Eigner Herd und so

Ich kenne ja fast keinen Menschen, der nicht den Ehrgeiz oder den Wunsch hätte, einmal, vielleicht später, einen “Roman” zu schreiben, man spüre man habe es in sich. Ich kenne sogar Menschen, die einen oder mehr Romane geschrieben haben, die fertig in der Schublade sind oder sogar zum Teil veröffentlicht.

Ich muß zugeben, daß auch ich zur ersteren Kategorie gehöre. Eine Lust an Worten und Wörtern und am Formulieren und eine gewisse Begabung dazu spüre ich und sie wurde mir auch schon früh attestiert, wie so vielen. Unter anderem deshalb schreibe ich hier, wenn ich auch oft nicht wirklich etwas mitzuteilen habe.

Vor ein, zwei Jahren ritt es mich allerdings, ich begann ein Projekt: inspiriert von einer Playlist, in der ich Stalker-Songs zusammengestellt hatte, eröffnete ich einen neuen Blog: Close to You sollte er heissen und von einem Stalker in Ich-Perspektive erzählt werden, in meiner näheren Umgebung spielen, so daß ich Details nutzen könnte, um das ganze authentisch zu machen.
Relativ harmlos sollte er anfangen, alltäglich, wie ein vielleicht nicht mehr ganz so junger Mann dem Objekt seiner (vergeblichen) Begierde zunächst nachforscht, immer mehr in das Leben des andern eintaucht, bis das ganze eine wahre Obsession mit unschönen, wenn nicht gar gefährlichen Ergebnissen wird.

Die Blogform als öffentliche Tagebuchform fand ich dazu das richtige Medium – vielleicht ein paar Leser und Kommentatoren erreichen, die das Ganze miterleben und auf den ins Gefährliche gleitenden Autoren reagieren.
So, wie ich den näheren Kiez als bekannte Gegend nutzen wollte, sollte die Seelenlandschaft des Autors eine mir ähnlich bekannte sein, gelegentlich ein wenig einsam, gelegentlich ein wenig verbittert oder selbstmitleidig, und vielleicht ein wenig schwierig im Umgang.

In der Theorie liest sich das gar nicht mal schlecht.
Allein, es fiel mir unglaublich schwer, die Verliebtheit des Erzählers herbeizuschreiben, wenn auch seine Gedanken über die Ablehnung mir leichter fielen. Für die spätere Obsession dachte ich, durch die Playlist einen guten emotionalen Soundtrack zu haben, warum sollte der Protagonist nicht selber zum Beispiel Dalbellos “Gonna Get Close to You” hören?

So werkelte ich 3 oder 4 Wochen fast täglich vor mich hin, weitgehend unbeachtet, was ok war, schließlich sollte der Anfang reichlich unspektakulär sein. Gerüst, Komplikationen und Steigerung der Spannung war soweit fertig geplant, ungefähr über ein Jahr sollte sich das erstrecken. Was mir allerdings nicht gelang, war das ganze emotional zu füllen, ihm Leben einzuhauchen – das konnte ich in mir nicht finden oder mobilisieren, und so stellte ich das Projekt ein. Sie werden es nicht finden, es ist offline und ich selber habe mir auch keine Sicherungskopie gemacht.

Warum auch sollte ich von einer Begierde, einer gefährlichen Obsession schreiben, wenn ich das gar nicht in mir habe und vielleicht für Schlüsselstellen bei anderen Autoren, Filmen oder Songs klauen müßte? Wo sollte ich es hernehmen, wenn ich es nur vom Hörensagen kenne? Kein Fleisch auf die Knochen, kein Blut zum Fleisch hin bekomme?
Das ist genauso absurd, wie wenn ein 17jähriges Mädchen unbedingt über Berghain, schmutzigen Sex und Drogen schreiben muß, wenn sie überhaupt noch gar nicht ins Berghain reinkommt, außer vielleicht, wenn sie das Gefühl oder die (Fremd-?)Inspiration hat, sie müßte für die greisen Herrn vom Feuilleton den Roman der Nullerjahre schreiben, genau so, wie jene sich eine verderbte Generation vorstellen?

12 Gedanken zu „Eigner Herd und so

  1. arboretum

    Bei mir schlug zwar heute die Suchanfrage “arboretum buch” auf, aber ich gehöre weiterhin zu den wenigen Menschen, die Sie kennen, die nicht heimlich diesen Ehrgeiz hegen.

