liegt das Amt direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite.)
Jedenfalls, im Internet einen Termin gemacht, und gesagt, na, das glaub ich erst, wenn ich es sehe. Gesehen habe.
Also gestern morgen eine Viertelstunde vorher hin, um diese grottenhäßlichen Fotos zu machen, und siehe da, nein, ich habe keine 7 € in Münzgeld dabei, also wieder raus, wechseln, Fotobude niederstarren, 4 häßliche Fotos entnehmen, in den Warteraum, und Oh Wunder, meine im Internet gezogene Nummer leuchtet schon auf.
Der Wartesaal sah ansonsten aus wie ein Flüchtlingscamp im Bosnienkrieg, dreifach überbesetzt, Menschen in 4lagiger Winterkleidung und entsprechender Aromaentwicklung saßen in den Pfützen aus Schneematsch aus Moonboots, Babyspei und was es sonst noch so gibt.
Herr Lucky blickt nur kurz drüber und eilt dann zu Zimmer 2, wo er namentlich empfangen wird. Von einer großen Delphin-Freundin, wenn man das von den 20 Delphin-Postern an so urteilen kann. Naja, everyone has a happy place.
Die Sachbearbeiterin hat außerdem sogar ein kleines EC-Lesegerät am Pult, wo ich gleich zahlen kann, also nicht raus an die Kasse anstellen, und wieder warten.
In einer Viertelstunde war ich fertig, nur unterbrochen von einer Kollegin: “Vera, du mußt helfen! Da ist ein Kunde, der will seinen Personalausweis im INTERNET benutzen1 Was mach ich denn da?” “Ich kann jetzt nicht, ich hab Personalausweis UND Führerschein!” “Oh” “Da mußt du Frau Müntzer anrufen, die hatte sowas schon mal, glaube ich.”

Fun Facts: Wenn man sich den Führerschein zuschicken läßt statt abzuholen, hat man ihn in 3 Wochen statt 6 Wochen. Der Perso dagegen kann nicht zugeschickt werden, und man sollte nach Eingang des Bescheids noch 7-10 Tage warten, bevor man ihn abholt.

Vera, meine Delphinsachbearbeiterin hat es aber glaub ich doch nicht richtig verstanden, als ich meinte, daß jetzt Weltfrieden und Abschaffung des Hungers in greifbare Nähe gerückt seien, wo sie doch den Ämtergang mittlerweile auch in den Griff bekommen haben.

Rückrufaktion

Eigentlich gefällt es mir ganz gut, daß mein Mobiltelefon weg ist, one less bell to answer.
Andererseits sind, fürchte ich, alle gespeicherten Nummern wahrscheinlich auch weg, wenn Sie also so freundlich wären, mir Ihre Nummern nochmal per Mail zukommen zu lassen? Wär doll!

Meine hieß Anna

Von vorne wie von hinten: Anna.
Ich hatte eine böse Oma, Berta, die Stiefmutter meiner Mutter, und eine gute, Anna, die “Oma vom Berg” (Im Dorf hatten alle Häuser neben Hausnummern auch Namen)
Die Oma vom Berg war klein, rund, eine richtige Bilderbuchoma. Ich wurde oft dort abgeladen als Kind, und hatte dort etwas, was ich sonst nie und nirgends hatte:
Sie ließ mich sein. Einfach sein.
Man brauchte keinen Grund, dort zu sein, man wurde nicht gefragt, was man gerade macht, sondern man war einfach da. War einfach. Geborgen.
Wahrscheinlich der einzige Ort dafür, damals.
Sie selber hatte auch meist am liebsten ihre Ruhe, blinder Aktionismus war nicht ihr Ding, und wenn ich da war, hatte sie Zeit, Abwasch, Putzen, alles konnte liegenbleiben.
Eine Insel für mich, vom Mutter-Regime.
Was sie aber mit mir tat, war in den Garten zu gehen. Mir zu zeigen, wie man Blumen sät und pflegt und vermehrt, wie die Pflanzen alle heißen, wofür sie gut sind, ihre Schönheit zu sehen.
Auch zu erklären, warum sie jetzt sterben oder krank sind, und daß das auch gut ist. Sie hat mich im wahrsten Sinne geerdet, noch heute bin ich im Garten nach spätestens 10 Minuten auf allen Vieren, lasse die Gerätschaften weg und buddele mit beiden Händen in der wohlriechenden Erde herum.
Oder sie nahm sich die Zeit, mit mir spazieren zu gehen. (Niemand nahm sich jemals Zeit für mich, Zeit gab es nicht, es gab nur Arbeit. Oder Erschöpfung.) Auf den Spaziergängen zeigte sie mir Ginster, Hagebutten und den Wald, verriet mir die Namen der Schmetterlinge, sah mit mir den Wolken hinterher und half mir über überfahrene Hasen hinweg.
Ich habe etwas, was mir bisher noch nichts und niemand nehmen konnte: ein Verständnis, ein Verstehen von Leben, vom Kreislauf des Ganzen, eine Art Grundvertrauen, das das Schlimme mit einschließt und einordnet.
Das habe ich von ihr, Anna, Oma vom Berg.

