Archiv für den Monat: Februar 2012

Tango

Hotel Mama hat grade eine verschüttete Erinnerung geweckt, eine der schönsten Dinge, die ich jemals gesehen habe.

Vor Jahren, als ich noch mit dem Sitzgeiger zusammen war, hatte er einen Gig als Stehgeiger in einem Tango-Orchester, argentinisch. Der Gig war im Palais am Funkturm, ein komplett irrealer Ort. Dort sind die deutschen Sechziger wie in einer Zeitkapsel gefangen, und mit der richtigen Beleuchtung erwartet man, daß jeden Moment die junge Romy Schneider die Treppe herunterkommt, gefolgt vom jungen Horst Buchholz und Hardy Krüger – ein verzauberter Ort.

An dem Abend aber gab es argentinischen Tango, eine wunderschöne Musik, die ich aber leider nicht so richtig verstehe in ihrer Um-sich-Gewundenheit, so komplett anders als unser europäischer Tango-Marsch.
Die Tanzfläche war gefüllt von Paaren, die offensichtlich versucht hatten, ihrer welkenden Beziehung mit einem Tangokurs wieder einen Pfiff zu geben, und entsprechend hölzern oder athletisch oder eben größtenteils verzweifelt sahen ihre Versuche auf dem Parkett auch aus.

An einem Tisch jedoch saß eine, ich nehme an, argentinische Großfamilie, offensichtlich gehobenen Standes, vielleicht Diplomaten. Und von jenem Tisch erhob sich ein uraltes Pärchen, weit über 80, würde ich sagen, und bewegte sich in Zeitlupe auf die Tanzfläche. Er im Smoking, sie in einer langen glitzernden Robe, stellten sie sich in der Mitte der Tanzfläche auf und begannen zu tanzen.
Das heißt, sie schlossen beide die Augen, und nur die leisesten Bewegungen, eine kaum wahrnehmbare Ausfallbewegung hier, eine Andeutung von Auffangen da, und ab und zu ein leichtes Drehen der Köpfe. Mehr nicht.
Allein das Leuchten in ihren Gesichtern ließ erahnen, welch einen Tango die beiden tanzten, vielleicht derselbe, den sie vor 65 Jahren damals in Buenos Aires getanzt haben, als sie sich kennenlernten.

Motley

Dafür, daß es leider einfach nicht dazu reicht, daß ich meine vierfarbigen Bartstoppel mal ab und an zu einem ordentlichen Bart heranzüchten kann, wenn mir danach ist, ist es doppelt ärgerlich, daß die wenigen Stoppeln dann aber bis an ie Augen ranwachsen, so daß ich mir ab und an sogar die Tränensäcke rasieren muß.

Alles was wir geben mußten / Never let me go

Kleiner, aber sehr großartiger Film!

