Archiv für den Monat: September 2008

Betreuung gesucht

Nun gut, ich gebe klein bei.

Ich putze zwar ganz gerne, körperliche Bewegung tut mir auch gut, es füllt auch meinen ansonsten eher leeren Samstag, der Geist kann herrlich fliegen bei manueller Arbeit, und die Befriedigung hinterher ist – sehr befriedigend.

Aber: Mir fehlt die Illusion, daß sich irgendwas in dieser Welt von selbst regelt, irgendjemand sich um einen kümmert, das Cinderella-Gefühl, als ob Rättchen und Täubchen und Spätzchen mit Comic-Kulleraugen aus Spaß an der Freude klar Schiff gemacht hätten, und es deprimiert mich zutiefst, daß der gebrauchte Teller auf ewig eben da stehen bleibt, wenn ausgerechnet ich ihn nicht wegräume. Das ist mir zu – lebensnah.

Weiß jemand einen netten Menschen, der einmal die Woche bis nach Kreuzberg kommt, dem man vertrauen kann, der sich auch nicht schnell ekelt, und der einem heimlich das heimische Reich wieder auf Vordermann und/oder -frau bringt? (Comic-Kulleraugen und Tierkostüm keine Bedingung)

Pornoflipper

(Nein, kein Beitrag über die Bayernwahl, über die ich mich einmachen könnte vor Freude. Aber wäre schon schick, ein Beitrag über die Bayernwahl mit dem Titel Pornoflipper)

Als Kind war ich spielsüchtig, zuerst Flipper, und dann Video, man geht ja mit der Zeit. Mein ganzes Taschengeld verspielte ich an den Geräten und verkaufte sogar meine Comics, um weiterspielen zu können. Jedenfalls, bevor ich lernte, wie oft man den Flipper aus welcher Höhe fallen lassen mußte, um 99 Freispiele zu bekommen, und wie man den Videospielkasten knackte, um das Taschengeld zurückzubekommen (Zur Not eine lange feste Drahtstange mit Kaugummi vore dran, vorausgesetzt, man hat die Geldkassette drinnen aufbekommen.)

Einer der Flipper im Hinterraum der Kneipe nebenan war ein Pornoflipper, was ich damals, glaube ich, gar nicht raffte. Statt Ping Ping und Rattattatatt mache er Uuuuuh aaaaah, stöhnte und kreischte. Und wenn das Spiel zuende war, sagte eine extrem tiefergelegte nuttige Stimme “Das war ein bichen wenig – stöhn – versuch’s nochmal!”

Ich glaube aber nicht, daß mich das irgendwie geprägt hat. War ja kein Ballerspiel.

Woche mit Klassentreffengeschmack

Und zwar diesem mehligen, etwas abgestanden-säuerlichen, enttäuschend im Abgang.
Da war zum einen diese Premiere, die an sich sehr schön war, wenn es nicht das dazu geladene Publikum gegeben hätte. Alles Protagonisten einer Welt, die vor 15 Jahren eine Wunderwelt war, die aber mittlerweile sang- und klanglos untergegangen ist. Also lauter mehr oder weniger gekrönte Häupter, die sich auf den Restschollen ihres ehemaligen Königsreich nur mühsam über Wasser halten, was man daran erkennt, daß sie den Kopf sehr hoch halten müssen, um überhaupt noch Luft zu bekommen. Was sie aber nicht davon abhält, aus den Augenwinkeln Vergleichsblicke zu schießen, schließlich ist ja der Hauptzweck eines Klassentreffens, festzustellen, ob man sich besser oder schlechter gehalten hat, als die, auf die man früher schon immer neidisch gewesen war. Schöne Genugtuung, wenn dann jemand wirklich noch dicker/deutlicher gealtert/abgehalftert/dürrer ist als man selbst, oder, böse böse, jemand sich einfach gut gehalten hat und sehr bei sich zu sein scheint.
Mangels Unsichtbarkeitsmantel habe ich meinen ich-kenn-keinen-und-keiner-kennt-mich-Modus angeworfen und bin dann auch sehr schnell verschwunden.

Ein anderer Sinn von Klassentreffen ist es, die Freunde von früher zu treffen, mit denen man all die Jahre so viel Spaß hatte, und zu sehen, was aus ihnen so geworden ist. Auch das kann enttäuschend sein. Sex and the City – The Movie ist so eine Art von Klassentreffen. Wieviele Jahre hat man mit Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte gelacht, geliebt, gelitten, gesoffen, Spaß gehabt? Etliche. Klar will man wissen, wie es ihnen jetzt wohl geht. Um es kurz zu machen, der Spaß und die Leichtigkeit sind raus. Was ja wiederum realistisch ist, für so ein Klassentreffen.
Auch wenn jede der vier einen Handlungsstrang bekommt, so bleibt es ein Abriß, eine bloße Aufzählung was wann wo wie passiert ist, wie bei einem echten Klassentreffen erlebt man die Sachen nicht mehr zusammen, sondern es geht nur noch darum, wie es ausgeht.
Das ist in erster Linie der Fehler des Formats, ein Spielfilm ist nunmal keine Serie, sei er mit 160 Miuten noch so lang. Wie die einzelnen Storylines ausgingen, war noch nie das spannendste in Sex and the City, das Tolle daran war, sie quasi mitzuerleben, die Stimmungen, die Details, die kleinen witzigen oder sarkastischen One-Liner, die sexy Eskapaden – und das über egal wieviele Wochen. So ein Film hat da eine anderen Erzähldruck, und wird deshalb dem damaligen Reiz von SATC nicht gerecht.
So war es nett, die alten Freundinnen wieder zu treffen, und wieder auf dem Stand zu sein, aber was mir als Highlight bleibt, ist daß Charlotte sich in die Hose gePoughkeepsied hat.
Zum nächsten Klassentreffen werde ich wohl eher nicht gehen.

