Archiv für den Monat: Dezember 2012

Kein Jahresrückblick

Weil, was weiß denn ich, was ich beispielsweise im März so war oder hatte? Gut, ich könnte hier nachlesen, aber das können Sie selber ja auch, so what’s the point?
2012 im Großen und Ganzen ein gutes Jahr, stabilisierend für meinen emotionalen Haushalt, und, stellense sich das mal vor, das beste Jahr für die Firma ever!
Weihnachten mal wieder komplett überanstrengend und überflüssig, aber das erzähle ich Ihnen ja auch schon seit Jahren. Plan fürs nächste Weihnachten: vorher einen Kerl ranschaffen, dann hab ich ja auch selber sowas wie Familie und darf dann auch andere Pläne haben. Also auch vor mir selbst jetzt, als Rechtfertigung.
Das Jahr eingeläutet mit ganz großen Glocken gleich am Neujahrstag, und einer ganz großen emotionalen Herausforderung, genau an der Stelle, an der ich am verwundbarsten bin, aber ich hab das ganz gut rumgedreht, bzw. gemeistert. Nein, das müssen Sie jetzt nicht verstehen. Vielleicht erzähle ich es Ihnen mal.
Gestern während des Chats mit einen recht häßlichen Marokkaner, der mich toll fand (ich fand das safe, denn er war ja in Marokko, außer daß sich später rausstellte, daß er bald in Berlin ist) die Gegenfrage auf mein jahre- ach jahrzehntelanges Dilemma bezüglich Partner- und Sexlosigkeit gefunden. Die einfachsten Fragen sind ja praktisch immer die besten Antworten: Ja, warum den eigentlich nicht? Mach doch einfach! Was soll schon passieren?
Und somit hätte man dann auch gleich einen Vorsatz fürs nächste Jahr. Vorsätzlich.
Und Sie, kommse gut rein! Ich wünsche Ihnen ein gloriöses 2013! Glans und Gloria! Für alle!

PS: Und entschuldigen möchte ich mich bei all den lieben und großartigen Menschen, die ich als meine Freunde betrachte, bei denen ich mich aber nie oder viel zu wenig gemeldet habe. Ich weiß sehr zu schätzen, daß ihr nicht aufgebt und gelobe Besserung.

Staffellauf des Todes

So ein Blog ist doch ein feines Ding, und so war ich grade sehr glücklich mit meiner letztjährigen Formulierung Staffellauf des Todes.
Und was auch glücklich macht, ist daß dieses Jahr niemand gestorben ist, um den ich trauern müßte, so daß jener Staffellauf unterbrochen ist. Kunststück, die Reihen haben sich ja auch weitgehend gelichtet. Und die nächste Generation hat hoffentlich noch ein weng Luft, Sis und Schwager sind ja erst 61 und 65. Hoffentlich.
Ansonsten heute wieder wie immer: bevor ich meine Jahresendreste mit Neffen auf die Autobahn haue noch Blumen (viele Blumen) für den Friedhof besorgen, im kalten müffligen Haus ankommen, und dann die Feiertage überstehen.
Ich wünsche mir, daß ich es hinbekomme, da auch mal was beizusteuern, vielleicht eine Leichtigkeit, vielleicht ein bißchen Liebe oder so.
Ansonsten äh-bäh, erkältet, die Ohren sind zu, und nach Tagen außenrum tropfen und spülen festgestellt, daß´sie von innen zu sind. Verständlich, sie wollten wohl nix mehr hören, geht mir auch so.
Deswegen in der Apotheke dieses eklige Gelomyrtol erstanden, und jetzt ist alles Eukalyptus, jeder Geschmack, jeder Rülpser (nein, ich rülpse nicht, selbstverständlich!) ist Eukalyptus. Selbst die Zichten schmecken wie Mentholzichten – ich bin ein Koala, ein Weihnachtskoala. Bäh.

Fast wie bei Dickens

Da steht sie nun, und mir bleibt die Spucke weg.

Ende November ging sie ins Krankenhaus und ich habe seitdem nichts von ihr gehört, jetzt hat sie sich für heute angemeldet, aber auf das war ich nicht vorbereitet.

