Heute Nacht träumte mir, ich sei schon Ende 40 und ich konnte mich an die abgelaufenen Jahre nicht erinnern.
Eindeutig ein Warntraum.
Category Archives: confessional pottery
Pralles Leben – so und so
Dralle Zeiten, Frühling, Wärme, langsam und noch etwas wacklig auf den Beinen kriecht die seit Monaten eingemottete Lebenslust wieder aus dem Schrank.
Halbnackte Dachdecker erinnern an längst vergessenes Verlangen, und daß Wunder geschehen. Können. Könnten.
Was vorher geschah: man saß in der goldenen Morgensonne mit Blick auf pralle Blümchen. Und weinte eine Stunde lang am Telefon. Die Halbschwester meiner Mutter ist im Krankenhaus, Magenkrebs, sehr ernst die Lage. Offensichtlich ist sie nicht gut über den Winter gekommen und hat anscheinend in vielen schlaflosen Nächten schon eine einsame Entscheidung getroffen. Viel zu jung, noch nicht dran.
Nun würde ich nicht jeder Tante so nachheulen, aber es ist beeindruckend, über wie viele Schatten eben jene gesprungen ist in den letzten Jahren, noch selten hat sich jemand so um mich bemüht, so viele Mauern eingerissen, um Kontakt zu mir zu bekommen. Wo sie doch so verschlossen ist, eigentlich.
Danach dann eben jener Anblick auf dem Dach. Tod und Leben in einem Atemzug. Schon viel und heftig.
Und weil da in aller Intensität offensichtlich in der Mitte etwas ganz Häßliches und Unnützes fehlt, macht dann im Büro der Monsterkunde mächtig Ärger, den ich letztes Jahr leider doch nicht los wurde.
Wahrhaft, prall, das Leben.
Gestern beim Müsliessen lugte etwas dunkles, rundes aus dem Joghurt hervor. Ich hab es dann schnell untergerührt, aber dann kam mir der Gedanke: War das jetzt eine Rosine, oder doch vielleicht eine Spinne? (Ich hatte vorher die Spinnweben von der Zimmerdecke weggefegt)
Ich habe das Müsli dann doch vorsichtshalber entsorgt, würgte dann aber doch ganz schön an dem einen Löffel, den ich schon geschluckt hatte.
Familienwarze
Seitlich an meinem Nacken, 4 Zentimeter unter dem Haaransatz auf dem Weg in die Schulterkurve, befindet sie sich: meine Familienwarze.
Sie ist groß, schwarzbraun und steht gehörig hervor. Auf ihr wachsen drei dicke schwarze Borsten, die immer lang herausragen, egal, wie oft man sie abschneidet.
Sie kommt von mütterlicherseits und alle Familienmitglieder dieser Richtung haben sie. Da bin ich schon extra so weit weg gezogen, aber mittlerweile habe ich den Verdacht, sie hält mich mit der Posse in funktelepathischer, nicht unterbrechbarer Verbindung
Besser geht’s doch
Ich liebe diese eisvogelblauen Tage, wenn der Himmel so hoch und breit und weit ist, daß er einem unendliche Möglichkeiten vorgaukelt. Freiheit, Mut, Zuversicht, Selbst-Bewußtsein, in so einem blitzeblanken, neuen Jahr, der Kalender noch nicht mit unnützen Terminen vollgeknallt, noch nur bis zu den Knöcheln zugemüllt statt bis über beide Ohren.
Dann steht man da, hat sich freigeschwommen von allerlei, hat einiges vor, großes und kleines und selbstsüchtiges, die Richtungen sind einigermaßen klar, nur wie man es anfangen soll, das weiß man noch nicht. Nur bald sollte es sein, bevor die Wellen wieder über einem zusammenschlagen.
Da wünscht man sich ein wenig mehr Selbstvertrauen, und eigentlich möchte man mal wieder auf den Arm, nur daß man leider mittlerweile zu groß und zu alt und zu schwer ist.
Belastungstest
So, morgen ist es so weit:
Nach anderthalb Jahren Therapie der erste Termin mit dem Wahnsinnigen, dessen Projekt mir damals den Rest gegeben hat. Immerhin habe ich es durchsetzen können, daß es in den letzten 14 Monaten keine solche Termine gab. Dieser ist nun wirklich unausweichlich.
