Archiv für den Tag: 26. April 2009

Extrem-Urlaubing

Vielleicht sollte ich es vermarkten, unausgelebte Städter stehen ja auf alles mögliche, Hauptsache, sie haben eine Erfahrung jenseits von Hämorrhoiden und BVG. Manche fahren in die Berge, um 2 Wochen Extrem-Mountainclimbing zu machen, während ihre Eltern sich beim Extrem-Nordic Walking zum Horst machen. Andere fahren nach Tibet oder wo und setzen sich 2 Wochen auf einen Stein und essen nichts, und empfinden den Hungerzustand und die eingeschlafenen Beine als Bewußtseinserweiterung.

Neuer Trend: Extremsterbing.
In diesem kleinen Kaff ist seit dem 2. Mai 2008 niemand gestorben, seit dem Tod meiner Mutter. Jetzt meine Patentante, zwei Häuser weiter, hier sagt man Godi dazu. Sie hat sich unglaublich bemüht, dieses Loch für mich ein wenig zu stopfen, wie sie sich auch seit vielen Jahren furchtbar bemüht hat, zu mir eine Beziehung aufzubauen. Für jemanden, der so auf Fassade ausgerichtet und so wenig Intimität zuläßt, nicht mal beim eigenen Ehemann oder den Söhnen, sind das weite Schritte. Wir wurden sehr gute Freunde. Zwar spürte ich ihre große Neediness (ein gutes deutsches Wort fällt mir dazu nicht ein) aber sie hatte auch viel zu geben und war auch ein Sack voll Spaß. Vor ein paar Jahren haben wir an Weihnachten noch sturzbesoffen Klingelmännchen gespielt, bei den Nachbarn.

Nun hat sie sich 51 Wochen nach dem Tod ihrer Schwester, meiner Mutter, ihrer einzigen wirklichen Vertrauten, davongemacht. Ihren Magenkrebs, den sie seit Monaten in sich trug, hatte sie so lange es ging allen verschwiegen, Mann, Söhnen, Ärzten, jedem. Seit Februar hat sie nicht mehr in ihrem Bett geschlafen, sondern die Nächte im Wohnzimmer zugebracht. Der Psychologin im Krankenhaus sagte sie, daß sie seit dem Tod ihrer Schwester nicht mehr schlafen konnte.
Als sie Anfang Februar davon sprach, daß sie seit 2 Monaten “Grippe” habe, wußte ich Bescheid.
Aber man kann es sich sicher nicht vorstellen, was sie in den vielen langen Nächten wohl so verhandelt hat, mit der Welt und ihrem Gott, an den sie nicht wirklich glaubte.

Eine einsame Entscheidung, bis zum Schluß eisern durchgehalten. Therapie verweigern, Essen verweigern, Ärzte anlügen, der Familie alles verschweigen, passiver Widerstand. Getrieben von Angst, und dem Wunsch, sich nicht ausliefern zu wollen. So gesehen, hätte man sich die für sie besonders qualvollen zwei Wochen Krankenhaus sparen können, sie schaute mit ihren tiefliegenden, großen blauen Augen in die Ferne, so gut es ging am Geschehen vorbei.
Als sie endlich zum Sterben (austherapiert, sagt man, glaube ich) am Donnerstag nach Hause kam, genoß sie noch eine Nacht daheim und schlief am Morgen endlich ein. Sie muß sehr müde gewesen sein, gesprochen hatte sie schon 5 Tage nicht mehr.
68 Jahre jung, sportlich war sie gewesen, und von großartigem sarkastischen Humor. Sie hinterläßt einen hilflosen Ehemann und zwei Söhne voller Fragen.
Und mich mit dem Gefühl, seit Monaten genau das vorausgesehen zu haben, aber nichts dagegen oder für sie getan haben zu können.
Auf jedem Telefon horte ich jetzt die Nachricht einer Toten: auf dem Festnetz-AB eine Nachricht meiner Mutter, auf dem Handy eine SMS meiner Godi, mit dem letzten Satz “wie schön daß es dich gibt”. Weitere SMS hat sie nicht mehr beantwortet.
Adieu Godi, adieu, noch ein großes Stück Heimat.