Sie hatte Diabetes, was ihr herzlich egal war, wenn sie nun mal Appetit auf Kuchen hatte. Als ich acht war, amputierte man ihr ein Bein. Ein langer Winter, ich wartete ungeduldig darauf, sie im Frühling dann eben im Rollstuhl spazieren zu fahren.
Dazu kam es nicht mehr, sie starb am 31. Marz 1977, war die erste Tote, die ich in meinem Leben sah, und sie fehlte mir unendlich an meinem ersten großen Fest, als ich ein paar Wochen später meine erste Kommunion hatte.
(Und es dauerte dann noch 2 Jahre, bis ich meiner Mutter dann endlich ein hinterstes Eckchen Garten nur für mich abgeschwatzt hatte, mit dem ich machen konnte, was ich wollte. Sie hatte Angst, daß´es verwahrlosen und ihrem Regiment entzogen werden könnte.)

Mist, I did it again…! Vorsicht Weihnachtsfallen!

Gestern abend mich mit einer imaginären, aber deftigen Ohrfeige zur Selbstbesinnung gebracht, als ich mich mit einer Lichterkette und Mini-Christbaumkugeln in der Hand an der Kasse des Supermarkts erwischt.

Und dann, zuhause, entdecke ich das grauenhafte, schlimme, wahre Übel: ich habe mich wieder vergriffen und dieses menschenverachtende Saison-Klopapier mit “Winterduft” gekauft, aus Versehen!
Gemerkt habe ich es erst, als ich mich wunderte, warum die ganze Wohnung nach Zimtimitat stinkt statt kaltem Rauch.
Ächz! Sowas sollte verboten werden!
Wer will denn um Himmelswillen, daß der Poppes nach Zimt & Bratäpfeln riecht???
Ich finde das ist ein Fall für den Europäischen Gerichtshof!

First Marriage, then Love? oder: Schade!

Wurde es uns weggenommen
oder ist es weggeschwommen
wird es einmal wiederkommen?
ach.
Würstel und Speck
alles weg
Schade!
(Cora Frost)

Ein wenig wund heute, gestern Spontan-Dinnerdate mit dem letzten Ex – vor 9 Jahren und 10 1/2 Monaten haben wir uns das erste Mal gesehen.
In den zwei Jahren, die wir zusammen waren, haben wir und anscheinend so gründlich gegenseitig geschädigt, daß keiner von uns mehr eine weitere Beziehung auf die Reihe bekommen hat, gut, bei mir kam ja auch noch der Burnout dazwischen.
Es ist schön, wieviel Nähe und auch Liebe nach der Trennung und ein wenig Quarantäne heutzutage möglich ist, auch wenn die Bilder, wie man die Geschichte erlebt und eingeordnet hat, kaum mehr aufeinander passen – erstaunlich, wie Selbstbild, wie selektiv Erinnerung auf beiden Seiten funktioniert.
Und doch, es bleibt die Frage, was wäre, hätten wir die Krise damals irgendwie gemeistert oder einfach ausgesessen. Vielleicht hätten wir heute eine Hausgemeinschaft, und ein, zwei Kinder.
Wo sind die Tränen von gestern abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr? Erinnert man sich in einer 30jährigen Ehe noch an den Streit, die Krise vom Jahre Schnee?
Es hat zwar bis 3 Uhr gedauert, aber nach langem Hin und Her konnten wir dann immerhin ein vorsichtiges “Schade” gemeinsam verabschieden. Immerhin.

Six Teeth Under

Wahrscheinlich sollte ich mir ernsthaft Gedanken über Mundgeruch machen, wenn die Zahnärztin, als sie nach einer längeren Behandlung den Mundschutz abnimmt, dicke weiße Ränder unter der Nase hat, genau wie so ein Bestatter über einer gut abgelegenen Leiche.
ich hoffe, es lag nur an dem Abendessen, da hatte ich vergessen, daß ich am nächsten Tag so einen Termin habe.