Die Lage im Vorfeld ist, würde ich sagen – unentschieden. Angstattacken und Magenzwicken lösen sich mit den erlernten beruhigenden und stärkenden Verhaltensmechanismen ab.
Irgendwo zwischen bodenlosem Fall und guten Klettergriffen.
Wir werden sehen. Aber mal muß es ja auch ausgestanden werden.
Das Gegenteil von Wiedervereinigung
ist ja dann wohl: Auseinanderbleiben!
Im freundlichen Gedenken an die Exe:
C., der immer noch so aus dem Hals riecht, aber ansonsten glücklich scheint, wenn er nicht grade in der Hauptschule, wo er ausgerechnet Kunstlehrer ist, auf dem Schulhof aufs Maul kriegt. Warst ein guter Erster!
B., mögest du glücklich werden auf deinem Biohof in Brandenburg und Frieden haben!
K.A. (Kleines Arschloch), mögest du so gründlich verschwunden bleiben, wie es deine 1,58 oder so erlauben!
J. Tot, wäre schön wenn du etwas weniger vergessen wärst, mit deiner Kunst.
F. – Alles Gute!Ich drück die Daumen!
H. Manchmal möchte ich dich schlagen, weil du immer noch so gut aussiehst mit fast 50, aber dann wünsche ich dir lieber, daß du endlich einen Grund findest, aufzuhören, vor dem wegzulaufen, was auch immer es ist.
U. Alles gesagt
T. Ich wünsche dir eine hübsche Feigwarzensammlung! ach das tut man nicht
D. Schade. Tut mir leid. Mehr ging nicht.
P. Schade daß wir es nicht geschafft haben. Schön daß es dich immer noch gibt. Ich hoffe, wir werden unsere jeweiligen Schäden irgendwann noch überwinden.
Die neue Ehrlichkeit
Seit 10 Tagen schon dräut der Termin vor mir, macht, daß ich mich klein, hilflos und einfach mies fühle, alles schlecht ist und mein Magen schmerzt und das Genick steif.
Jahresauswertungsgespräch mit einem Kunden, der eher tantig, gerne auch mal beleidigt, immer sehr anspruchsvoll ist und alles gern auch persönlich nimmt und gibt.
Den ganze Morgen Herzklopfen und Bauchgrimmen, denn die Asuwertung ist nicht richtig schlimm, aber eben auch nicht gut… Auwei, das gibt was auf den Sack!
Dann im Radio: “Besser gehts nicht” von 2Raumwohnung, der Song zur Werbung der AOK, worüber ich mich schon mal sehr beömmelt habe.
Da mußt ich sehr lachen, das Ganze fiel von mir ab, und ich ging mit einem breiten Grinsen ins Gespräch. Was der AOK recht ist, kanns mir schon lange.
Achso, und das Gespräch verlief dann auch ganz ok.
Lug und Trug – Postkarten
So kanns gehen. Nach dem letzten Beitrag wollte ich mich grade in eine meiner melodramatischen Stimmungen begeben, in denen ich mich am besten zuhause fühle, früher war alles besser, früher war mehr Leben, alles praller, usw usw.
Ha! Früher war alles besser? My Ass!
Wenn man genauer hinschaut, gings mir früher auch nicht besser und das Gold war auch nur Katzengold. In New York war ich aufgrund schweren Liebeskummers sehr depressiv, wenn ich auch vergessen habe, um wen sich der Liebeskummer drehte. (Es war aber pro Jahr jemand anderes.) Woran ich mich aber erinnere, war die Wahrsagerin auf der Straße, die mir anbot, zum Zweck der Heilung ein paar Kerzen anzuzünden, was sie dann auch tat, ohen daß ich sie gebeten hätte. Und geholfen hats auch.
In England gabs täglich Streit im Auto, weil der Mann an meiner Seite sich noch mehr unidentifizierbare Hünengräber und keltische Kultstätten angucken wollte und ich nicht. Immerhin verzieh er mir großmütig, daß ich seine teure Kamera irgendwo in Tintagel verloren hatte.
