Archiv für den Tag: 31. Oktober 2006

Titanic ohne Untergang

Das Klirren kommt zeitverzögert. Kein Wunder, denn die leere Weinflasche hat einen weiten Weg vom Dach des fünften Stocks bis zum Bürgersteig. Das Klirren kommt als Erleichterung, denn eine Schrecksekunde sah ich Elisabeth, die Messiefrau aus dem zweiten Stock, die ihren gesammelten Trödel mit selbstgeklauten Blumen zu widerwärtigen kleinen Objekten verarbeitet, um sie dann nachts in den Bars von Kreuzberg an die Besoffenen zu verkaufen, mit großen Augen und einen noch größeren Loch im Kopf unter ihrem Fahrrad liegen.

Die Flasche ist mir entglitten beim Versuch, Nachschub auf das eben nicht flache Dach zu bringen. Ich, der ich normalerweise schon Höhenangst bekomme, wenn ich auf einen Stuhl steigen muß. Aber heute nacht ist das anders, kein Schwindel.

Wir befinden uns auf einer Zwillingsparty, dem Geburtstag des heißgeliebten besten Freundes Glamourdick. Und wenn ein Zwilling zum Geburtstag lädt, dann kommen viele schöne Menschen. Einige außen schön, andere innen schön, und einige davon schaffen es auch aufs Wunderbarste, das eine mit dem anderen zu verbinden. Es gibt von allem reichlich, nicht nur vom Wein. Inspiration, Liebe. So reichlich, daß zwei Zwillinge eben ihre Kleidung getauscht haben. Crossdressing nur so, aus reiner Liebe.

So sind wir alle irgendwann auf dem gefährlichen Dach gelandet, das nicht flach ist. Noch näher am Himmel. Oben weht ein milder Wind, von unten schallt die Musik hoch, die Frank ausgesucht hat, und er mag aufgeblähte Musik. Solche, wo bevorzugt Frauen mit großen Nasen zeigen, wieviel Luft noch in ihnen steckt.

Im Westen spielt der Nachthimmel noch das orangene Leuchten der Stadt zurück, im Osten tasten sich die ersten rosafarbenen Finger des Morgen heran. Davor, das Altenheim gegenüber, dessen Treppenhausfenster Tag und Nacht neongraublau von Pflege, Alter, Demenz und Tod erzählen. Nach und nach gehen in den Zimmern die Lichter an, die alten Leute werden schon um fünf Uhr morgens gewaschen, für einen neuen Tag, der genauso sein wird wie der gestrige, und der morgige, der vielleicht nicht mehr kommen wird.

Da, von unten erklingen diese schrecklichen irischen Flötentöne, Celine Dion schwurbelt sich in den Refain, und plötzlich fallen wir alle ein: “…and your Heart won’t go on” singen wir für die Alten im Heim gegenüber, von unserem Titanic-Dach, auf dem wir besoffen tanzend balancieren.
Wenn die Alten uns hören sollten, schon frisch gewaschen und fertig gemacht für den Tag, werden sie sich denken “Na, momentan steht ihr dem Tod aber deutlich näher als wir, Abstand ungefähr zehn Zentimeter, wie’s aussieht.”

Recht haben Sie, aber das merken wir nicht, beflügelt und beschützt von unserer Freundschaft, unserer Liebe und dem Wahnsinn, der unser Leben ist.