Archiv für den Monat: November 2013

And now my Heart is Full

Das war gestern keine Weihnachtsfeier, das war im wahrsten Sinn des Wortes ein Thanksgiving!
Fast 50 Leute in charmanter Umgebung mit leckersten Essen bestens bedient und das Wohlsein und die Wertschätzung flossen genauso wie der Wein (und der Schnaps, in manchen Fällen, nicht in meinem jedoch.)

Ein ausgewachsener Heteromann bat darum, mich mal umarmen zu dürfen, um mir für die Atmosphäre in unserer Firma zu danken, ein wunderschöner Mittzwanziger Jungvater könnte nicht glauben, daß ich zwei Jahre älter als sein Vater bin, wo ich doch viel mehr in seine Gruppe gehöre und sein Vater aber wirklich alt sei im Vergleich und schenkt mir eine Rose, die längst Ehemalige, die sich selber eingeladen hat, weil sie doch immer noch zur Firma gehöre, die Mit-Arbeiterinnen, die zwar nicht bei mir angestellt sind, aber eben bei uns mit-arbeiten und ganz neidisch sind, daß sie nicht bei uns angestellt sind. Eine davon zwingt mich beim Gehen, ihre beachtlichen Brüste anzufassen. Ich mag Brüste sehr, dolle Dinger das, also kein Problem.
Eine andere Ehemalige, die sehnsüchtig um sich blickt und von ihrem furchtbaren “Erwachsenenjob” erzählt, in den sie gewechselt ist.
Die Seelenschwester, mit der ich ihren Fortschritt reflektiere, wie sie sich nach schwerer Beschädigung in sicherer Umgebung wieder ihr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und Belastbarkeit zurück erarbeitet, und nebenbei erlernt, in einer Gemeinschaft zu arbeiten, die trägt und nicht versenkt. Ich bin so stolz auf sie.

Der Kreuzberger Restaurantchef, der mit leuchtenden Augen auf die Gesellschaft blickt, Weihnachtsfeiern sind ja sonst der pure Horror für ihn, wenn auch wirtschaftlich notwendig, und wie er feststellt: Schau dir das mal an, lauter Einzelstücke, nichts von der Stange!

Die I. mit ihrer ruhigen Gelassenheit, wie sie ihren Job macht trotz hauptberuflicher Vollzeitausbildung und Bandscheibe und mir stolz ein Foto von ihrer Freundin zeigt. Die B., die extra eine ganze Tagesration Milch für ihr Baby abgepumpt hat im Lager, um heute ordentlich feiern zu können – ich fürchte die arme kleine F. wird trotzdem heute abend den ersten Vollrausch ihres 3monatigen Lebens haben.
Auch wenn zum ersten Mal überhaupt später nicht mehr getanzt wird – ein glorioser Abend, in dem ich mir die Taschen voll Liebe stecken konnte für später und für harte Zeiten, und genau das was ich gebraucht habe, wenn man sich den letzten Post hier so liest.

Was ein Reichtum, so eine kleine eigene Welt mitgeschaffen zu haben. Gut, das kostet manchmal, es lohnt sich aber eben auch.

And though I walk home alone
I might walk home alone
But my faith in Love is still devout.

Achso: Wenn Sie noch einen tollen, wirklich herzlichen, großartigen Ort in Kreuzberg siuchen, um in kleiner oder großer Gesellschaft ganz außergewöhnlich lecker zu speisen und wirklich etwas zu feiern haben, dann gehen Sie ins Ruby’s, Skalitzer 81!
Sogar unser Ninchen ist satt geworden!

Walking wounded

Wenn man etwas nicht ändern kann, muß man es in den Arm nehmen, und so ist eine der besten Maßnahmen in diesem shittigen November ein strammer Spaziergang in möglichst schöner Umgebung, und scheiß aufs Wetter. Da kann man seinen Körper nicht nur an die Welt da draußen anpassen, sondern auch noch sein wehes Herz, grade sehr geplagt von existentiellen Verlustängsten und unglaublichen Zumutungen, ein wenig lüften. Und der alten Ratte Angst, die sich verdächtig ruhig seit ein paar Monaten verhält da unten im Keller, in der Mördergrube, ein wenig die Nahrung nehmen. Lüften statt Wunden lecken.

