Archiv für den Tag: 6. November 2007

musik musik musik

Ich brrauchä keinä Millionän
mirr fählt kein Pfennig zum Glück
ich braucha nurr
Musik Musik Musik
(Das Marrrika, hüpf stratz gnatz wipp spring)

Ein Stöckchen von Frau Koma: Schlager, die untrennbar mit der Kindheit verbunden sind.

Hmpf, gar nicht einfach, das war kein musischer Haushalt bei uns. Es wurde gearbeitet, und gegessen, was auf den Tisch kommt. Und das war das.

Ich selber fing dann an, nachmittags zu den Hausaufgaben Radio zu hören, das war damals Radio Luxemburg, bevor es zu RTL mutierte, simulierte Freunde und Familienanschluß. Besonders mochte ich Helga Guitton von den Moderatoren. Gespielt wurde Schlager und Pop, ganz andere Sachen als damals im spießig-steifen öffentlich-rechtlichen Rundfunk so üblich.

Oder ich sperrte mich mit den 3×9 Platten (die mit Wim Thoelke und Wum vorne drauf) meiner älteren Schwestern in die nie benutzte oder beheizte Wohnstube ein, was mütterlicherseits mit Argwohn und Unverständnis betrachtet wurde (“Was machst du denn da?”) Nein, damals wußte ich noch nicht, was Selbstbefriedigung war.
Da wir nur wenige Platten hatten, mußte man die eben immer wieder hören, und sich immer neue Geschichten dazu ausdenken. Allerdings entdeckte ich dabei Sängerinnen, die (mit Unterbrechungen) bis heute bei mir geblieben sind: Frau Knef empfahl sich mit “Der alte Wolf”, der meinem kindlichen Geschmack besser gefiel als “Eins und eins” oder “Für mich solls rote Rosen regnen”, auch wenn ich nicht glaube, das ich das damals verstanden habe. Überhaupt, die älteren Damen, schon damals, allen voran Zarah Leander, blind wie ein Maulwurf, die erste Körperfressersonnenbrillenträgerin der Weltgeschichte, im 183. Jahr ihrer Karriere.

Da ich ja eh ein ziemlich widerliches Kind war, mochte ich die Humpta-Humpta-Schlager am liebsten. Die schlimmsten konnte ich auch auswendig, einige gar bis heute: “Da kommt Jose, der Straßenmusikant” von Lena Valaitis (der Welt würdigste Schalkragen- und Lodenträgerin, Mann, war die immer warm angezogen), “Der Puppenspieler vom Mexiko (ist einmal traurig und einmal froh, duh!)” von Roberto Blanco (Quotenspaßneger) und “Es war einmal ein Jäger (halli-hallo, ein Jäger)” von der Leni Riefenstahl des deutschen Schlagers, Katja Ebstein (aber geile Outfits hatte sie meistens an!). Ich mochte es robust und rustikal.
Mary Roos und Tina York taten mir immer ein wenig leid in ihrer natürlichen Häßlichkeit, Dunja Rajter in ihrer Billigkeit, und Vicky Leandros war mir immer ein wenig zu blasiert, und es wurde mir nie klar, was es in Lodz so besonderes geben sollte, daß man da unbedingt hin sollte. Vicky ist es übrigens bis heute auch nicht klar.
Olivia Molina hatte ich in ihrer mexikanischen Dritte-Welt-Haftigkeit in mein Herz geschlossen, und sie tat mir immer sehr leid, daß sie nie bei einem Wettbewerb gewonnen hat, obwohl sie immer tapfer mitmachte in ihren Ponchos.
Daliah Lavi jedoch brachte so etwas wie Weltklasse und Eleganz mit ihren etwas gehobeneren Schlagern, jedenfalls bevor sie anfing, nach “Lieben sie Parties?” grundlos in all ihren Songs herumzukichern.
Und natürlich Alexandra, nie zu vergessen Alexandra, sie war die Größte, denn depressiv war ich damals schon. Nirgends lagen damals Liebes- und Lebensklagen und anonymer Sex mit Unbekannten näher beieinander als bei ihr.

Das alles hatte ein jähes Ende mit dem Erscheinen der ersten Schamhaare, mit dem Entdecken des eigenes Körpers entdeckte ich englische Popmusik. Eigentlich logisch, wer kann sich schon einen runterholen, wenn Katja Ebstein vom Petersburger Pferdemarkt singt, oder Andrea Jürgens uns ihr “Kleines Paradies” zeigen will (ürgs), nachdem sich ihre Eltern geschieden haben?

Jahrzehnte später näherte ich mich dem Ganzen dann wieder an, als ich in jeder freien Minute mit Paula Sau über Flohmärkte und durch Trödelläden kroch, um kiloweise für kleines Geld die alten Vinylglückseligkeiten meiner Kindheit nach dem Motto All You Can Carry zu kaufen.
Da entdeckte ich das alles wieder, und neben dem Humpta Humpta meines Kindheitsgeschmacks, das ich wirklich nicht mehr hören kann, viele echte Perlen, die ich teilweise gar selbst digitalisiert habe, damit ich sie auf meinem Ipöttchen hören kann.
So gesehen, eine Rehabilitation, auch des einsamen kleinen Jungen, der sich damals mit Schlagern in eine andere, buntere Welt flüchtete. Woran sich eigentlich all die Jahre nichts geändert hat.