Ein Kinderheim in der englischen Provinz in den 70ern, süße Kinder, wohlerzogen, vielleicht ein wenig ärmlich, aber wohlversorgt. Gefilmt in den warmen, sanften Tönen, die man aus englischen Filmen so kennt, viel englische Countryside.
Aber: die Kinder sind gezüchtet, geklont, sie leben nur, um später als Organspender verwendet zu werden, denn in den 50ern sorgten aufsehenerregende neue medizinische Erkenntnisse dafür, daß alle Menschen krankheitsfrei über 100 Jahre alt werden können. Zum Preis der extra dafür gezüchteten Spender-Menschen.
Die Kinder wissen das, aber sie verstehen es noch nicht, bis eine neue Lehrerin ihnen das in Worten erklärt, die auch die Kinder verstehen. Der Aufruhr, das Auflehnen aber bleibt komplett aus. Still und sanftmütig akzeptieren die Kinder ihr Schicksal.
Wahrhaft herzbrechend die Szene, als die Kinder eine Lieferung von Spielsachen bekommen, die sie sich von durch kleine schulische Leistungen erworbenen Plastikchips kaufen können.
Es sind alles gebrauchte Spielsachen, die meisten davon kaputt oder sehr schäbig. wohl gespendet von der Welt da draußen.
Der Film folgt dem Schicksal von 3 Kindern, die als junge Erwachsene von einer sehr intensiven Carey Mulligan und einem unglaublichen Andrew Garfield dargestellt werden, sogar Keira Knightley, deren übliches Zähnefletschen ihr eigentlich nur eine Gastrolle in der nächsten Alien-Sequel sichern sollte, macht ihr Ding gut.
Es ist ein sehr ruhiger Film, in schönen Bildern, bis auf zwei poignante Szenen ohne nennenswerte Gefühlsausbrüche; die Charaktere sind in der ruhigen Welt gefangen wie in Melasse und ergeben sich weitgehend ruhig undwürdevoll ihrem unwürdigen Schicksal. Keine Revolution, keine Wut, keine Verzweiflung, kein Schrei nach Rechten, keine Fluchtgedanken.
Und genau darin liegt der wahrhaft genial perverse Kniff der Erzählung: Als Zuschauer ergibt man sich ja der Erzählhaltung, der Anglist nennt es the willing suspension of disbelief, also die willentliche Haltung, das Gesehene so anzunehmen, wie es erzählt wird. Und so übernimmt man weitgehend die Haltung der Figuren, nur am Rande fragt man sich, warum sie sich nicht auflehnen oder ist empört über das unmenschliche System. Man wird quasi zum Akzeptieren manipuliert, und wundert sich über die seltsame gleichmütige leicht melancholische Identifikation mit dieser unertraglichen Welt, die einem gezeigt wird.
In den letzten Worten des Films offenbart sich dann das wahre Ziel des Films:
What I’m not sure about, is if our lives have been so different from the lives of the people we save. We all complete (=die). Maybe none of us really understand what we’ve lived through, or feel we’ve had enough time.

Es ist gar kein Film über die unmenschliche Sitation der geklonten Organspender, es ist ein Film über unser aller unmenschliche Existenz. Und die stille, heldenhafte Ergebenheit und Würde, mit der die meisten von uns jeden Tag bestreiten.
Genial.
(Und ganz ausnahmsweise ist soger der deutsche Verleihtitel viel besser uns treffender als der originale.)

Kick the Hipster

Vorgestern fast nicht aus der Bäckerei heraus gekommen, und das kam so:
Eins dieser Hipsterpärchen war in der Tür stecken geblieben, die Umhängetaschen akimbo, auf den Ohren die obligatorischen Riesenkopfhörer unter Schlubbermütze, der eine telefonierte während er dem anderen irgendwas aus seinem iPhone zeigte und dabei hatten sie die Welt vergessen.
Ein beherzter Tritt machte die Tür dann doch frei, es ist aber nicht so gewesen, daß die beiden irgendwas gemerkt hätten oder sich auch nur gestört fühlten.

Das Gefühlsleben ist eine billige alte Schlampe

Jawohl! Und wissen Sie, warum ich das weiß:
So wie eine billige Schlampe in seiner oder ihrer verwahrlosten Wohnung einfach aus dem Haufen Dreckwäsche irgendwas zum Anziehen rumfischt, (und tun Sie nicht so, als ob Ihre Wohung immer nach Schwiegermutterbesuch aussieht, das glaubt Ihnen keiner!), so fischt sich der emotionale Haushalt immer die ältesten abgetragensten Teile mit den meisten Flecken raus, wenn keiner aufpaßt.
Einfach, weil sie am nächsten liegen, obendrauf, noch nach einem riechen, weil man sie doch eh meist trägt, oder weil sonst nichts einfällt.
An Montagmorgen also am ehesten was mit Terror-, Selbstmitleid- und Ogottogott-Muster, das mit den großen Angst-Schweißflecken unter den Armen. Oder doch die Kombi, die dir in der Rotwein-und Tränen-Nacht neulich so gut gestandne hat?
Ich werde ab sofort Kontrolle machen, wie wir das Haus verlassen, und mal sehen, was der Kleiderschrank bzw. das emotionale Arsenal sonst noch so bereit hält.