In Florenz im Hotelzimmer gab es fast eine Schlägerei, weil ich eifersüchtig war auf die weitgestreuten esoterischen Bücher des Geliebten.
Aber das schreibt man ja nicht auf Postkarten.
Kälter
Das Schlauchboot liegt auf dem Rücksitz als überflüssiges Memento. Der Sommer ist vorbei und hier ist es kalt.
Das Haus ist kalt, und wenn ich gerade die Heizung angestellt habe, wärmt es nur außen. Das letzte Mal, als ich hier war, war das Haus noch von innen warm. Das ist jetzt spürbar vorbei. Vergangen. Nie wieder.
Das Leben hier hat sich weitgehend normalisiert, wenn es das denn jemals war. Die Beziehungen zu den Menschen ziehen sich wieder Richtung Normalzustand zurück. Ab und an wagt es jemand, seine Wunde zu zeigen. Nur kurz. Und das ist ok so.
Ich gehöre nicht hierher. Ein Teil von mir ist es nur, der hier lebte, nur leider ist der andere Teil weniger greifbar, faßbar, verstehbar.
Eigentlich möchte ich einen großen Vorschlaghammer nehmen und dies alles hier verwüsten, die Sachen auf die Straße werfen, die Fenster von innen einschlagen, damit man auch außen sieht, was innen ist – nichts mehr.
Eine schmerzhafte Erkenntnis, unschön, nicht leicht zu ertragen, aber: unvermeidbar, kalt, klar. Und gut. Immerhin eine Erkenntnis.
The Boy with the Weight of the World on his Shoulders
Als Junge hatte ich einen ausgewachsenen Jesuskomplex.
Das lag zum einen an der sehr katholischen Erziehung meiner Mutter und einer ausgeprägten Erwartungshaltung ihrerseits und meinerseits an mein Schicksal. Und an der barocken Kirche im Heimatdorf, wo ich selbstverständlich auch Meßdiener war.
Wenn es nach meiner Mom gegangen wäre, hätte ich Priester oder Bischof (oder Papst) werden sollen, geschafft hat sie es aber immerhin, daß ich unverheiratet geblieben bin. Und anders als alle anderen war ich sowieso.
Alle Indizien unterstützten den Verdacht, oder besser die Erwartung, daß es mit mir etwas ganz Besonderes auf sich haben würde: über dem Altarportal prangte ein Lamm mit Banner, das meine Initialen trug: JHS.
Dazu kam noch die dralle barocke Muttergottes, die auf einem Sockel an der Wand ein ebenso dralles Jesuskind im Arm hielt, während sie mit dem Fuß eine dicke fette Schlange zertrat. (Was nun wieder ein Verweis auf meinen Namenspatron war.) Mit ihren tiefblauen Augen schaute sie mich mild, aber unverwandt und seelenvoll an, um mir ein Versprechen, eine Hingabe abzuverlangen, eine Verantwortung aufzuerlegen, und zwar egal, wo ich jeweils in den Holzbänken saß, sie meinte mich.
Man sollte Kinder schon darüber aufklären, daß auch Statuen Wanderaugen haben können, die einen überall vermeintlich fixieren.
Außerdem war es damals die Zeit, als Nostradamus in allen Frauenzeitschriften zitiert wurde, der prophezeite, daß im Jahr 2000 die Welt untergehen würde – das machte alles klar und rund. denn im Jahr 2000 würde ich 33 sein, genau wie Jesus am Kreuz, zusammen mit den obigen Indizien war der Fall ganz klar. Ich trug ziemlich schwer an dieser Erkenntnis, teilte sie aber nur mit der Madonna in der Kirche.
Ich weiß nicht mehr, wie sich das auflöste über die Jahre, aber mittlerweile denke ich nicht mehr, daß ich der neue Jesus bin (zu alt, zu wenig Bartwuchs, lange Haare, Sandalen und Wundmale in der Seite stehen mir nicht). Aber manchmal, manchmal fühle ich die Verantwortung und den Auftrag schwer auf meinen Schultern. Und dann muß ich mich ganz heftig schütteln.