berlin berlin – nur nicht für alle

Heute gibt Salome ihren Abschied in der Firma. Übermorgen muß sie ausreisen in das Land, das vor 15 Jahren, also vor einem halben Leben, ihre Heimat war, und in dem gerade die korrupte Regierung nicht nur ihre Bevölkerung, sondern auch die Menschenrechte niederknüppelt und mit Füßen tritt.

Was schenkt man jemand, der nur 20 kg Standardfluggepäck zur Verfügung hat, um 15 Jahre Leben in ein fremd gewordenes Land mitzunehmen? Sicherlich keinen dicken Bildband von Berlin.

Wir Kollegen legen zusammen für etwas Luxus, den sie nach Georgien mitnehmen kann.
Dazu dachte ich, eine kleine schaurig-schöne Melange von Berlin-Liedern. Sie wissen schon, Knef, Dietrich, Juhnke, Koffer, Sommersprossen, Gropiuslerchen, mein Berlin, Berlin, aber auch Dickes B oben an der Spree, Fischer Z, Culcha Candela, Nina Hagen und natürlich Ideal. Natürlich überwiegend grauenhaft kitschig und verlogen, das Ganze, sogar die moderneren Sachen. Na vielleicht hilft es ja GEGEN Heimweh. Folklore als zweischneidiges Geschenk, peinlich.

Nicht peinlich dagegen war mir, daß ich bei der Auswahl weinen mußte. Die ungeschickt-peinlich-bieder-verlogenen Huldigungen an Berlin packen mich irgendwo an einem peinlich-patriotischen Ort. Aber:
Zusammen mit der Wut und der Traurigkeit, daß die ach so tolerante und weltoffene und herzliche Stadt längst nicht Platz für jeden hat. Daß sie menschenfeindliche Sachbearbeiter beschäftigt, die hinter den Kulissen und jenseits der Öffentlichkeit willkürlich und nach eigenem Gusto entscheiden können, wer denn in den Genuß von Berlin Berlin kommen darf. Und wer nicht.

Vor Wut und Scham und wegen der Verlogenheit mußte ich weinen. In manchem Koffer in Berlin ist wohl doch nur ein totes Mädchen drin. Sind Sommersprossen nicht letztendlich auch nur braune Flecken!? Dein Herz kennt keine Mauern – Deine Verwaltung aber wohl. Wir sind das Volk – und du nicht!

Salome, frei nach Monika Herz: Wir sehn uns in Berlin!

13 Gedanken zu „berlin berlin – nur nicht für alle

  1. r|ob (Gast)

    …[Herr Lucky hat darum gekämpft, dass sie hier bleiben darf und ist letztendlich an quichottischen Windmühlen gescheitert...] …

    Antworten
  2. Polaris (Gast)

    Was man ihr schenken könnte?
    Ich denke da ganz profan an Geld.
    Denn das wird sie brauchen..und eure Freundschaft.
    Aber die hat sie ja schon!

    Antworten
  3. gorillaschnitzel (Gast)

    Tut mir Leid. Wirklich.

    Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem diese Ausländersch…..behörde irgendwas will. Und dann, dann sollen sie mal ankommen, diese ……
    Ehrlich gesagt: Gehören ausgewiesen. Sahara oder so.

    Antworten
  4. kopffueßelnde (Gast)

    böderweise braucht es genau solche erlebnisse, einzelschicksale, um uns aufzurütteln, um uns die empörung wieder spüren lassen, das gefühl, das lange nicht alles gut ist, so wie es ist.
    schön ist es, dann solidarität zu spüren, verstanden zu werden und die wut teilen zu können. toll wäre es, diese wut nicht wieder einzugraben, sondern produktiv zu nutzen.

    tschakkaah!

    Antworten
  5. stylebitch (Gast)

    dass der Sachbearbeiter ein Mann war. Denn wir wissen ja, wie Salomé Männer am liebsten serviert hat …

    Ick find dat sowat von scheiße, ey! Können wir uns stattdessen nicht von ein paar Hansa-Rostock-Fans “trennen”?

    Antworten
  6. luckystrike

    @all: vielen Dank für Anteilnahme, Entrüstung und Unterstützung. Es war gestern dann eine sehr bedrückende Abschiedsfeier.

    Wenn ich zeitgleich Artikel über singende Außenminister und von Vielfalt und Integration schwafelnde Bürgermeister lese, dann kommt mir allerdings die Galle hoch.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>