daddy uncool

(Auf Wunsch von Herrn Spango hier die Rezension)

Ein sogenanntes Musical um die Hits von Boney M drum rum? Hmh, warum nicht, kann ja auch lustig sein, auch wenn man kein Fan ist, weh tut die Musik nicht, und gute Laune kann sie auch verursachen, also mal gucken gehen. Wenn man schon nicht zahlen muß.

Beobachtungen:
Draußen: 50 m lange Warteschlangen vor einer unendlichen Reihe Dixie-Klos. Für Leute, die im Ernstfall 90 oder 100 Euro für die besten Karten bezahlen, sicher nicht so doll.
Zum Händewaschen gabs 2 (!) Eimer für alle. Da steckt man die Finger sicher besser gleich ins Dixie-Klo. Aber vielleicht waren sie einfach noch nicht fertig mit Sanitär.

Publikum: gruselig. Steinerne bleiche Gesichter, alle sehen aus wie auf Haldol. Mit Bussen angekarrt wohl. Uns verteilen sie mit unseren Freikarten allesamt auf EINZEL-Plätzen zwischen den steinernen Gästen, was ja gar nicht geht.

Stück: Ich wette, das hat Frank Farian selbst geschrieben. Jedenfalls niemand, der schon mal ein Stück geschrieben hat. 2 verfeindete Gangs, Junge, Mädel, Liebe, Intrige, Knast, Happy End. Schon mal gehört? Richtig, West Side Story. Und wo hatten die das her? Richtig, Shakespeare. Sozusagen klassicher Stoff. Wenn man nicht ‘gebraucht’ sagen will.

Dramaturgie: Ewig lange Dialoge in breitestem East-End-Englisch, die die Handlung führen sollen, aber leider nicht interessieren. Abgesehen davon, daß 90% der Besucher eh nix verstehen. Als der Junge im Knast sitzt, nach gefühlten 4 Stunden, merkt auch der Dramaturg, daß es spät geworden ist, und zack wird aufgelöst, denn es ist Zeit fürs große FINALE! Dazu später.

Musik: Eingestreut alle großen Hits von Boney M, zur Not auch öfters, und Milli Vanilli und auch von der Bückware, die F.F. sonst noch produziert hat. Genialer Zug, Gema kost nix.

Sänger: Ob die singen konnten, kann ich nicht beurteilen, denn meist kamen die Stimmen nicht über die Live-Band (hinter der Bühne) rüber. Das liegt daran, daß sie extra eingeflogene Sound-Designer hättes, sagt mir der Produktionsassistent. Hätten Sie doch mal einen Tontechniker mit engagiert, vorsichtshalber. Aber vielleicht haben sie es ja jetzt hinbekommen.
Einzige Ausnahme: Eine dicke Mamma singt herrlich fett ‘I can’t stand the Rain’. wußte gar nicht, daß das auch von F.F. ist. Auch die Jungs der Gangs sind großartig, wenn sie nicht grad Milli Vanilli singen müssen, sondern Rappen und Beatbox spielen.

Choreographie: Nach ewigen Dialogen freut man sich auf die Choreographien, nur um festzustellen, daß es keine sind. Das Ensemble hat das doch schon in London gespielt, da müßten die Abläufe doch bekannt sein?

Peinlichkeitsfaktor: hoch. Hab nix gegen musikalisches Lifting, bei Nena hat das bei ihrem Comeback doch auch gut geklappt vor ein paar Jahren. Aber wenn mir jemand per Streetgang, Beatbox und Gerappe die Hits von Milli Vanilli als cool verkaufen will, kräuseln sich mir die Fußnägel vor Fremdschämen.

FINALE: Da wohl alle eingesehen haben, daß das Musical nicht so ganz interessant ist, gibts nach der allzu hastigen Auflösung ein gaaanz großes Finale: karibischen Karneval! Oder das, was man sich in Eberswalde oder bei der “Singenden Klingenden Sonnenallee” darunter vorstellt: ein Pappmachegötze mit Frank Farians Stimme, eine mühsam animierte Papierschlange, Tänzerinnen mit Federaufbauten, Papppapageien und allem drum und dran. Tusma-Studenten in Vögel- und Phantasie-Kostümen stürmen das verzweifelte Publikum, das sich für sein Geld jetzt aber endlich müsieren will, und die ganz ganz große Party beginnt. Alle haben Spaß und sind glücklich, können sie doch endlich mitklatschen wie bei Carmen Nebel.

Fazit: Mein Gesicht tut weh. Vor all dem Entsetzen. Und was ihm da entgegengeschleudert wurde. Und Fremdschämen. Definitiv unter den Top 5 der Worst Things I’ve Ever Seen. Schultheater mit Mega-Budget. Schade. Unverschämt.

Vermißt: Das Einfache, Unbedarfte von Boney M. Bobby Farrell (hach, fand ich den sexy damals). Disco. Warum so wenig Spaß?
Won’t play. Ich wette nach 2 Wochen packen die ein, statt nach 10 Wochen.

Ich glaub ich geh mir nächste Woche zur Seelenhygiene die völlig mißglückte Revue im Friedrichstadtpalast angucken. So schlimm kann die nicht sein.

(Wer mir nicht glaubt, kann sich hier ein Video ansehen. Ich nheme an, sie haben die besten Szenen verwendet. Ich hab mich nicht getraut, es anzugucken.)

