Archiv für den Monat: September 2008

Bitte um Diskretion

Herrschaften, falls Sie in den nächsten Monaten mal irgendwann in die Verlegenheit kommen, bei mir eingeladen zu sein, dann bitte fragen sie nicht danach und reden auch nicht hinter meinem Rücken darüber. Ich bin es nicht, und es hat auch nichts mit mangelnder Hygiene oder toten Haustieren zu tun.

Es ist nur so, daß der Kanten extrem reifen Appenzellers, den ich grade mit spochtlichem Schwung in den Mülli feuern wollte, eben dort nicht gelandet ist, sondern irgendwo in den Tiefen der Küche, unauffindbar, aber in Heizungsnähe.

Lucky allein zu Haus

Meine Hausperle kommt ja leider nicht mehr. Und weil ich (noch?) keine neue habe, sitze ich heute hier in einer extrem unaufgeräumten und dreckigen Wohnung, Geschirr, Müll, Wäsche, Sie kennen das. Ach, geben Sie’s doch ruhig zu, bei Ihnen riecht auch nicht alles nach Veilchen.

Jetzt weiß ich nicht:
Wenn ich eine Perle habe, räume ich spätestens ab Dienstag nichts mehr weg, weil ich so eine alte Sau beruflich so eingespannt bin. Das führt dazu, daß ich eine halbe Woche im eigenen Dreck ersticke.

Wenn ich keine Perle habe, müßte ich mich ganz einfach disziplinieren, und mein Zeug wegräumen, Spülmaschine befüllen, Müll in Mülleimer usw. Eigentlich ganz einfach.

Was tun?

Lug und Trug – Postkarten

So kanns gehen. Nach dem letzten Beitrag wollte ich mich grade in eine meiner melodramatischen Stimmungen begeben, in denen ich mich am besten zuhause fühle, früher war alles besser, früher war mehr Leben, alles praller, usw usw.
Ha! Früher war alles besser? My Ass!

Wenn man genauer hinschaut, gings mir früher auch nicht besser und das Gold war auch nur Katzengold. In New York war ich aufgrund schweren Liebeskummers sehr depressiv, wenn ich auch vergessen habe, um wen sich der Liebeskummer drehte. (Es war aber pro Jahr jemand anderes.) Woran ich mich aber erinnere, war die Wahrsagerin auf der Straße, die mir anbot, zum Zweck der Heilung ein paar Kerzen anzuzünden, was sie dann auch tat, ohen daß ich sie gebeten hätte. Und geholfen hats auch.

In England gabs täglich Streit im Auto, weil der Mann an meiner Seite sich noch mehr unidentifizierbare Hünengräber und keltische Kultstätten angucken wollte und ich nicht. Immerhin verzieh er mir großmütig, daß ich seine teure Kamera irgendwo in Tintagel verloren hatte.
In Florenz im Hotelzimmer gab es fast eine Schlägerei, weil ich eifersüchtig war auf die weitgestreuten esoterischen Bücher des Geliebten.

Aber das schreibt man ja nicht auf Postkarten.

Postcards from Lost Summers

There was a boy
A very strange enchanted boy
they say he wandered very far
very far over land and sea
A littly shy, and sad of eye,
but very wise was he.
And then one day,
a magic day he passed my way
and while we spoke of many things,
fools and kings,
this he said to me
“The greatest thing
you’ll ever learn
is just to love
and be loved in return.”
(Nature Boy, Words and Music by Eden Ahbez, am schönsten in der Version von Nat King Cole)

Zwei Sommer in New York City, Anfang der 90er, alleine aber nicht alleine, kochend heißer Asphalt in der damals noch spannendsten Stadt der Welt, Tag und Nacht unterwegs, das nächste Wunder immer hinter der nächsten heißen staubigen Ecke.

Ein Sommer Schnelleinführung in Italien, mit Ex im Auto unterwegs, Verona, Venedig, Florenz, Arezzo, Siena, schlußendlich ein Haus auf dem Land. Dramaturgisch fragwürdig, Florenz gleich nach Venedig, aber! Genießen, entdecken, Landschaft.

Ein Sommer Südengland, die ganze Südküste entlang von London bis Land’s End und sogar Tintagel, mit denselben Ex im Auto linksrum unterwegs, St. Michael’s Mount, Arthur’s Castle, Dartmoor, Cornwall, Glastonbury, erstaunlich, wieviele Herrenhäuser nebst Gärten und Klippen man sich anschauen kann. Und dann noch die ganzen Klippen ganz in Orange von blühenden Montbretien.

Per I*tunes mischt sich Cora Frost ein, und dreht das Ganze ungeplant aber nicht unpassend in eine andere Richtung, so kanns gehen wenn man einfach so losschreibt:

Der Rausch der Gefühle ist nur kurz von Dauer
das Ende liegt überall auf der Lauer
und ich hab dich gesehn
direkt vor mir gehn,
ich lief hinter dir
du warst so schön
(Cora Frost, 9:00-10:00)

Himmelblauer Drachentag

So ein Tag wie heute ist für mich wohl der wunderschönste, himmelhoher himmelblauer Himmel, ziemlich kühl im Schatten und noch sehr warm in der Sonne.

