Gebärvater

Ich weiß auch nicht, was es damit auf sich hat, aber in den letzten Wochen träumte ich oft von Babies. Vor zwei Wochen bekam ich selbst eins, so richtig mit Wehen und Pressen, sehr schmerzhaft, und danach war meine Männer-Mumu erstmal ein richtiger Krater. Darüber war ich schockiert, aber noch viel stolzer war ich auf meinen blonden Baby-Boy, den ich selbst geboren hatte, und daß ich sowas überhaupt kann.
Der Traumlogik folgend dachte ich, daß sie mir dafür in der Kneipe meines Heimatorts aber ordentlich einen Schaps ausgeben könnten, und so dapperte ich mit Krater aber ohne Baby in die Kneipe. Und wissen sie, was ich da bekommen habe statt einem Schnaps? Eine Tasse Kaffee! Ich bin heute noch empört darüber.

Heute Nacht entdeckte ich in einer großen Menschenansammlung ein ebenfalls blondes Baby, und wie wir uns so ansahen, erkannte ich, daß es meine Tochter ist, von der ich nichts wußte. Der Moment, wie sich unsere Augen ineinander verschränkten, wir uns erkannten und fürs Leben bondeten, war unglaublich schön und emotional. Und ich wußte, wie sich das für andere Eltern anfühlen muß.

So, und wenn Sie jetzt in der Zeitung lesen, daß irgendwo ein Kinderwagen samt Inhalt vorm Supermarkt geklaut wurde, dann wissen Sie, wo Sie suchen müssen.

Heisse Kiste

Diese Woche abends auf der Straße vorm Haus, ich so in die Beifahrertür gebeugt, um die Einkäufe von vorm Sitz herauszuzerren, hinter mir brüllen zwei besoffene Italiener “Bella Macchina!”

Dreh mich so um mit meinem reizendsten Lächeln (oder was heutzutage dafür herhalten muß), aber sie waren schon weiter gegangen. Und außerdem hatten sie offensichtlich das Auto gemeint, nicht meinen Hintern.

Weiß nicht, ob ich das jetzt drollig von mir ist oder voll peinlich. Entscheide mich für drollig.

Hischmann gelesen, geweint

Die leichte frische Brise weht den Duft der Hyazinthen, Narzissen und des Goldllacks umher, so daß einem fast schwindlig wird, so wie den Heerscharen von Bienen und Hummeln, die so aufgekratzt umherschwirren wie auch schon letzten Dienstag, daß der arme Rastajungen als erklärtes Stadtkind mit einem “give-me-concrete-and-glass-anytime” sich die Kapuze seines Shirts über den Kopf zog, aus Angst, Tierwelt mit nach Hause zu nehmen. Einen Moment dachte ich, die Geste gälte mir, aber das stellte sich ja später als unbegründet heraus.

Die letzten kostbaren Seiten von “Am Ende schmeißen wir mit Gold” von Fabian Hischmann gelesen, und glücklich. Immer wieder Tränen zerdrückt, weil er einen versteht anzufassen in einem knappen Nebensatz, und auch weil es endlich (wieder) solche Bücher in Deutschland gibt. Noch dazu wunderschön aufgemachte Bucher, Schmeichler schon von der Optik und Haptik her, weit entfernt von der Schulbuchhaftigkeit der üblichen DTVs und Suhrkamps, seriös zu wirken versucht und dabei doch nur Freudloses schaffend.

Hischmann, es fällt einem unbedingt Herrndorfs Tschick ein, und doch ist es ganz anders. Ein spätpubertärer Endzwanziger kehrt ins Elternhaus zurück, um eben jenes und seinen alten Hund für den Sommer zu hüten, und wird mit den noch nicht spätpubertären Dramen, Träumen und Traumen konfrontiert. Aus den anfangs geplanten 2 Wochen wird aus Gründen eine längere Phase, und Hischmann changiert zwischen seinen alten Freunden, die versuchen eine Utopie zu leben, einer Episode in Griechenland und einer in New York.  Von Sommer bis Weihnachten im Kosmos eines, der sich schon lange nicht mehr festgelegt hat, keinen Ort hat.

Die Sprache ist dabei das schönste Element, im prosaischen Ton und faktischen Blick des Langpubertierenden (kennen wir das nicht alle?) wird in kurzen Skizzen geschildert, nur damit dabei in einem Halbsatz, einen nachgeworfenen Wort das wahre Trauma, der Kern, das wahre Thema aufblitzen kann.

Ein köstliches Buch, welches ich Sie hiermit verpflichten möchte, zu kaufen und zu zelebrieren. Teilen Sie es sich gut ein, es liest sich viel zu schnell. Und wie bei Ihren jüngeren Verwandten passiert es dann, daß man die wahre Geschichte überhört in dem lakonisch Erzählten.

