70-80%

“Wie würden Sie denn aktuell Ihr Lebensgefühl beschreiben?”
“Ach, seit Ende August bin ich relativ stabil ganz zufrieden mit mir und meinem Leben.”
“WAS!!!??”
“Ja, so zu 70, 80% ganz zufrieden”
“Herr Lucky, sowas hab ich ja noch nie von Ihnen gehört – dann sind Sie ja jetzt aus dem Gröbsten raus!”

Ist wirklich wahr, nach dem 4-Wochen-Urlaub im Sommer hatte ich zwei, drei schwere Wochen, an denen ich jeden Abend heulend zuhause gesessen habe, und dann jene entscheidende Sitzung, an der das letzte Puzzlestück an seinen Platz fiel, ein ganz unspektaktuläres Puzzlestück, eines, das ich ich schon ganz oft in der Hand hielt, aber anscheinend war die Zeit noch nicht richtig dafür.

Seitdem spreche ich von einem neuen Lebensabschnitt, jetzt schon 3 Monate stabil. Was eine Wonne, ohne Depressionen, die Ängste halten sich in Grenzern, und ich muß nicht mal jedesmal würgen, wenn ich mal an einem Spiegel vorbeikomme.

Das waren lange 10 Jahre – fünf Jahre, um sich ordentlich in den Burnout reinzuarbeiten, ein Jahr Annus Horribilis, und dann vier Jahre, um sich aus dem Schlamassel wieder rauszugraben. Ganz schöne Strecke, aber, und deswegen schreibe ich das hier, es ist zu schaffen!

Ich war eigentlich eh schon immer antizyklisch, jetzt eben wohlig im November.
Jetzt kann es also weitergehen, das Leben.

13 thoughts on “70-80%

  1. Glückwunsch (Gast)

    4 Jahre “Aufstieg” ist überhaupt kein Zuckerschlecken. Ich hab’ täglich mit Leuten zu tun, die auch noch einen langen Weg vor sich haben, und gerade hierzulande wird einem das kämpfen nicht gerade einfach gemacht (Stichwort: Wartezeit auf Therapieplätze und so).

    Also, Glückwunsch, und ich hoffe mal unbekannter Weise, deine Zeit ohne Depressionen wird für dich der Rest deines Lebens sein.

    Jeder einzelne Mensch, der beweisst, dass er aus eigenem Antrieb den Ausstieg aus der Depression geschafft hat, hat große Anerkennung verdient. Gibt kaum einen härteren Gegner als das eigene Denken…

  2. luckystrike

    REPLY:
    Naja, es ist ja nicht so, als ob man sich plötzlich entscheidet, mit dem Rauchen aufzuhören oder fortan ohne Kohlehydrate leben zu wollen. Die Macht der (gewohnten, erinnerten) Gefühle (nicht das Denken, sondern viel archaischer) ist unglaublich groß – ständig steigt die Psyche in den Keller, wenn ihr was begegnet, und sucht nach einer passenden Gefühlslage “Na, das paßt doch prima, das hatten wir doch schon!” – gut gemeint, aber leider paßt die wohlerprobte Gefühlslage eines 4- oder 14-jährigen nicht unbedingt in die Welt eines 40-jährigen. Die hormonell-archaische Erinnerung aber ist unglaublich mächtig und leider weitgehend unbewußt.
    Das bedeutet, daß man diese Zustände sehr wohl immer noch bekommen kann, man sie aber besser rational zuordnen oder als unpassend einstufen kann und so unabhängiger agieren und seine Gefühlszustand steuern kann. Ein Stück weit zulassen ist dabei denke ich gar nicht so verkehrt, da auch innere Heimat, aber man ist dem nicht mehr so ausgeliefert.

  3. luckystrike

    REPLY:
    Ich hoffe, es gibt dem ein oder anderen Hoffnung – ich selbst hab eigentlich nicht mehr dran geglaubt, hätte es nicht die Heidi und den ein oder anderen Glimpse blauen Himmels gegeben.
    Andererseits, selbst bei der schlimmsten Schlägerei bin ich nicht schlau genug, einfach vom Platz zu gehen.

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