beklaut

Immer, wenn ich am nördlichen Ende der Friedrichstraße stehe, dort wo die untenrum so international kompatibel aufgehübschte Meile noch wie echtes Ostpolen und damit nach echt Berlin aussieht, fühle ich mich beklaut.

Die Reste von Tränenpalast stehen ja noch, aber die schöne blaue Baracke ist schon vom Grundstück verschwunden.
Es war mir immer ein Stück Heimat und eine Freude, wenn ich dort vorbeifuhr, denn auf blauem Hintergrund gab es handgemalte Portraits von echten großen Künstlern und Helden: Cora Frost, Georg Kreisler, Helen Vita, und viele andere Größen der fälschlicherweise so genannten Kleinkunst. Weg!

Bald steht auf dem Grundstück ein weiterer gesichtsloser Glaspalast aus leerstehenden Büroetagen und wahrscheinlich noch einem Hotel, oder was man da so ansiedelt. Der denkmalgeschützte Tränenpalast wird eingebaut und ist damit genauso tot wie der Kaisersaal vom alten Esplanade, aufgebahrt wie Schneewittchen im Zony Zentner. Aber meine Lieblingsbaracke und die Helden darauf, die hatten keinen Schutz.

Da möchte ich weinen, jedesmal, wenn ich dort vorbeigehe, und deutsche Protestlieder aus dem 60er oder 70er Jahren anstimmen.
Aus der Rubrik: Jeden Tag ein kleiner Tod

P.S.: Ich finde nicht mal ein Bild der Baracke von der Straße aus gesehen. Also, wenn jemand eins hat, und mir schicken würde, würde ich mich sehr freuen.

10 thoughts on “beklaut

  1. des pudels kern (Gast)

    was? der tränenpalast wird abgerissen? das ist ja schrecklich! erst der palast der republik und dann das. ich bin entrüstet.

  2. luckystrike

    REPLY:
    nee, nicht der tränenpalast selber, der steht ja unter denkmalschutz. aber das gesamte gelände ist schon plattgemacht, und der TP wird dann in ein weiteres überflüssiges hochglanzgebäude ‘integriert’. also weg isser dann schon.

  3. des pudels kern (Gast)

    REPLY:
    das ist eierseits beruhigend, andereseits natürlich schrecklich. werde nie die sharky und fil performance im tränenpalast vergessen. was haben wir tränen gelacht.

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