Archiv für den Tag: 10. November 2013

Brief aus der Heimat

Lieber Lucky!

Dein neues Lebensjahr hat bereits begonnen – es tut uns leid! Ich wollte doch eine extra schöne Karte besorgen! Jetzt muß diese her halten. (Dafür hat sie sie mit Glitzerblumen beklebt, woher weiß sie?) Also: die allerherzlichsten Wünsche für das neue Lebensjahr – Gesundheit und Wohlergehen, Erfolg in Deinen Unternehmungen – dieses ist heute wichtig für ein normales Leben. Leider ist es nicht allen gegeben.
Hannah (die Enkelin) ist nun in Berlin. Ob sie sich bei dir gemeldet hat? Ich habe auch noch keine Adresse. Sie hatte mit Wohnung und vielem Glück. Berlin ist für mich sooo groß. Ich denke oft an euch S*er (aus unserem kleinen Dorf hat es 3, nun 4 nach Berlin verschlagen), bin aber stolz, daß ihr alle euren guten Weg geht. Unser Dorf wird von “Eingeborenen” immer kleiner. Sogar der Friedhof ist schon zu groß geworden. Wir bleiben aber den alten Dingen noch treu. Für Deine guten Wünsche zu Jakobs Geburtstag herzlichen Dank. Es hat ihn sehr gefreut. Im Moment ist Jakob stark erkältet. Bei so was meint er: wir werden alt! Ich antworte: wir sind alt! Alles das ist nicht schlimm – man muß nur jeden Morgen froh beginnen. Das wünsche ich Dir auch von herzen!

Nun lieber Lucky bleibe gesund, es geht schon so schnell auf Weihnachten zu – dann sehen wir uns wieder.
Mit herzlichen Grüßen
Jakob und Rosemarie

Und es stimmt, Jakob und Rosemarie sind alt, 86 und 81, von ihrem Bauernhof sind nur noch die freilaufenden Hühner in einer Scheune weiter weg übrig geblieben, die Jakob täglich mit einem uralten Fahrrad namens Hindenburg besucht. Von den Freilandeiern verehren sie mir immer 10-20, wenn ich da bin. Früher gab es auch selbstgeräucherten Schinken und selbstgemachte Sahne und Butter, als noch Vieh da war.
Die Tochter hatte mich einmal so mit Fragen in die Enge gedrängt, daß ich unfreiwillig zum Coming Out gezwungen war. Eine ganze Woche sah ich weder Haar noch Hut von Jakob und Rosemarie, bis dann doch die Gaben an der Tür lagen (sie legen sie immer diskret frühmorgens auf die Treppe vor die Haustüre, um nixcht zu stören, aber sicher zu stellen, daß der Junge was Gutes zum Frühstück hat). Sie brauchten die Woche wohl, um den Schock zu überwinden, und festzustellen, daß sich für sie ja gar nichts ändert, nur weil ich Schwanz lutsche. Ich bin sehr stolz auf Jakob und Rosemarie. Heimat, eben.