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  2. walküre

    Bei der Sache habe ich ein großes Problem:
    Ich würde gerne mehr aus dem Hegemann-Buch lesen, weil mir ein paar Formulierungen bekannt vorkommen (und zwar nicht aus “Strobo”), möchte es aber nicht kaufen, weil ich nicht bereit bin, Plagiatoren zu belohnen. Gibt es Links, in denen mehr als die Standard-Leseproben zu finden ist ?

    edit:
    Ich bin sofort bei “moderiere ich schwerstelegant zu ihr hinüber” hängengeblieben. Diese Art der Formulierung (z.B. “schwerstelegant”) ist für mich sehr typisch für die Art, in welcher eine österreichische Kolumnistin unter dem Pseudonym “Polly Adler” schreibt. Zum Selbervergleichen:

    http://www.pollyadler.at/deluxe.html

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  3. luckystrike

    REPLY:
    Nun, wenn der erste Hype vorbei ist, werden Sie sich sicherlich tausende von Büchern auf dem Flohmarkt kaufen können, oder von jemand leihen.
    Ich habe das zuletzt so beim Buch von Marlene Dietrichs Tocher gehalten, weil ich nicht wollte, daß sie auch nur einen Pfennig an ihrem schlecht therapierten Hass verdient, aber auhc entsetzlich neugierig war.
    Ihre Beobachtung wird wahrscheinlich stimmen, allerdings fände ich es auch schlimm, wenn durch die Quellenjagd das Buch, welches mich eigentlich schnurzegal ist, einen ähnlichen Status erreicht wie Joyces Ulysses oder Eliots Wasteland, wo auch alle Welt nur die Fußnoten liest und Verweise sucht, anstelle sich des Werks zu widmen (was bei Joyce allerdings müßig ist)

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  4. luckystrike

    REPLY:
    Was ich ein wenig schmerzlich eben so erfahren habe.
    Und ich hoffe sehr, daß Airen ordentlich verkauft, Platz 23 auf der Belletristik-Liste, wär ich ja mal gespannt, was das ausmacht.
    Und Sie, Sie haben doch mehr als einen Roman in sich, geben Sie’s zu! Na gut, vielleicht keine Roman-Romane, aber doch eine beachtliche Sammlung an Werk.

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  5. walküre

    REPLY:
    Schnurzegal ist mir dieses Buch insofern nicht, als ich beruflich wie privat Menschen kenne, deren Bücher es tatsächlich wert wären, veröffentlicht und beworben zu werden – weil diese Menschen etwas zu sagen haben, weil ihnen das Schreiben im Blut liegt, weil ihre Sprache alle Emotionen des menschlichen Empfindens zum Klingen bringen kann. Und mich macht es ohnmächtig wütend, zu sehen, wie Verlage diese Autoren beharrlich ignorieren, um stattdessen irgendwelche Möchtegernschriftsteller in die Belletristikcharts zu pushen, während die wirklich gute Lektüre wahlweise in Schubladen oder auf Festplatten verrottet. Und erst recht macht mich wütend, wenn es jemandem in dieser schönen neuen Literaturwelt kritiklos durchgeht, dass er frech zusammenstiehlt, was ihm gerade unterkommt und verwendbar erscheint.

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  6. luckystrike

    REPLY:
    Mir bleibt das Buch egal, mir reicht, was ich aus den tröpfelnden Rezensionen mitbekommen habe, wofür genau genommen die Autorin (?) auch nicht viel kann.
    Mit dem anderen haben Sie allerdings absolut recht, es sit schlimm, wie Verlage (und Plattenindustrie und Filmverleih und -produktionen) nur noch die Top Tens bedienen und nachahmen, und sich nur wenige für den Aufbau eines Talents, ein Wagnis, ein wird-nicht-laufen-ist aber wunderschön hergeben.
    Womit sie selber ihren Untergang befeuern, denn wo bleiben da die Inspirationen für die Top Ten der nächsten Jahre?

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  7. glumm (Gast)

    aus welchen gründen auch immer – wer (für ein bestimmtes projekt) nicht genug erlebt hat und daher aus sich selbst heraus nicht schöpfen kann, soll es lassen – oder ein sachbuch schreiben, da darf man zitieren bis zum umfallen aller buchstaben.

    andererseits, schöner nebeneffekt am ganzen hegemann/airen-fiasko wäre, wenn airen tausend bücher mehr verkaufen würde.

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