Der Schloßpark Babelsberg ist da ein schönes Ziel für einen strammen Spaziergang von anderthalb Stunden, das schöne daran die verschiedenen Gebäude, Dampfmaschinenhaus, Schloß (leider gerade eingerüstet), Kleines Schloß (mit fürstlich-piefigem Oma-Restaurant), Gerichtslaube, Flatowturm und Matrosenhaus (!). Das schöne an dem Landschaftsgarten sind die verschiedenen Höhenebenen, man kann laufen direkt unten am Wasser und oben auf der Höhe mit Ausblick über Seen und auf Potsdam.  Und das hier:

babelsberg

Von vorne sieht man dann, wie Michael (und nicht Georg, wie ich vermutet hatte, liebe Lone!) den Drachen tötet, schöner war es aber von hinten, so unvermutet hinter den Sträuchern auftauchend.

Am schönsten ist die Anreise über Klein Glienicke, wo sich ein kleiner Rundgang ebenfalls lohnt.

A better Place

Drum merke, Lucky, du kannst deine Fleischereifachverkäuferin dazu bringen, deinen Serranoschinken bitte ganz dünn zu schneiden, damit du nicht wieder so einen Block ungenießbares Räucherwerk nach Hause schleppst, aber du kannst sie nicht davon abhalten, den nun wirklich ganz fein geschnittenen Schinken so fest zusammen zu pappen, daß du auch mit dem selben Effekt aus dem Räucherkanten die einzelnen Fasern hättest rauspulen können.

Tschick gelesen, geweint

vor so viel Schönheit, liebevoller Haltung und weil diese Stimme, die von Wolfgang Herrndorf, verstummt ist.

Ich weiß, ich bin da aus der Zeit, den ersten Hype um das Buch habe ich irgendwie verpaßt und auch den um seinen Tod.

Selten, vielleicht noch nie, einen deutschen Roman gelesen, der mit einer so wundervollen Erzählstimme so viel Schönes, Nachdenkliches, Wahres, aber auch Pupslustiges in einem so kleinen großen Band unterbringt.

Hier in der Süddeutschen eine viel eloquentere Rezension.

Brief aus der Heimat

Lieber Lucky!

Dein neues Lebensjahr hat bereits begonnen – es tut uns leid! Ich wollte doch eine extra schöne Karte besorgen! Jetzt muß diese her halten. (Dafür hat sie sie mit Glitzerblumen beklebt, woher weiß sie?) Also: die allerherzlichsten Wünsche für das neue Lebensjahr – Gesundheit und Wohlergehen, Erfolg in Deinen Unternehmungen – dieses ist heute wichtig für ein normales Leben. Leider ist es nicht allen gegeben.
Hannah (die Enkelin) ist nun in Berlin. Ob sie sich bei dir gemeldet hat? Ich habe auch noch keine Adresse. Sie hatte mit Wohnung und vielem Glück. Berlin ist für mich sooo groß. Ich denke oft an euch S*er (aus unserem kleinen Dorf hat es 3, nun 4 nach Berlin verschlagen), bin aber stolz, daß ihr alle euren guten Weg geht. Unser Dorf wird von “Eingeborenen” immer kleiner. Sogar der Friedhof ist schon zu groß geworden. Wir bleiben aber den alten Dingen noch treu. Für Deine guten Wünsche zu Jakobs Geburtstag herzlichen Dank. Es hat ihn sehr gefreut. Im Moment ist Jakob stark erkältet. Bei so was meint er: wir werden alt! Ich antworte: wir sind alt! Alles das ist nicht schlimm – man muß nur jeden Morgen froh beginnen. Das wünsche ich Dir auch von herzen!

Nun lieber Lucky bleibe gesund, es geht schon so schnell auf Weihnachten zu – dann sehen wir uns wieder.
Mit herzlichen Grüßen
Jakob und Rosemarie

Und es stimmt, Jakob und Rosemarie sind alt, 86 und 81, von ihrem Bauernhof sind nur noch die freilaufenden Hühner in einer Scheune weiter weg übrig geblieben, die Jakob täglich mit einem uralten Fahrrad namens Hindenburg besucht. Von den Freilandeiern verehren sie mir immer 10-20, wenn ich da bin. Früher gab es auch selbstgeräucherten Schinken und selbstgemachte Sahne und Butter, als noch Vieh da war.
Die Tochter hatte mich einmal so mit Fragen in die Enge gedrängt, daß ich unfreiwillig zum Coming Out gezwungen war. Eine ganze Woche sah ich weder Haar noch Hut von Jakob und Rosemarie, bis dann doch die Gaben an der Tür lagen (sie legen sie immer diskret frühmorgens auf die Treppe vor die Haustüre, um nixcht zu stören, aber sicher zu stellen, daß der Junge was Gutes zum Frühstück hat). Sie brauchten die Woche wohl, um den Schock zu überwinden, und festzustellen, daß sich für sie ja gar nichts ändert, nur weil ich Schwanz lutsche. Ich bin sehr stolz auf Jakob und Rosemarie. Heimat, eben.