la chanteuse á quatre-vingt ans

Non Monsieur, je n’ai pas vingt ans
Vingt ans, c’est l’âge dur
Ce n’est pas le meilleur des temps
Je sais, je l’ai vécu.

Wer denkt, daß man mit 80 Jahren alt ist, der hätte gestern abend im Admiralspalast da sein sollen, beim Konzert der letzten großen französischen Chanteuse, Juliette Greco.

Juliette Greco, eine Ikone, stilbildend. Schwarz in Kleid und Haar und Lidstrich, intellektueller Gegenpart der meist emotionaleren französischen Sänger und Sängerinnen, jeder hat ein Bild von ihr im Kopf und kennt die Stimme.

Um ehrlich zu sein, bin ich nicht ihr größter Fan und hatte nicht allzu viel erwartet, ein Abschiedsbesuch bei einer erlöschenden Flamme, ein wenig Legendentourismus, Nostalgie am noch lebenden Objekt.

Von wegen! Wer da auf die Bühne trat, war eine kraftvolle, würdevolle, spielbereite und spielwütige Frau auf der Höhe ihrer Kraft und Kunst. Großartig sah sie aus, zeitlos, formidable, alles, aber auf keinen Fall – alt.
Ihre wunderbare tiefe Stimme immer noch absolut voluminös, wenn sie es wollte und brauchte, ansonsten wendig im Ausruck, im Hauchen, Schnurren, Knarzen, Flüstern, Aufstöhnen.

Hervorragend ihre Begleitung, Klavier und Akkordeon, mehr brauchte es nicht. Überhaupt, an diesem Abend wäre jedes Mehr ein Zuviel gewesen, und jedes Weniger ein Zu Wenig, alles auf den Punkt, egal ob Beleuchtung, musikalische Begleitung, Bühnenbild, Auswahl der Chansons.

In über anderthalb Stunden entführte Juliette Greco – ohne Pause – in schätzungsweise 30 Chansons in Ihre Welt, in der die größten Lyriker und Musiker ihr Texte und Melodie auf den Leib schneiderten, oder sie sich andere Chansons gänzlich eigen aneignete.

Jedes Chanson eine Inszenierung, begleitet von großen oder kleinen, erstaunlich anmutigen oder auch dramatischen Gesten, jedes Chanson eine eigene Persona, eine eigene Stimme, mal kleines Mädchen, mal abgeklärte Diva (wunderbar, wie ironisch sie als 80jährige Deshabillez-Moi singt!), mal romantische Schwärmerin, mal Fischweib. Oder auch Mensch im Angesicht des eigenen Todes, als sie mit “J’arrive” dem Programm einen hochdramatischen Schlußpunkt setzt.

Der Saal tobte Ewigkeiten in Standing Ovations, als sie als kleines encore noch “Ne me quitte pas” gab. Kein bettelndes, demütiges, verzweifeltes Chanson hier, sondern eine kurze, knappe selbstbewußte Aufforderung an den Geliebten, seine Optionen zu überdenken.

Mir war aufgefallen, daß Sie den ganzen Abend zwar gestisch und mimisch sehr bewegt, aber immer auf genau demselben Fleck stehengeblieben war, und ich dachte, daß sie dann wohl zumindest nicht mehr so gut zu Fuß sei. Auch hier: von wegen! Als sie auf das Publikum zuging, um sich ihre Rosen und Briefe abzuholen, lüpfte sie die lange schwarze Robe, und es kamen überaus schicke High Heels mit 10-cm-Absätzen hervor!

Ich freue mich auf die Konzerte in den nächsten 10 oder 20 Jahren mit Juliette Greco!

Hier ein wunderbares Interview in der Zeit mit einer hellwachen Juliette Greco.

Ein Gedanke zu „la chanteuse á quatre-vingt ans

  1. spango

    danke. schöner bericht und großes interview…

    ZEIT: Sie hatten auch Beziehungen zu Frauen?

    Gréco: Aber ja, glücklicherweise. Ich wollte schließlich nicht als Idiotin sterben.

    Antworten

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