Keines der drei Paar Augen hat beim Bewerbungsgespräch gesehen, daß sie schwanger, ja sehr schwanger ist, sie hatte ein kleines Hängerchen an, erst als sie zur ersten Schulung kam, sah man den großen kugelrunden Bauch mehr als deutlich an der sonst sehr schlanken, fast abgemagerten Figur.
Die beiden anderen wollten sie eigentlich nicht einstellen, zu Aso irgendwie, beschädigt, aber ich sah in dem großen Pack Unsicherheit vor allem ein paar schlecht durchlebte Jahre, und für mich blitzte so eine Art zähe, intelligente Frechheit auf, so daß ich dachte, das kann sie schaffen.
Natürlich hätte ich keine Schwangere eingestellt, für die Zeit der Hauptsaison an der Außenstelle, die Belastung dort ist unglaublich groß von Oktober bis Januar, und da kann man den anderen Kollegen rein gar nichts zumuten, alles ist auf Kante genäht. Aber nun konnte ich es, schon rein rechtlich, nicht mehr rückgängig machen, und es war sowieso eine befristete Aushilfsstelle.
Wie es sich rausstellte, war auch nicht so klar, ob sie sich ihrer Schwangerschaft überhaupt bewußt war – sie rauchte wie ein Schlot und jeden Feierabendsekt, oder Frustsekt, den es an der Außenstelle gibt, trank sie eifrig mit. Alle Fragen der Kollegen nach ihrem Bauch blockte sie sofort und unmißverständlich ab. In mir setzt sich die Ahnung fest, daß so also diese unvorstellbaren Schwangerschaften verlaufen, wo man das Baby dann im Hinterhof hinter den Altpapiertonnen findet, und die Mütter dann sagen, sie hätten das alles verdrängt.

