Archiv für den Monat: März 2014

Und wenn der Frühling kommt…

Die Arme und Schultern tun weh vom Cheerleaden, 5 Tage, zwei davon größtenteils Autobahn, fühlen sich gleichzeitig an wie eine Ewigkeit und ein schlechter Traum. Aber Mission erfolgreich, soweit, denke ich, fühle ich.

Seit “vor Weihnachten” weiß sie schon von dem Knoten in der Brust, und wer meine Schwester kennt, weiß, daß das alles bedeuten kann, von Sommer an oder seit Nikolaus. Sie hat nie grau, immer nur schwarzweiß, und davon meistens schwarz. Kein Wunder, bei den Traumen, die unsere Familie verkraften mußte, unter anderem starb unsere andere Schwester mit 29 Jahren nach 15jährigen Kampf gegen den Krebs. Sie hat dann bis nach Fastnacht gebraucht, bis sie iendlich zu einem Arzt ging, und erst danach hat sie ihrem Mann davon erzählt. Das sind viele verlorene Monate bei solch einem Thema, aber Angst ist ein starker, wenn auch mieser Ratgeber. Ich mag mir diese Monate, die sie alleine mit sich zugebracht hat, nicht vorstellen, aber wenn Ihnen das bekannt vorkommt, dann sind Sie nicht alleine damit.

Immerhin, irgend etwas hat sie bewogen, nicht so feige zu kneifen wie unsere Tante. Ob es die Angst war, oder ein doch noch gefundenes Vertrauen in das Leben, die Menschen und die Liebe, ich mochte das nicht hinterfragen. Konstruktiver war es, ihr zu sagen, daß ich stolz auf sie sei, und daß das der wichtigste Schritt war, der schwerste, der mutigste, der, der am meisten Kraft kostet. Den Kampf aufzunehmen, wenn auch verzweifelt und weinend.

Denn nach diesem ersten Schritt läuft die Maschine, Termine, Untersuchungen, OP-Termin. Die OP ist sehr gut gelaufen, brusterhaltend wurde der Knoten entfernt und “vorsichtshalber” auch gleich der Lymphknoten in der Achselhöhle.  Weitere Untersuchungen nach Metastasen, nicht unwahrscheinlich nach dieser späten Behandlung, und die Ergebnisse der Knötchen, die im Lymphknoten gefunden wurden, stehen noch aus. Bestrahlung sehr wahrscheinlich, Chemotherapie nicht unwahrscheinlich.

Es hat sehr viel Kraft gekostet, in jeder einzelnen großen und kleinen Krise, die teilweise minütlich kamen und gingen, tief hineinzusteigen und einen positiven Aspekt hervorzukramen und diesen wie ein Mantra so lange zu wiederholen, bis es alle glauben. Sogar mich selbst habe ich überzeugen können. Meist ein ruhiges rundes zuversichtliches Gefühl. Wenn man nicht weiterdenkt. Spin-Doktor, Doktor Spin, ich. Zuversicht, Mut und Willen sind beim Kampf gegen Krebs mindestens ebenso wichtig wie die medizinischen Möglichkeiten, wahrscheinlich sogar wichtiger. Aber ein steiniges Terrain, da ein paar Samen und Knollen davon unterzukriegen.

Der Schwester zureden wie einem kranken Tier, einem kleinen Kind, den Schwager beiseite nehmen, seine Kraft stützen und stärken, ihm zureden, daß er auf sich aufpassen muß, schließlich bekommt der Pilot als erstes die Sauerstoffmaske, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Seit sie ihm von ihrem Knoten erzählt hat, hat er sie keine Minute alleine gelassen, er ist mager geworden und liegt mit den Nerven blank. Sein Ding ist Radfahren, -zig Kilometer am Stück, und er mußte mir versprechen, daß er das mindestens eine Stunde am Tag tut. Den Neffen, der noch nie mit so etwas umgehen konnte, versuchen die Angst zu nehmen, und ihn vorzubereiten auf das Szenario, denn er macht Wachablösung diese Woche. Krisen haben auch ihr Gutes, vielleicht ist das die Chance, die schwierigen Familienverhältnisse zu kitten.

Und wenn Sie nun denken, da ist aber jemand in seinem Element, dann haben sie ein wenig recht. Es ist nur kein schönes Element. Sie ist meine letzte direkte Verwandte, und erst 62, sie hat noch Zeit und es muß gut gehen.
So langsam fange ich an, den Frühling und die Blumen auf meiner Terrasse zu hassen. Warum immer im Frühling?

Fucking Hell

Gestern nach den Telefonaten erst mal Crimes of the Heart geguckt, wegen Schwestern. ‘
Mannmannmann, verdammt. Sie hat doch gar nicht das Rüstzeug, das ist ganz dreckig, ganz ganz dreckig von dir, Universum. Und immer im Frühling. Arschloch.

Viertel Jahrhundert

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore;
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!

 

Heute ist ein ganz besonderer Tag: heute vor 25 Jahren zog der kleine Lucky mit all seinen Habseligkeiten und einem brandneuen Set von diesen scheußlichen unkaputtbaren achteckigen Services in schwarz und weiß, wie sie damals so schick waren, in einem vollgepackten Ford Transit über eben jenen Transit, auf die Insel, die Insel Berlin. Möglichst weit weg von seinem Heimatdorf, möglichst weit weg von der Familie, möglicherweise sogar, um in der großen Stadt komplett zu verschwinden (da hatte ich allerdings nicht mit der unbeirrbaren Hartnäckigkeit meiner Frau Mama gerechnet).

Freiheit, ein Neuanfang, grenzenlose Möglichkeiten in der eingegrenzten Stadt.
Vieles davon ist wahr geworden, vieles nicht vorgestelltes obendrauf.  Berlin ist mir eine gute Mutter gewesen und ist es noch, hart, kalt, grau, nachlässig, ungepflegt, aber wie warm und schön an manchen Ecken, Berlin hat mir meine Chancen gegeben, mich genährt und immer gut behaust und mir sogar eine Karriere geschenkt, obwohl ich nie wußte, was aus mir werden sollte.  Berlin hat mir einen unkapttbaren Freundeskreis geschenkt und eine Heimat, eine zweite Heimat für die letzten Dreiviertel meines Lebens.

Ob Berlin mich liebt, kann ich nicht so sagen, wohlmeinende Vernachlässigung ist so mehrdeutig.  aber: ich liebe Berlin!

Wenn ich mir jetzt noch was wünschen dürfte: nen feinen Kerl an meiner Seite, dann wärs echt komplett, Berlin – da geht doch noch was!?