Therapie & Renitenz

Gestern hatte die Heidi, die wo meine weltbeste Therapeutin ist, wieder einen harten Tag.
Es ging um mein zukünftiges Beziehungsleben, welches ich mir kaum vorstellen kann, aber unbedingt haben will, und ihr Job als Therapeutin ist ja schließlich, mich in die richtige Richtung zu schubsen. Schlecht, wenn der Auftraggeber an jenem Tag kaum geschubst werden mag, und ihr wie eine Fleisch gewordener Riesenkartoffel gegenüber sitzt und nichts Konstruktives außer ABER beizutragen hat.
Sie tut mir dann immer sehr leid, aber schließlich kriegt sie ja auch viel Geld dafür.
Dennoch, eine Stunde kann dann sehr lang werden, und ohne aktive Mithilfe des zu Therapierenden bleibt auch der Weltbesten so allein gestellt nichts übrig, als die Stunde mit Motti zu füllen á la ‘Jedes Töpfchen…’ ‘Man muß nur mit offenen Gesicht…’ ‘Sie SIND ein attraktiver Mensch’ ‘Lächeln Sie die Menschen mehr an’
Die Situation entspannte sich erst als ich protestierte “Und wo soll ich bitteschön jeden Tag diese positiven Einstellungen hernehmen? Ich kann sie mir ja schlecht aus dem Arsch ziehen!”
Zunächst blankes Entsetzen ob der Grobschlächtigkeit meines Ein- bzw. Auswurfs, dann mußten wir beide furchtbar lachen, dann Entspannung.
War eh nix zu holen gestern, ich hatte einen viel zu engen Pulli an.

Keine Geschichte

Ich hab zur Zeit keine Geschichten und keinen Blödsinn in mir, nur Nasen- und sonstigen Schleim, dickes Hirn und Husten. Und roten Rachen.

Wenn Sie dieser Tage bestens unterhalten werden wollen, dann gönnen Sie sich doch einen bunten gesungenen, getanzten und kostümierten Abend mit der wunderschönen und extremtalentierten Cora Frost, die gibt die Reste vom Besten, und das ist sehr viel! Und sehr schön!

Nachher sind sie dann glücklicher und schlauer, dann wissen Sie, was es mit Petting im Schnee, der Dicken Marie, der kleinwüchsigen Krankenschwester Paula Maus und dem Rauch Ruth, Annika und dem Supermarkt, Ljuba im Kohl an der E 55 in der Tschechei, und der Bäuerin und der Städterin an der Betonmischmaschine auf sich hat.

Und warum man nix gegen die Weiber haben kann.
Und was zwischen 9 und 10 war.

Gehnse hin, man erwartet Sie schon!

Wurzelschmerzen

Nein, es geht nicht weg, es kommt immer wieder, und immer mehr.
Nein, keine Zahnwurzel-, es sind Herzwurzelschmerzen.
Ob mir ein Blumenkatalog in die Hände fällt, ob es die Nachricht auf dem AB ist, die ich nicht löschen kann, ob es das Festnetztelefon ist, das Sonntags um halb zwei nicht mehr klingelt, und dessen Nummer eh so gut wie keiner hat, ob es die längst abgelaufenen Süßigkeiten im Schrank sind, die sie mir vor 11 Monaten als 5kg-Paket geschickt hat obwohl ich ihr seit Jahren sage, daß ich kaum Süßigkeiten esse, die Marmelade, die ich nur aufmache, wenn Frühstücksbesuch kommt. weil ich selber ebenfalls kaum welche esse, die tausend Kleinigkeiten, die ich nicht mehr erzählen kann, weil es niemanden mehr gibt, den sie interessieren, keiner mehr, dem ich wirklich kindlich von meinen Ängsten erzählen kann, und keiner mehr, auf den ich wirklich archaisch böse werden kann.
Die kleine weiche bleiche alte Frau mit dem großen starken Willen, die meine Mutter war, fehlt.
Nacht um Nacht um Nacht um Nacht räume und baue ich mit ihr und oft mit meinem ebenfalls toten Vater das Haus um, das Haus meiner Kindheit.

Mehr Wonne!