Entwarnung

Ich weiß nicht, ob mein F*cken gegen Brustkrebs auch ein wenig dazu beigetragen hat, jedenfalls stellte sich gestern bei den ganzen Untersuchungen heraus, daß es keinerleit Metastasen gibt. Was ein Glück!
So bleiben jetzt vorläufig nur die normalen, wenn auch nicht angenehmen Nachbehandlungen. Puh!
Es kann also auch mal anders gehen.

Sexual Healing

When Life gives you Lemons, you know what to do.
But when Life gives you a cute Rasta Boy, make Love.

Eigentlich ja gar nicht im Zustand und in der Lage, aber der wunderschöne 30jährige Rasta mit der Milchkaffeehaut und dem großen, öhm, Lächeln meinte, es würde mich doch ein wenig auf andere Gedanken bringen, so ein bißchen Sex.

Und so ist es dem Brustkrebs meiner Schwester zu verdanken, daß ich heute am allerhellichtesten Vormittag ein Sexdate mit einem unglaublich schönen jungen Mann hatte. Das ist nämlich schon für Fortgeschrittene, wenn man nicht mehr grade Ende 20 ist, mehr als mmpf Kilo wiegt und auch sonst schon deutlich Ge- und Verbrauchsspuren aufweist.  Da ist ein Abenddate deutlich vorzuziehen und einfacher, mit schummriger Beleuchtung und ein, zwei Gläschen Wein für dem Mut (liquid courage, wie er es nannte).

Da der junge Mann aber abends nicht kann, weil er einen Boyfriend zu hüten hat, und außerdem morgen für zwei Wochen wegfährt, in denen er sein Interesse mit Sicherheit vergessen hätte, hatte ich nun die Pistole auf der Brust und natürlich blanke bodenlose Panik im Herzen und sonstwo.

Verdammt, hab ich mir dann in den Hintern getreten, wenn deine Schwester ihre übermächtige Angst vor Ärzten und Torturen überwinden kann, um ihr Leben zu retten, dann kannst du ja wohl deine bekloppten Ängste überwinden und etwas zulassen, was dir gut tut. Und es wird allerhöchste Zeit, daß du das tust!

Nun, leicht wars nicht, aber der junge Mann hatte eine Engelsgeduld, und es wurde ein sehr sehr schöner sinnlicher Vormittag. Für heute fühle ich mich geheilt.

Und so kam es, daß ich zum ersten Mal seit über 10 jahren frischgefickt und verspätet auf Arbeit erschien. Weil meine Schwester Brustkrebs hat.

Und wenn der Frühling kommt…

Die Arme und Schultern tun weh vom Cheerleaden, 5 Tage, zwei davon größtenteils Autobahn, fühlen sich gleichzeitig an wie eine Ewigkeit und ein schlechter Traum. Aber Mission erfolgreich, soweit, denke ich, fühle ich.

Seit “vor Weihnachten” weiß sie schon von dem Knoten in der Brust, und wer meine Schwester kennt, weiß, daß das alles bedeuten kann, von Sommer an oder seit Nikolaus. Sie hat nie grau, immer nur schwarzweiß, und davon meistens schwarz. Kein Wunder, bei den Traumen, die unsere Familie verkraften mußte, unter anderem starb unsere andere Schwester mit 29 Jahren nach 15jährigen Kampf gegen den Krebs. Sie hat dann bis nach Fastnacht gebraucht, bis sie iendlich zu einem Arzt ging, und erst danach hat sie ihrem Mann davon erzählt. Das sind viele verlorene Monate bei solch einem Thema, aber Angst ist ein starker, wenn auch mieser Ratgeber. Ich mag mir diese Monate, die sie alleine mit sich zugebracht hat, nicht vorstellen, aber wenn Ihnen das bekannt vorkommt, dann sind Sie nicht alleine damit.

Immerhin, irgend etwas hat sie bewogen, nicht so feige zu kneifen wie unsere Tante. Ob es die Angst war, oder ein doch noch gefundenes Vertrauen in das Leben, die Menschen und die Liebe, ich mochte das nicht hinterfragen. Konstruktiver war es, ihr zu sagen, daß ich stolz auf sie sei, und daß das der wichtigste Schritt war, der schwerste, der mutigste, der, der am meisten Kraft kostet. Den Kampf aufzunehmen, wenn auch verzweifelt und weinend.

