Archiv für den Monat: Oktober 2011

Eigentlich wollt ich ja nur ‘nen Kirschplunder…

ich geh ja nie in die Bäckerei, wo Glams (in)famose Meene Sonne mit jovialer Hand regiert, sie liegt nicht auf dem Weg und insgesamt genügt mir ein halbwegs freundliches Guten Tag als Ansprache. Zur Not auch “Tach!”

Heute aber war es unumgänglich, und es war schon verdächtig, wie sie mich beim Verpacken des Kirschplunders ansah.
“Na, Sie warn aber ooch lange nicht mehr hier”
(Und ich dachte ich wäre low Profile unterm Radar durchgeglitten – Fehlanzeige!)
“Sie ham sich aber ganz schön verändert!”
“Öhm, ach, ahjah?”
“Ja, naja, doch, sie sind wat füllijer jeworn, oder?”
“Öh, ääh…” (Die Tür schon fest im Griff. Sehr fest.)
(Jetzt hattse doch gemerkt, das wird gefährlich)
“Aber im Gesicht, da hamse, also sie schaun ganz anders – im Gesicht – da hamse so’n janz andern Blick. Also, so ne ganz tolle Ausstrahlung, so viel schöner.”
“Ah, öhm, ja?”
“Und so schöne große Augen!”
(Kein Wunder…)
“Na, is doch schön, kann Ihn’ ja ooch ma ne Frau n Kompliment machen, oder nich? Is doch nüschtabei! Und n schönet Wochenende Ihn’n!”
“Ja, danke, das wünsch ich Ihnen auch – auf Wiedersehn!” (You bet!)

Klingt Musik am Kaukasus

Grade an der Ampel eine gut gefüllte Bushaltestelle kollektiv zum Grinsen und Lachen gebracht – hatte einen großen Alexandra-Moment, “Was ist das Ziel” in Heavy-Metal-Lautstärke, laut mitgrölend und natürlich dramatischst gestikulierend.
Und natürlich vergessen, daß ich das Fenster sperrangelweit auf hatte.

Wie Sie Ihre Therapeutin zum Weinen bringen

und sich selbst auch gleich mit.
So klar hatte ich es eigentlich nicht, als ich hin ging, aber so offline Thema war es schon, in den letzten Tagen.
Und dann platzte es plötzlich raus, und wir waren beide ein wenig erschreckt über die Endgültigkeit des Spruchs: Ich habe das Gefühl, ich bin durchtherapiert.
Die letzten Sitzungen, nur noch monatlich, waren mehr ein Bespiegeln, wieviel stabiler ich geworden bin, wie ich besser zurechtkomme, besser auf mich aufpasse, besser in Krisen agiere, und daß ich – endlich! – wieder Kraft verspüre und Lust auf da draußen.

Als das dann klar war, kriegte meine Heidi rote Augen, und ich mußte heulen – es war eine lange Strecke, über 4 Jahre Therapie, viele Komplikationen, wir nahmen immer den hohen Weg und nie eine Abkürzung. Eine unendlich großartige Frau, meine Heidi. “Ach, Herr Lucky, ich habe ja viele Patienten, die ich nicht so…, aber sie werden mir wirklich fehlen, ich werde Sie vermissen.” Mehr Tränen meinerseits, es war die wichtigste Beziehung der letzten Jahre, und wird es wohl auch noch eine Weile bleiben, ich habe ja auch die Heidi in mir. “Und wie traurig wir beide jetzt auch sind, es ist doch ein wichtiger und großer Moment, dieser, in dem Sie zu sich selber und zu mir sagen: ‘Ich bin jetzt wieder gesund!’”

Und recht hat sie, wie meist, 10 Jahre sind eine lange Zeit, sich ein kleines und ein großes Burnout zu erarbeiten, sich mit “posttraumatischer Belastungsstörung”, sich mit Depressionen und Angststörungen durch die Welt zu schlagen, obendrauf Trauerfälle, frische und die ganzen alten, und das in durchaus exponierter Funktion und Position. Auch wenn diese Gespenster immer noch durch meine Tage geistern, sie bekommen nicht mehr dieselbe Macht, weil ich besser weißm wie ich damit umgehen soll.
Eine lange Strecke, und was aus mir geworden wäre ohne Heidi – ich weiß es nicht. Ich werde sie noch ab und zu besuchen, um mir in Situationen helfen zu lassen, aber: die Therapie ist vorbei.
Auf der Straße und der Heimfahrt und am Abend überwältigte mich das Gefühl, wie wohl auch noch in den nächsten Tagen, oft, aber es steht auch ein neues da, groß und kühl und klar, ein Gefühl, das wie das hier aussieht:

der-wanderer-ueber-dem-nebelmeer

An alle da draußen, die sich das jetzt vielleicht gar nicht vorstellen können : It gets better! It does, eventually!

