Monthly Archives: November 2007

milliarden für die hässlichkeit der mittelmässigkeit

Wie man eine ganze ehemals schöne Halbinsel mit Expo2000- und Europageldern verschandeln kann, sieht man auf Stralau. Einen kleinen begleitenden Rundgang kann man hier auf dem Stralaublog unternehmen.
Auf der Südseite gehts ja noch, schön, die weißen Häuser gegenüber dem Hafen der weißen Flotte. Gut, ein wenig Sozialneid kommt auf, aber man muß auch gönnen können. Oder vielleicht anfangen zu sparen.
Etwas ärgerlich, daß der Uferweg nicht in Gänze zu begehen ist, ob wegen Baustelle oder Bösartigkeit, wird nicht klar.

Weiter zur alten Kirche und dem wirklich niedlichen Friedhof, so ein Urnengrab mit Wasserblick, das hat schon was. Nur die Häuser werden auf dem Weg dorthin werden langsam häßlicher und liebloser, Wasserblick ist eben doch nicht alles, wenn man möglichst viele Parzellen mit Ein-Zwei-Zimmer- Eigentumswohnungen möglichst dicht bebauen will.
An der Spitze der Halbinsel kippt das immer noch vorhandene Wohlwollen: Eine Mietanlage als Hochsicherheitstrakt, komplett mit Videoüberwachung und doppeltem Schutzzaun.
Weiter an der Nordseite offenbart sich die volle Hölle teuer geförderter postmoderner Architektur. Auf den ersten Blick freut man sich noch über das ein der andere ungewöhnliche Baudetail gegenüber des Hafens auf der Nordseite. Das wird dann aber schnell sauer, mit zweckfreien Dachüberhöhungen, Fassadenverzierung und häßlicher Stadtmöblierung. Wildgewordene Altenpflegeheimarchitektur für Jüngere.
Die Aussicht auf die beiden Inselchen Liebesinsel und Kratzbruch (die Namensgebung finde ich inspirierend!) müssen sich sehr viele Augen teilen. Zentimeterweise ist der Wasserblick griebig aufgeteilt, möglichst vielen Mietparteien soll Wasserblick zugestanden werden. Wie deprimierend, Wasserblick auf Stralau aus der dritten Reihe. Wahrscheinlich wachen die Anwohner täglich eifersüchtig, ob der Sommerflieder der weiter vorn wohnenden Nachbarn nicht ein Quäntchen des Blicks verdeckt.
Da mach ich mir doch lieber die Fußwanne voll und guck mir da das Wasser an.
Die einsetzende Dämmerung erlaubt dank der großen Glasflächen einen Blick in die jetzt erleuchteten Wohnungen, während so manches junge Elternpaar mit Dreiradbuggy nach Hause hetzt.
Augenscheinlich sind alle Wohnungen -ganz individuell, natürlich- mit Ikea möbliert. Jetzt erschließt sich, warum die ach so diverse Architektur so deprimiert: Sie ist genau wie der Ikea-Katalog ein Setzkasten, aus dem sich der Bürger seine höchst individuelle Identität zusammenstellen kann. Nichts Eigenes, nichts Originäres, nichts Gewachsenes oder Gefundenes.
Die Individualität der es sich leisten könnenden Kleinfamilie des beginnenden 21. Jahrhunderts besteht aus der multiplen Ikea-Auswahl ihrer preisgekrönten Projektarchitektur nebst Massenmöblierung, skandinavischer Zuteilungsmentalität.

Eine Augenweide sind noch der alte Palmkernölspeicher und der Flaschenturm, denn die sind noch nicht “restauriert”. Sie tun einem ein wenig leid, denn man kann sich vorstellen, wie aufgemotzt und häßlich sie enden werden.