Man möchte in einer weiten Landschaft stehen und Drachen steigen lassen, oder an einem Kartoffelfeuer sitzen, und sich die Lippen an heißen verkokelten Kartoffeln verbrennen.

Noch zu früh, aber durch Laubhaufen stampfen, und die bunten Blätter in die Luft werfen. Den Duft atmen.
Frühnebel auf Tälern im Mittelgebirge

Blaue und lila Herbstastern, noch mit Tau bedeckt, leuchten vor braun gewordenen Gräsern, und der strenge Verwesungsgeruch verblühter Dahlien im Garten.

Ach, ich bin wohl doch ein deutsches Herbstkind.

Platzangst

Boah, hab eben den neuen I*kea-Katalog durchgeguckt, jetzt habe ich akute Platzangst.
Die scheinen für eine 4köpfige Familie weniger Platz einzuplanen als ich für eine Zimmerpflanze.
Und wer sagt den Leuten mal endlich, daß sie auch problemlos ca. die Hälfte ihres Plunders wegschmeißen können, und dann auch keine häßlichen Verwahrgelegenheiten dafür kaufen müssen?

Und wenn wir schon dabei sind: kann bitte jemand den Früchtemüsli-Herstellern mal beibiegen, keine getrockneten Bananenstücke ins Müsli zu mischen? Die schmecken erstens Scheiße und zweitens werden sie auch nicht weich. Man muß sie mühsam rausfriemeln und entsorgen. Wenn die das wegen des Füllgewichts tun, dann wäre es mir lieber, da ganz ehrlich einen dicken Kieselstein reinzulegen.

Briefbomben (analog und digital)

So, Autobahn überstanden, Zeug hochgeschleppt, ersten Farbflash überstanden, den ich immer kriege, wenn ich von woanders in meine Wohnung zurückkehre, und Post sortiert.

Eine ganz grundsätzliche Bitte: Schicken Sie mir bitte keine Fotos.

Keine Fotos, auf denen ich drauf bin, in geselliger Runde. Das sieht nicht so aus, wie es sich angefühlt hat. Ich weiß genau daß ich ein Kinn habe. Wo ist es dann auf Ihren Fotos!? Etwa auf die Backen Wangen verteilt?
Nein, da habe ich nur gelacht, ich bin nicht mongoloid.
Nein, das Schlauchboot ist noch im Kofferraum, das da soll wohl ich sein. BIn ich aber nicht, denn es hat sich ganz anders angefühlt.
Und nein, das ist kein kranker Waschbär auf der Party, das soll wohl ich sein. hmh.

Also, nochmal zur Sicherheit:
Schicken Sie mir keine Fotos!
Auch keine, von denen Sie meinen, ich sähe gut darauf aus. Keine lustigen spontanen Schnappschüsse und keine, auf denen ich mich zum nachdenklichen oder haha-Posing überreden habe lassen.

Überhaupt keine Fotos.

Und wenn Sie es ganz gut mit mir meinen, dann montieren Sie bitte eine Papiertüte über mein Abbild, oder kratzen es aus analogen Fotos mit einer Münze heraus. Sie haben doch wohl Fotoshop oder sowas? Nutzen Sie es, retuschieren Sie eine Pflanze in Ihre gesellige Runde.

Aber schicken Sie mir keine Fotos. Und zeigen Sie mir auch keine.

Kälter

Das Schlauchboot liegt auf dem Rücksitz als überflüssiges Memento. Der Sommer ist vorbei und hier ist es kalt.

Das Haus ist kalt, und wenn ich gerade die Heizung angestellt habe, wärmt es nur außen. Das letzte Mal, als ich hier war, war das Haus noch von innen warm. Das ist jetzt spürbar vorbei. Vergangen. Nie wieder.

Das Leben hier hat sich weitgehend normalisiert, wenn es das denn jemals war. Die Beziehungen zu den Menschen ziehen sich wieder Richtung Normalzustand zurück. Ab und an wagt es jemand, seine Wunde zu zeigen. Nur kurz. Und das ist ok so.

Ich gehöre nicht hierher. Ein Teil von mir ist es nur, der hier lebte, nur leider ist der andere Teil weniger greifbar, faßbar, verstehbar.
Eigentlich möchte ich einen großen Vorschlaghammer nehmen und dies alles hier verwüsten, die Sachen auf die Straße werfen, die Fenster von innen einschlagen, damit man auch außen sieht, was innen ist – nichts mehr.

Eine schmerzhafte Erkenntnis, unschön, nicht leicht zu ertragen, aber: unvermeidbar, kalt, klar. Und gut. Immerhin eine Erkenntnis.