Alien and not so alien

Ich liebe diese kleinen Musical-Momente, die sich ergeben, wenn man mit Musik auf den Ohren und in den Hüften durch die Straßen streift – wie der kleine Türke, so vier Jahre, der aus der deutsch-türkischen Bücherei in der Glogauer kam, neben mir die auf den Fußweg gemalten Arabesken abtanzt, worauf ich ihn und er mich anlächelt und er für ein paar Häuser neben mir läuft, als hätten wir ein gemeinsames Ziel, bevor er in einem anderen Hauseingang verschwindet. (Kurz mit dem Gedanken gespielt, ihn einzupacken. hat ja woanders auch geklappt.)

Dann den Glammie wieder gülden gemacht, und es macht immer Spaß, ihn mit der prozedurbedingten Weddingpalme auf seinen Kopf aufzuziehen. Obwohl, gestern sah es mehr nach RiffRaffs On-Top-Zöpfchen aus.

Und manchmal muß man einen Blogger auch erst einmal kennenlernen, um so das ein oder andere Puzzlestückchen zu finden, womit sich dann auch derdiedas Blog erschließt, denn es schreiben ja nicht alle so eindimensional wie ich, und so kann ich denn auch den großartigen Herrn Schneck, vom Leben eh um erstaunliche Ecken quer durchs Land angeknüpft, endlich auch hier verlinken.

Morgen dann einer der ekelhaften Verhandlungstermine, mit einer Geschäftspartnerin, die ich mit dem Wort bezeichnen würde, das man in Berlin mit V vorne schreibt, aber das wäre dann eine Beleidigung für alle weiblichen und männlichen Votzen da draußen. Wie ich mich auf solch einen Termin vorbereite, fragt die Lieblingskollegin – nun, ich schaue mir möglichst alle Alien-Filme anschaue, und stelle mir vor ich bin Sigourney. Mit Flammenwerfer.

Restless legs, restless heart

Zugegeben, ich hab meine Heidi ein wenig angelogen beim letzten Mal, eigentlich war meine kleine Welt mal wieder am Auseinanderbrechen an allen Ecken und Enden, und der Termin lag perfekt am Ende eines höllischen Höllentages.
Aber statt die Stunde zum Rumgreinen zu nutzen, erzählte ich ihr lieber davon wie unaufgeregt gut und stabil es mir bis kurz davor ging, und sie freute sich und leuchtete und machte lauter kleine Haken in ihre Notizen, das konnte ich auch über die recht große Entfernung sehen. Man muß auhc mal gönnen können, sie hat ja auch einen echt frustrierenden Job.

Die ganze Woche gefreut auf den Samstag, so ganz ohne Verabredungen, mit vorher gefülltem Kühlschrank und einer frisch rundum geputzten Wohnung, denn meine Galina, die die Heidi für die Wohnung ist, ist endlich wieder da.
Endlich wieder so einen Rückzugstag auf dem orangen Sofa, die durchgesessene Falle meiner letzten Jahre – und siehe da, ich bin fast wahnsinnig geworden, syndrome of restless legs und restless heart. Die alten Rückzugsstrategien wirken nicht mehr, raus muß er, raus. Gestern habe ich mich zwar noch fast mit Gewalt dort festgehalten, aber heute gehts gleich nach dem Frühstück erstmal in die kalte klare sonnige Herbstluft mit Musik auf den Ohren, und dann kommt ja schon der Glam zum nachglämmen, und abends dann noch ne interessante Verabredung. (Nein, nicht so eine. Was Sie nur immer denken!)
Bin und bleibe gespannt, a new me.

Hello Darkness my old Friend

Abgesehen von einem letzten würdigen Sonntag mit halbleckem Schlauchboot habe ich den Abschied vom Sommer schon am Samstag abend zelebriert, im warmen Dunkel auf der Terrasse, nur mit Wein (für mich) und Water (for Elephants) als Gesellschaft, und einer einzigen Gardenienblüte, die mich mit ihrem Duft umfing.

Wenn man einen Grauganszug am Himmel sieht und ihre Rufe hört, das ist der Punkt, wo der Sommer endgültig vorbei ist. Am Samstag habe habe ich sie zwar nicht mehr sehen können, aber hören. Alle drei Minuten ein neuer Zug, mit hundertfachem Stimmengewirr. Idiotisch, ich habe immer bei einem einzigen Zug gedacht, das wärs jetzt, dabei müssen Millionen Gänse nach Süden, vielleicht sogar Milliarden, und der überaus belebte dunkle Himmel über mir war schon irre beeindruckend.

Wenn tausende Organismen so unbeirrt wissen, wann und wohin sie navigieren müssen – warum kann man das nicht auch? The Summer has ended and we are not yet saved. Maybe we never will be. Aber ich wiederhole mich.