So gehts nicht, die Welt braucht mehr Wonne!
Diese miese fiese kleine Einteilerei, Zuteilerei, das geht nicht mehr – weg mit dem Wonnemonat, wir wollen Wonnejahre!
Wonne, Delight, Bliss, Überfluß, Joy, Genuß, Lust, Wohlsein!
Nicht eine einzelne (zugegebenermaßen leckere) Flasche Wein, nein, 37, alle lecker, alle angetrunken.
Im spätsommerlichen Sonnenlicht reife blaue Pflaumen frisch vom Baum in sich reinstopfen, und hinterher noch Pflaumenkuchen mit Sahne!
Ein Festgelage im Kerzenschein mit mindestens 25 leuchtenden Gesichtern, kein Stehbuffett mit Fingerfood! Unendliche feinste, leckerste, sündige Delikatessen!
Kein lustloses Herumgestochere in den blauen Seiten, nein, mindestens 12 nackte Männer mit Lust im Blick!
Kein Blick auf morgen, nein alles hier und heute und im Überfluß und ohne Besinnung!

Oder finden Sie das übertrieben? De Trop?
augustaluise1
Ich finde es angemessen! Mehr ist mehr!

Die neue Ehrlichkeit

Seit 10 Tagen schon dräut der Termin vor mir, macht, daß ich mich klein, hilflos und einfach mies fühle, alles schlecht ist und mein Magen schmerzt und das Genick steif.

Jahresauswertungsgespräch mit einem Kunden, der eher tantig, gerne auch mal beleidigt, immer sehr anspruchsvoll ist und alles gern auch persönlich nimmt und gibt.

Den ganze Morgen Herzklopfen und Bauchgrimmen, denn die Asuwertung ist nicht richtig schlimm, aber eben auch nicht gut… Auwei, das gibt was auf den Sack!

Dann im Radio: “Besser gehts nicht” von 2Raumwohnung, der Song zur Werbung der AOK, worüber ich mich schon mal sehr beömmelt habe.

Da mußt ich sehr lachen, das Ganze fiel von mir ab, und ich ging mit einem breiten Grinsen ins Gespräch. Was der AOK recht ist, kanns mir schon lange.

Achso, und das Gespräch verlief dann auch ganz ok.

Jakob mein Rabe

Raben heißen immer Jakob, außer wenn sie Krabat heißen. Das muß man nur wissen. Only the one who knows your name can call you home on a wild stormy night.

Jedenfalls, meiner hörte auf Jakob.
Am Tag nach dem Tod meiner Schwester hörte ich meine Mutter, die beim Fensterputzen war, entsetzlich schreien – ich eilte herbei, ein riesengroßer schwarzer Vogel (Raben sind 60 cm lang und haben 1,20 Flügelspanne) versuchte, sich auf ihre Hand zu setzen. Meine Mutter dachte, der Leibhaftige wäre gekommen, um sie abzuholen.

Weil ich ja seinen Namen kannte, konnte ich ihn ablenken und zu mir rufen – wir freundeten uns an. Ich brauchte nur “Jakob” zu rufen, und ein gewaltiges Flügelrauschen erklang, und ein riesengroßer schwarzer Vogel mit einem mächtig gefährlichen schwarzen Schnabel setzte sich auf meine Schultern, manchmal auch ungerufen.
Das paßte natürlich hervorragend zu meinem Styling als angehender Aushilfsgrufti, und sorgte in der Kombi auch zu einem großen Hallo auf der Beerdigung meiner Schwester, als Jakob sich an ihrem Grab solidarisch auf meine Schulter setzte.

Jakob hatte ein freundlich-witziges Gemüt, und er liebte es, mir – für ihn scherzhaft, für mich schmerzhaft – mit seinem Riesenschnabel in die Ohren zu kneifen, und meine Schultern hatten rote Striemen von seinen Krallen. Um meine Augen hatte ich aber die meiste Angst dabei.
Man konnte sich hervorragend mit ihm unterhalten, intelligent neigte er seinen Kopf zur Seite und schüttelte ihn mißbilligend an den richtigen Stellen. Wenn ich zu larmoyant wurde, und das war ich damals schon oft, reichte es ihm und er flog einfach wieder weg.

Was ich an Raben schon immer mochte, ist ihre mißbilligende Einschätzung der menschlichen Rasse – sie rufen immer “Paaack”, wenn sie fliegen – in meinem Heimatdialekt bedeutet das etwa “Drecks-Pack”, was sie den Menschen unten nachrufen – das gefällt mir.

Leider besaß Jakob auch ein ziemlich materialistisches Gemüt, gerne flog er in Fenster, wenn die Nachbarn ihre Zimmer lüfteten, und stahl alles was glitzerte, um es dann in einen eigens ausgewählten Schatzbaum in unserem Garten zu drapieren.
Das mißfiel den Nachbern leider auf Dauer sehr und so riefen sie den Förster, der meinen Jakob einfing und ein paar Dörfer weiter deportierte – und das war dann das Ende meiner Freundschaft mit Jakob, meinem Raben.