Es wird – muss ja

Nee, keine gute Zeit gehabt die letzten Monate, zuviel Ungewissheiten, laufende Verhandlungen mit offenem Ausgang, und machen Sie das mal, die ganze Firma durch die Monate zu schieben, und nicht wissen, ob der Abhang da vorne in 3 Monaten nicht doch eine Steilklippe ist.
Und zu durch gewesen, um zu verhindern, das Ganze auch noch persönlich zu nehmen.
Folgen: monatelang unter Druck stehen, meistmöglicher Energieverbrauch mit mindestmöglichen Ergebnissen oder miinimalster Bewegung, irgendwo zwischen Im- und Explodieren, und natürlich hat sich das auf die Umgebung übertragen, was zu sehen schmerzt.

Aber jetzt scheint die Sonne, draußen auf der Terrasse balgen sich die Vögel um die Mandeln, die ich ihnen geopfert habe, Elstern und Drosseln, und eine Amseldame nebst Amselherr (sollte Evelyn nach all den Jahren noch fündig geworden sein? Welch tröstlicher Gedanke!), mit Glämmie nicht nur gelernt, toten Autobatterien Starthilfe zu geben, sondern gestern auch noch gelernt, ganz tote Autobatterien auszutauschen, eine ganz hochdramatische Situation ganz schnell und ich muß sagen hochelegant gelöst, und diese eine Entscheidung zumindest muß auch in den nächsten Tagen fallen.

UND: gestern Glammies erstgeborenes Buch in den Händen gehalten, als erster, und mit Widmung und auch Danksagung – was ein schöner Moment! Siehst so aus, als ob doch alles gut werden muß!

Die Rache der Belle Rosen

oder: My own private Poseidon Adventure

Das hätte ich mir ja denken können, daß das Karma das nicht auf sich sitzen läßt, daß ich die arme heldenhafte Belle Rosen ausgelacht habe in der Silvesternacht, obwohl sie mit ihrem Einsatz das ganze Schiff nebst Besatzung gerettet hat, und das nur, weil sie eben ein bissel dick ist, man bei ihrem Tauchgang ihre nicht eben zierlichen Schlüpper sieht und weil der Dickmadam danach die Puste ausgeht und sie stirbt.
Daß Shelley Winters das noch viel weniger auf sich sitzen läßt, geschenkt.

Und so kam es am Sonntagmorgen, nachdem man schlecht geschlafen hat, weil der wichtigste und größte Heizköper ausgefallen ist, zum höchstpersönlichen Poseidon Adventure.
Beim Versuch, den Heizkörper zu entlüften bricht das Ventil und man sieht sich einem strammen, anderthalb Meter hohen Strahl Heizungswasser ausgesetzt.
Natürlich Sonntags morgens um 10, und vor dem ersten Kaffee. Zumindest schnell noch den Fernseher weggeschoben, ansonsten steht alles auf Weltuntergang.

Was würden Sie tun an einem Sonntagmorgen? Hausmeister und -verwaltung kann man komplett vergessen, ruft man in einem solchen Fall die Feuerwehr?
Er wird es bereut haben, daß er mir seine Visitenkarte dagelassen hatte, aber immerhin ging er ans Telefon, und so kam es, daß ein tapferer, heldenhafter Heizungsmensch sich am Sonntagmorgen aus Kaulsdorf extra ins Auto warf, natürlich nicht, ohne daß ihn der gute Lucky auf herzzerreißende bejammern mußte.
Ein Hoch dem Handwerk! Wer hätte gedacht, daß es so etwas noch gibt!
Und jetzt, nachdem ich ca. 100 Liter Wasser, also 10 große Eimer, aufgewischt habe, hoffe ich auf einen trockeneren Verlauf des Restsonntags.