Archiv für den Monat: Mai 2015

Jonglage mit Keulen und Beule

Ich habe ein Dilemma: Wie alle ordentlichen Berliner oder wenigstens Kreuzberger habe ich eine heftige Abneigung gegen alle Menschen, die mir an der Ampel irgendwas andrehen wollen, also Scheiben wischen, Jonglage, Clownseinlage, whatever. Einem ehemaligen Angestellten habe ich, als er seine Stunden zugunsten einer Artistenschule reduzieren wollte, auf die Fresse angedroht, sollte ich ihn jemals an einer Ampel bei Mätzchen erwischen.

Nun steht an der Ampel irgendwo Ecke Gitschiner immer so ein Spanier mit bunten Klamotten und langen Haaren, und er lächelt immer ganz freundlich und unbedarft wie frisch vom Strand, wenn ich ihn beim Geldeinsammeln angnatze, so daß ich mich dann immer etwas schämen muß wegen eigener Verhärmtheit.

Gestern sichtete ich beim konsequenten an-der-Jonglage-vorbei-Gnatzen allerdings eine beachtliche Beule an dem jungen Mann, komplett mit eindeutigem Schwanzabdruck, und ich hatte eine durchaus gut unterhaltene Rotphase.

Mein Dilemma: gebe ich dem jungen Mann ab jetzt einen Euro für seine Beule, auch wenn ich das mit der Jonglage nicht unterstützen kann und möchte? Und wenn ja, ist das dann sexistisch?

When the Battle’s lost and won

Es ist ja nicht so, daß nichts passieren würde, nur weil hier nichts erscheint. Letztes Wochenende, ja, das schöne lange, habe ich zum Beispiel platt auf dem Sofa gelegen und meinen Herpes am Mund und meine Erschöpfung gepflegt, die ich wahrscheinlich beide mental von einem CEO und einem COO bekommen habe, deren Namen lustigerweise auch nur 2 ‘e’s als Vokale haben und sich so ähnlich anhören wie eben Herpes. Wer weiß, in welcher Branche ich arbeite, kann also jetzt lustig Namensraten spielen

So manch gewonnene Schlacht fordert eben doch ihren Tribut, und sei es in Form von Bläschen am Mund. Der Triumph aber, auf den bin ich besonders stolz, denn die Herren wollten uns im Zuge ihres erbitterten Konzerntalibanismus als Kollateralschaden in ihrem Kampf gegen einen (ebenso erbitterten) Feindeskonzern von unserem angestammten Platz fegen (es ist ein erbärmlicher Bauklötzchenkrieg zweier gar nicht mal so alter Männer, die ehemals Partner waren). Solche kleinen souveränen Siege im Sinne von “Überholen ohne Einzuholen” oder “ganz Gallien? Nein! Ein kleines gallisches Dorf…” sind mir eh die liebsten.

Viel viel viel Geld, sagte der CEO, habe er in die Hand genommen, um “klare Fakten” an jenem Standort zu schaffen, und sich das tolle Geschäft an Land zu ziehen, und gleich die “verlängerten Arme des gegnerischen Schurken” mit auszureißen. Kann man machen, oder wenigstens versuchen, aber wenn man schon die Katze im Sack kauft, sollte man zumindest den Sack mal anheben, ob er dann ein wenig was wiegt oder zumindest Miez Miez sagt. Gekauft hat er sich einen Haufen extrem unwilliger Kooperationspartner und viel heiße Luft, denn die Hälfte des gedachten Geschäfts hatte sich in der Woche zuvor verflüchtigt, was ich wußte, er aber anscheinend nicht. Geht halt nichts über verläßliche Quellen von drinnen. Mal sehen, wie er das seinen amerikanischen Geldgebern, Weltmarktführern, verkauft.

Kooperativ wie ich nun einmal bin, räumte ich das verlorene Terrain, und installierte uns – im wörtlichen Sinne – genau anderthalb Meter weiter am nächsten Fenster. Gute vertrauensvolle Zusammenarbeit, langjähriges Vertrauen und eine gewisse gemeinsame Abneigung gegen Konzernmackereien von vielen guten Patnern und Freunden machen aus dem großen Vernichtungskrieg so eine kleine Eulenspiegelei, die nicht nur mir äußerste Genugtuung bereitet. Man muß eben sein Terrain und seine Verbündeten kennen, dann kann man auch ohne Panzer bedeutende Siege erreichen.

Hätte der COO das gewußt, hätte er sich den überaus peinlichen Macker-Auftritt bei meinem Verbündeten ersparen können, in dem er sie vor die Tür setzen wollte, ohne zu wisen, daß es eher ihre Tür statt seiner war. Aber manche Leute lernen nur so (vielleicht).

Leider, leider hat sich der CEO seitdem nicht mehr gemeldet, sonst hätte ich ihm nur zu gern seinen guten Rat mit Dank zurückgegeben, als ich anmerkte, daß ich an dem Standort emotional sehr hänge, und er meinte, daß wir ja beide Geschäftsmänner seien und daß da dann Gefühle nicht so eine große Rolle spielen sollten.

Jedenfalls, immer wenn ich mal vor Ort bin, begrüßen mich etliche Menschen mit Umarmung und so viel wie sie mit mir auf dem Hof rauchen wollen, kann selbst ich nicht. CEO und COO hingegen, wenn sie stolz ihren neuen Standort besichtigen wollen, werden leider leider immer ein wenig einen bitteren Geschmack hinten im Mund haben, weil sie jedes einzige Mal immer ein wenig kotzen werden. Ick freumer.

Ein Nachspiel wird das Ganze wohl auch noch haben: im Zuge der Absicherung mußte ich mit vielen vielen Menschen kommunizieren, unter anderem mit einem zentralen Kunden des freundlichen Konzerns. Die haben dort schon sehr sehr lange die Schnauze voll und kommen nächste Woche mal vorbei – sie können gar nicht nachvollziehen, warum sie nicht schon längst mit uns statt mit denen arbeiten. Wenn das auch noch klappt, werde ich zwar jedesmal überprüfen müssen, ob auch alle Radmuttern fest sind, wenn ich ins Auto steige, aber:  die Samthandschuhe sind abgelegt, aber auch bei mir.