10 Gedanken zu „daddy uncool

  1. Rob (Gast)

    Also wenn man schon zur “Seelenhygiene” in die FriPa Revue gehen muss (http://www.hauptstadtblog.de/article/2996/sitting-ovations) , war der fariansche Abend wohl die blanke stilistische Geiselnahme. Nachdem die Zusammenstellung aller Hits im ABBA-Musical meines Erachtens gut funktioniert hat, glaubt nun jeder, seine Hitcompilation auf die Bühne bringen zu müssen. Vielleicht erinnert man sich, dass der geneigte Zuschauer und die noch geneigtere Zuschauerin doch ein wenig nachvollziehbare Handlung wünschen. Ärgerlich ist, dass so dem “Musical”-Besucher viel Geld ohne wirkliche Gegenleistung aus der Tasche gezogen wird.

    Ideenlosigkeit macht sich in dieser Branche breit: “Aufgepeppte” Hits, umrankt von seelenloser Inszenierung lullen das mittlerweile abgestumpfte Publikum ein. Frei nach dem Motto: Es kostet viel, ist laut – muss also gut sein.

    Bitte liebe Kulturliebhaber, nehmt Eure 90 Euro und kauft Euch keine Boney M(ist). Karten, sondern teilt den Geldbetrag in vier kleine Teile und besucht die vielen wirklich lohnenswerten Aufführungen in dieser Stadt!

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  2. luckystrike

    REPLY:
    Ja, den hab ich auch mit Aufmerksamkeit gelesen, deinen Verriß über den FriPa. Man kann den Leuten halt eben nicht alles zumuten. Hoffe, das Haus wird sowas auf Dauer überleben können. Wäre schade.

    Leider ist es aber nicht unbedingt so, daß das Angebot von selbst unbedingt immer schlimmer wird, es paßt sich vielmehr den Ansprüchen des Publikums an. Super RTL statt 3sat. Und in der Regel amüsieren sich die Leute auch beim größten Mist, den schließlich haben sie so viel Geld ausgegeben und sonst würden sie sich ärgern, also wird sich amüsiert.

    Je größer der Scheißhaufen, desto mehr Fliegen. So einfach ist das. Nur diesmal wirds nicht klappen, denke ich.

    Rob hat Recht: Leute, geht zu Cora Frost , nur noch bis Sonntag im Tempodrom, kleiner Saal, “Wir waren in Butter und Zucker”, ganz originäre Kunst und Spaß ist auch garantiert , da könnt ihr u.a. den Glam und mich morgen treffen, oder geht in die Komische Oper zu ‘Iphigenie auf Tauris’, tolle Inszenierung, oder geht zu den Trockaderos in den Admiralspalast (auch nur noch bis Sonntag), da war ich schon 2x, so hab ich mich amüsiert!

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  3. Info-Hasi (Gast)

    … das können nicht die besten Ausschnitte gewesen sein!

    Zur GEMA: die zahlt man doch immer. Ein Künstler wird sobald er was veröffentlicht Zwangsmitglied der GEMA. Er muss sich von sich aus abmelden, wenn er nicht verwaltet werden möchte! Sofern er sich nicht abmeldet macht er sich sogar straf- und abmahnbar, wenn er seine *eigene* Musik auf der Webpage zum Download bereitstellt. Wenn er das tun möchte, muss er eine Gebühr an diesen Verein zahlen. Kling komisch, ist aber so. Siehe diverse Blog-Diskussionen letztes Jahr nach der Abmahnung mehrere Künstler durch die GEMA letztes Jahr.

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  4. frankburkhard

    (kreisch)
    ich hab diese geschichte doch schon mal gehört…
    !
    Genau, von meinem Freund Stefan, der für die nächste Show im F-Palast wieder die Kostüme macht und sich die jetzige angesehen hat. sein Bericht über diesen auch eher traumatischen Abend -das war im prinzip DIESER Text, nur ein paar ausgetauschte Substantive.

    Und jetzt brauch ich dringend einen Mai Thai, mir ist´s als wär ich dabei gewesen…

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  5. luckystrike

    REPLY:
    ich nehm auch einen. großen, stark, bitte. wordsworth hatte recht. poetry is emotion recollected in tranquility. habe rote flecken und schwitze und zittere. nur durch das wieder durchlebte ereignis.

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  6. spango

    jetzt war ich länger nicht mehr online, sondern nur auf dem klo nach einem “spezialität-des-hauses-kebab”.
    dieser text lässt mich schneller genesen, weil es selten vorkommt, dass ein frank-farian-machwerk in der betrachtung zu reinem entertainment wird. kommt eben auf den betrachter an…

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  7. la-mamma (Gast)

    und das liegt daran, dass ich mir voriges jahr in berlin die carmina burana um teures geld angesehen hab. ich hätt nicht gedacht, dass man das so schlecht machen kann.
    anscheinend seid ihr da ein wenig das gegenteil von verwöhnt, was das untere limit an denkbarem niveau musikalischer darbietungen betrifft …

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  8. luckystrike

    REPLY:
    es ist wohl doch so,wie der dichter sacht: wo viel schatten ist, ist viel nicht(s). und in berlin ist viel nichts. die berliner haben sich gut adaptiert, sie lassen sich von rein gar nix beeindrucken, außer wenn irgendwo ein neues einkaufszentrum aufmacht. und wenn jemand genauso gut zurückblafft, wie er angeblafft wird.

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