Tröstlich, dann doch noch ein Beispiel geglückten Designs zu sehen: ein kleines Schiff, wie von Kinderhand gemalt, man wundert sich fast, daß es schwimmt. Immerhin komplett mit ‘King of the World”-Brücke. Wie es wohl heißt?

schiff

Es ist November und der Regen

Jetzt wollte ich doch in meiner Serie “November” schon wieder einen Liedertext auftippen, und dann hab ich bei Youtube doch ein Filmchen gefunden, da hat es jemand namens Queerkopf doch komplett genial umgesetzt – Schaunse ma, paßt perfekt zum da draußen:
Alexandra feat. Stollah!: “Was ist das Ziel”:

Direkt

Und jetzt raus, spazieren gehen!

wird herbst da draussen

Die Tauben sitzen schwer wie Steine
der Baum im Hof verliert Gewicht
Ein alter Mann vertritt die Beine
Wird Herbst da draußen, wie ich meine
Wird Herbst da draußen
Und in mir.

Zwölf Bänke stehn und sind vergessen
Eine Tulpenbeet hat nichts zu tun
Ein Sonnenstrahl grüßt sehr gemessen
Den Herbst da draußen
Und in mir.

Und Fenster blicken ernst entschlossen
Als sähe keiner rein noch raus
Ein Pudel schüttelt sich verdrossen
Ein Unbekannter hat beschlossen
Wird Herbst da draußen
Und in Mir.

(Knef natürlich.
Ich würde ja mehr dichten, wenn ich nicht den Einruck hätte, das hat schon mal jemand perfekt auf den Punkt gebracht.)

senza fine – das leben vor dem tod – im november

Ann: If you don’t kiss me right now I’m gonna scream.

Sie ist 23, eine an italienisch erinnernde Schönheit, vielleicht in Kanada, mit zwei kleinen Töchtern, einem süßen, liebevollen, aber zerstreuten Ehemann, lebt in einem Trailer in Garten ihrer Mutter, die Debbie Harry ist, welche eine klassisch schlechtgelaunte Shirley-Maclaine-Altersrolle spielt, nur mit echtem Witz und ohne Chargieren (unlike Ms. MacLaine.)
Und sie wird in zwei Monaten sterben.

Er ist um die 30, Modefotgraf, Franzose, schwul, hat ein inniges, aber gestörtes Verhältnis zu seinem Verhältnis und auch zu seiner Familie. Er hat noch drei Monate zu leben.

Beide Krebs.

Es geht um die Entscheidungen – was würdest DU tun, wenn du nur noch 2 oder 3 Monate zu leben hättst?

Beide sind Versorger, seine Familie, besonders seine Schwester, sind emotional genauso abhängig von ihm, wie sein Liebhaber komplett, auch finanziell, abhängig ist von ihm.
Ihre Familie hängt absolut an ihr, wie sie ohne zu murren in Nachtschicht die Schule putzt, weil ihr Gatte keine Arbeit hat, und die Mädchen sich gewöhnt haben daran, daß ihre Mutter tagsüber schläft, aber zum Zubettgehn mit ihren “Wenn mein Bett ein Floß wäre” spielt.

Beide verweigern die Mitteilung an die Nahestehenden, sie nehmen ihren Tod persönlich. Einsame Entscheidungen.

Er holt sich Rat und einen Moment Geborgenheit bei seiner Großmutter, die Jeanne Moreau ist, und zieht es ansonsten vor, sich von allen zurückzuziehen, letztendlich jedoch nicht ohne eine Spur eines mit beautiful strangers gezeugten Kindes zu hinterlassen.
Sie nimmt Mitteilungen auf Kassetten auf, für jedes Jahr der Geburtstage ihrer Töchter bis zum 18ten eine. Später auch für Ehemann, Mutter und Geliebten, den sie sich in der Zwischenzeit angegangen hat, weil ihr Ehemann ihr einziger Mann in ihrem Leben war, und sie wissen will, wie es mit einem anderen gewesen wäre, und außerdem erfahren will, wie es ist, wenn sich jemand in sie verliebt. (Enter Marc Ruffalo, just the guy for me)

Zwei wunderschöne Filme, hervorragend komponiert, besetzt und gespielt, passend zum gestrigen Allerheiligen, und zum November allgemein, die zeigen, wieviel Leben möglich wäre. Traurig, vielleicht. Deprimierend, keineswegs.
Der eine: Mein Leben ohne mich von Isabel Coixet (produziert vom Pedro Almodovar, und wahrscheinlich der beste Film, den Almodovar nicht gedreht hat) und der andere
Die Zeit die bleibt, ein Film von Francois Ozon.
Enjoy!