Und jetzt steht sie da an der Tür und hat ein Frühgeborenes auf den Bauch geschnallt – die kleine Julie ist über zwei Monate zu früh geboren, noch ganz klein und rot, gerade erst 12 Tage alt, aber gesund. Die Mama dagegen ist noch sehr geschwächt, 26 Jahre alt ist sie, aber doch erst eher 17. Beim Auspacken des Babies aus Bauchgurt und diversen Lagen Jacken muß ich ihr helfen, sie ist noch sehr unsicher mit ihrem Baby.
Die Hauptsache aber, und das merke ich sofort und überdeutlich, sie liebt ihre kleine Tochter über alles, das Rauchen hat sie sofort nach der Geburt aufgegeben, und sie stillt. Es steckt eine gewaltige Macht in weiblichen Hormonen und einer Geburt, offensichtlich.
Sie hat sich bei 5 Grad minus und Schnee und Eis mit den kleinen zarten Wesen quer durch Berlin geschleppt und sitzt nun da, wie ein Hund. Sie sagt nicht viel, und ich bin bald am Ende mit improvisieren.
Und sie bleibt doch sitzen.
Irgendwann nehme ich das winzige Bündel auf den Arm, erstaunlich schwer ist die kleine Julie, ziemlich rot und sehr warm, sehr wohlriechend nach Baby, und alles dran, offensichtlich.
So ein Baby ist ja schon ein wenig gruselig, ein Organismus, der einzig auf Überleben eingestellt ist, bei aller Schutz- und Wehrlosigkeit. Die kleine Julie wird sich sicher etwas dabei gedacht haben, als sie entschlossen hat, den für sie wahrscheinlich unwirtlichen Mutterleib zwei Monate früher zu verlassen. Und Babies haben ja auch unglaubliche Ressourcen, wie oft findet man bei Erdbeben noch nach langer Zeit, wenn alle Hoffnung schon längst vergangen ist, noch lebende Säuglinge unter den Trümmern.
Langsam, tastend und unsicher fängt A. dann an zu erzählen, sie habe ein schreckliches Jahr gehabt (es waren wohl ein paar schreckliche Jahre mehr, denke ich), vom Vater habe sie sich getrennt, ein Drogenabhängiger (alles außer Heroin, sagt sie), der mit 14 von zuhause abgehauen ist, und ihr gegenüber auch schon gewalttätig wurde. Sie selbst ist mit 16 zuhause weg, sie kommt mit dem Vater nicht klar (die Geschichte dahinter möchte man wohl auch nicht wissen), hat zwei Ausbildungen gemacht, aber zu Mutter und Oma in der Kleinstadt an der Grenze zu Polen hat sie sehr engen Kontakt, sie kommen seit der Geburt, wann immer sie auch können. Sie möchte aus der Einraumwohnung in der Platte in eine größere ziehen, in eine schönere Gegend, für Julie.
Sie macht sich Hoffnung, daß die Begegnung mit seiner Tochter einen ähnlichen Effekt haben wird wie auf sie, und er läßt seine Drogen sein. So sanft wie möglich, aber deutlich, versuche ich ihr beizubringen, daß ein Baby sicher nicht eine jahrelange Drogensucht heilen kann. Ich rate ihr, ein Treffen noch möglichst lange hinauszuschieben, oder ganz sein zu lassen, sie habe doch nun erst einmal genug damit zu tun, für sich und ihre Tochter zu sorgen. Und wenn überhaupt, ein Treffen nur in Begleitung und nicht zuhause sondern in der Öffentlichkeit, für den Fall der Fälle. Ein Gedanke, den sie nach einer Viertelstunde langsam aufgreift und gut findet.
Währenddessen wird die kleine Julie auf meinem Arm immer heißer und schwerer. Ich versuche, A. zu stärken, zu ermutigen, herauszufinden, ob sie aufgehoben ist, ein Supportsystem hat (es gibt neben Mutter und Oma eine Freundin und eine Hebamme, die kommen), und während des ganzen Cheerleading wird mir mein Herz ganz schwer.
Ich kenne die A. ja so gut wie gar nicht. Und bin mir unsicher über meine Rolle, als Arbeitgeber habe ich natürlich Verantwortung, und als Mensch sowieso, aber doch nicht so? Ich kenne so viele Menschen, sie sich sehnlichst ein Kind wünschen, und hier sitze ich mit einem Frühgeborenen auf dem Arm und weiß nicht, ob das kleine Wurm jemals eine Chance haben wird, oder gleich in die Mühlen des Jugendamts überführt werden wird.
Klar ist, daß A. ihre Tochter unabdingbar liebt, aber was nicht klar ist, ob sie wirklich für sie und sich sorgen können wird.
Es ist sehr spät geworden, und da ich A. bei diesem Wetter nicht der S-Bahn überlassen will (und weil ich wissen will, wo sie wohnt) fahre ich sie nach Hause. Dorthin, wo die Landsberger Allee gleich hinterm Velodrom zur Trabantenstadt wird, in der Dunkelheit, Kälte und mit der dicken Schneedecke neben der sechspurigen Straße sieht es aus wie Sibirien. Und mein Herz sinkt gleich noch etwas tiefer.
Auf dem Heimweg fühle ich mich wie ein rohes Ei ohne Schale, habe Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals. Und frage mich gleichzeitig, ob ich nicht einem gewaltigen geschmacklosen selbstausgedachten vorweihnachtlichen Sozialporno aufgesessen bin, und meine Gefühle reiner Kitsch sind.

Auf den Geiger

“Hallo Lucky, hier ist Ylotte, stell dir vor, jetzt ist morgen doch noch ein Termin bei Franzi frei geworden!”
(Ich war schon ganz verzweifelt, dieses Jahr keinen Friseurtermin mehr zu bekommen, die blöde Kuh hätte mir ja mal Bescheid geben können, daß sie wieder da ist, nachdem sie meinen letzten Termin Ende September(!) abgesagt hatte.)
“Puh, das ist ja großartig, ich seh nämlich schon aus wie dieser berühmte Geiger!”
“David Garret? Dann brauchst du aber wirklich keinen Termin, laß das so!”
“Nee, der andere, Andre Rieu, nur dicker!”
“Achso, ok, dann sehen wir uns morgen!”

Entertainment in Schwarz-Weiß

Bin ja heute leicht zu amüsieren. Schaue grade den doofen Krähen zu, wie sie dauernd wegen des Schnees von den Mauervorsprüngen runterrutschen, und es absolut besessen trotzdem immer wieder versuchen. Oder wie sie der Wärme wegen auf den Schornsteinen sitzen und immer völlig entrüstet reagieren, wenn sie Rauch abkriegen.