Denn nach diesem ersten Schritt läuft die Maschine, Termine, Untersuchungen, OP-Termin. Die OP ist sehr gut gelaufen, brusterhaltend wurde der Knoten entfernt und “vorsichtshalber” auch gleich der Lymphknoten in der Achselhöhle.  Weitere Untersuchungen nach Metastasen, nicht unwahrscheinlich nach dieser späten Behandlung, und die Ergebnisse der Knötchen, die im Lymphknoten gefunden wurden, stehen noch aus. Bestrahlung sehr wahrscheinlich, Chemotherapie nicht unwahrscheinlich.

Es hat sehr viel Kraft gekostet, in jeder einzelnen großen und kleinen Krise, die teilweise minütlich kamen und gingen, tief hineinzusteigen und einen positiven Aspekt hervorzukramen und diesen wie ein Mantra so lange zu wiederholen, bis es alle glauben. Sogar mich selbst habe ich überzeugen können. Meist ein ruhiges rundes zuversichtliches Gefühl. Wenn man nicht weiterdenkt. Spin-Doktor, Doktor Spin, ich. Zuversicht, Mut und Willen sind beim Kampf gegen Krebs mindestens ebenso wichtig wie die medizinischen Möglichkeiten, wahrscheinlich sogar wichtiger. Aber ein steiniges Terrain, da ein paar Samen und Knollen davon unterzukriegen.

Der Schwester zureden wie einem kranken Tier, einem kleinen Kind, den Schwager beiseite nehmen, seine Kraft stützen und stärken, ihm zureden, daß er auf sich aufpassen muß, schließlich bekommt der Pilot als erstes die Sauerstoffmaske, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Seit sie ihm von ihrem Knoten erzählt hat, hat er sie keine Minute alleine gelassen, er ist mager geworden und liegt mit den Nerven blank. Sein Ding ist Radfahren, -zig Kilometer am Stück, und er mußte mir versprechen, daß er das mindestens eine Stunde am Tag tut. Den Neffen, der noch nie mit so etwas umgehen konnte, versuchen die Angst zu nehmen, und ihn vorzubereiten auf das Szenario, denn er macht Wachablösung diese Woche. Krisen haben auch ihr Gutes, vielleicht ist das die Chance, die schwierigen Familienverhältnisse zu kitten.

Und wenn Sie nun denken, da ist aber jemand in seinem Element, dann haben sie ein wenig recht. Es ist nur kein schönes Element. Sie ist meine letzte direkte Verwandte, und erst 62, sie hat noch Zeit und es muß gut gehen.
So langsam fange ich an, den Frühling und die Blumen auf meiner Terrasse zu hassen. Warum immer im Frühling?

Da sein

Da sein, einfach nur da sein, ist unterschätzt, wichtig und tut gut, auch einem selbst. Selbst wenn man sonst nicht viel ausrichten kann.

Fucking Hell

Gestern nach den Telefonaten erst mal Crimes of the Heart geguckt, wegen Schwestern. ‘
Mannmannmann, verdammt. Sie hat doch gar nicht das Rüstzeug, das ist ganz dreckig, ganz ganz dreckig von dir, Universum. Und immer im Frühling. Arschloch.

Viertel Jahrhundert

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore;
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!

 

Heute ist ein ganz besonderer Tag: heute vor 25 Jahren zog der kleine Lucky mit all seinen Habseligkeiten und einem brandneuen Set von diesen scheußlichen unkaputtbaren achteckigen Services in schwarz und weiß, wie sie damals so schick waren, in einem vollgepackten Ford Transit über eben jenen Transit, auf die Insel, die Insel Berlin. Möglichst weit weg von seinem Heimatdorf, möglichst weit weg von der Familie, möglicherweise sogar, um in der großen Stadt komplett zu verschwinden (da hatte ich allerdings nicht mit der unbeirrbaren Hartnäckigkeit meiner Frau Mama gerechnet).

Freiheit, ein Neuanfang, grenzenlose Möglichkeiten in der eingegrenzten Stadt.
Vieles davon ist wahr geworden, vieles nicht vorgestelltes obendrauf.  Berlin ist mir eine gute Mutter gewesen und ist es noch, hart, kalt, grau, nachlässig, ungepflegt, aber wie warm und schön an manchen Ecken, Berlin hat mir meine Chancen gegeben, mich genährt und immer gut behaust und mir sogar eine Karriere geschenkt, obwohl ich nie wußte, was aus mir werden sollte.  Berlin hat mir einen unkapttbaren Freundeskreis geschenkt und eine Heimat, eine zweite Heimat für die letzten Dreiviertel meines Lebens.

Ob Berlin mich liebt, kann ich nicht so sagen, wohlmeinende Vernachlässigung ist so mehrdeutig.  aber: ich liebe Berlin!

Wenn ich mir jetzt noch was wünschen dürfte: nen feinen Kerl an meiner Seite, dann wärs echt komplett, Berlin – da geht doch noch was!?