Category Archives: confessional pottery

Aussen und Innen

Bill Sampson: You have every reason for happiness.
Margo Channing: Except happiness!

Draussen blühen auf der Terrasse die Rosen, der Oleander verbreitet leckeren Vanilleduft, und die Bleiwurz leuchtet in einer Farbe, die es im Pflanzenreich eigentlich gar nicht gibt, und der Fingerhut überrascht dieses Jahr in Weiß.
Ich habe ein schönes knallrotes Auto, mit dem man auch ohne Dach fahren kann, eine knallrote Küche und ein ebenso knallrotes Bett, in dem außer mir und Kailie noch nie jemand gelegen hat, sowie ein Sofa in Orange und eins in Apfelgrün.
Das Geld reicht, für jetzt, gut aus, und für später, ja das weiß man nicht. Ich kann mir so viele Sachen kaufen, wie ich möchte, wenn ich denn überhaupt etwas haben wollte und könnte so oft in Urlaub fahren, wie ich will, wenn ich denn wollte.
Wenn ich erst um zwei Uhr auf der Arbeit erscheine, ist das auch ok, meine Kollegen mögen mich sehr und meine Auftraggeber auch, meist, und die Konkurrenz hat enormen Respekt vor uns. Es kann gut passieren, daß ich potentielle Kunden wegschicke, wenn ich keinen Bock auf sie habe.
Ich habe wunderbare Freunde, mit denen ich essen und/oder trinken gehe oder Filme gucke oder verrückte oder ganz normale Dinge tue. Sogar zu den meisten Exen habe ich ein gutes Verhältnis.

Drinnen dagegen ist: Nichts. Leer. Keine Freude.
Das ist ja wohl irgendwas mächtig schiefgegangen.

Birdie: What a story! Everything but the bloodhounds snappin’ at her rear end.

Mermaids singing (Klassiker)

Let us go then, you and I
When the evening is spread out against the sky
Like a patient etherised upon a table

Alles, was ich Ihnen heute mitteilen könnte, hat schon jemand besser geschrieben als ich das je könnte, und das auch noch vor 100 Jahren, und in Versform.

Gehen Sie doch einfach den Lovesong of J. Alfred Prufrock lesen, dann haben Sie was für Ihre Bildung getan, und wissen Bescheid.

Alternativ können Sie, falls Lyrik Sie nicht so interessiert, sich auch die Elegie “Add it Up” der Violent Femmes anhören, das ist im Prinzip dasselbe.

Sadie, Sadie

A husband, a house,
and a beautiful reflection
of my love’s affection
Sadie, Sadie, married Lady
That’s me!
(aus ‘Funny Girl)

“After fifty, she told me, you become either a gentleman or Siegfried and Roy” Pedro Almodovar

Jetzt hab ich mich aber grade selbst geschockt, als ich die Nektarine fürs Müsli kleinschnippelte. Ein Gedanke ging durch meinen Kopf. Das an sich wäre jetzt nicht so shocking, ich denke öfters mal, aber es war: “Eigentlich könntest du doch jetzt deinen Junggesellen-Lifestyle, der ja eigentlich auch nur ein spätpubertärer ist, auch an den Nagel hängen, und eine Familie gründen.”
Ein schöner Ehemann, früh aufstehen, und die beiden Kids in die Kita zu bringen, Elternabend, Pflaster kleben, abends früh, genervt und müde zu Bett, am Wochenende mal ein Gläschen Wein, wenn die Kinder im Bett sind, und ein- oder zweimal im Jahr einen schönen Familienurlaub. Einen Grund haben, mit dem Rauchen aufzuhören (did I just say that???) abends nicht so lang auf Arbeit festzukleben, und stundenlang Videogames mit den Kids, wenn wir nicht grade Faules-Obst-Schlachten auf der Straße machen.

Schockierend war, daß mir das gut gefallen hat, und es mich lächeln machte. Das hätte ich nie von mir gedacht.
Es muß das Alter sein, jetzt hat mich auch das “um die”-Gefühl erwischt. Auwei. Me, a Breeder!?

Vielleicht sollte ich mir zur Probe vorsichtshalber erstmal ein Haustier anschaffen. Ein Hund, nein, eine Katze. Oder doch besser vielleicht eine Schildkröte. So was kann man ja dann wieder im Tierheim abgeben, wenn es nach 2 Wochen nervt.

Gibts eigentlich noch sowas wie Tamagotchis?

Reste

Auf dem Dachboden die Tasche von Vater gefunden, die er immer zur Arbeit mitnahm, auch als er vor 24 Jahren auf dem Weg zur Arbeit von einem LKW in einer geschlossenen Ortschaft mit über 80 km/h überfahren wurde.

Es war außer der Stullendose noch alles drin, seine Augentropfen, der Zollstock, sein Notizbuch, auch eine noch ungeöffnete Halbliterflasche Bitburger und eine neue Packung Africaine-Zigaretten.

Als ich klein war, aß ich mit Begeisterung die angetrockneten Butterbrote, die er wieder mit nach Hause gebracht hatte, das waren nämlich “Hasenbrote”, die ihm der große alte Hase, der irgendwo an der Straße wohnte, für mich mitgegeben hatte.

One Last Look Around the House Before We Go

Wie die Herren Bacharach/David so schön und dazu noch treffend am allerschönsten von Ms. Warwick singen lassen haben:

A Chair is still a Chair
Even when there’s no one sitting there
But a Chair is not a House
And a House is not a Home
When there’s no one there
To hold you tight
And no one there
You can kiss Good Night.

A Room is still a Room
Even when there’s nothing there but Gloom
But a Room is not a House
And a House is not a Home
When the two of us
Are far apart
And one of us
Has a broken Heart.

Now and then
I call your Name
and suddenly your Face appears
But it’s just a crazy Game
When it ends
It ends in Tears.

So gesehen, bin ich froh, nach neun Stunden Autobahn wieder zuhause in Berlin gelandet zu sein.
Aber die Reise war gut und schön und wichtig und ich war gut aufgehoben und habe jetzt etwas mehr Frieden.

Von Bord

Der Schwager hat die Uhr zurückgestellt, die immer präzise 10 Minuten vor ging, damit man mehr Streß und Terror hatte, wenn man mal wo hin mußte.

Ich lasse immer alle Türen auf, die waren früher immer alle geschlossen, Tür auf, durch, Tür zu, am besten mit lautem Anschlag.

Auch bei der Kaffeemaschine ziehe ich nicht auch noch den Stecker, zusätzlich zum Ausschalten – muß reichen.

Abends bemühe ich mich nach ihrer Zubettgehzeit besonders, NICHT leise zu sein, was mir kaum gelingt.

Um nur einige Beispiele zu nennen.

Ja, das würde ihr ganz und gar nicht passen.
Aber dann hätte sie eben an Bord bleiben sollen, dann hätte sie es weiter unter Kontrolle halten können.

Das gepflegte Leben

Eine Schale Primeln auf der Haustür, von der zu frühen Hitze ein wenig gebeutelt.
Eine Rhabarber-Streuseltorte, frisch gebacken und halb gegessen, die geschlagene Sahne im Kühlschrank. Ein Stück mehr fehlte seit dem letzten Besucher am Vorabend, sie muß vor dem zu Bett gehen noch ein Stück genascht haben.

Das Haus glänzt und duftet, sie hat in den letzten Wochen einen kompletten Hausputz gemacht, alle Fenster geputzt, alle Schranke sortiert und ausgewaschen, alle Dinge geordnet. Alle Blumen gegossen, keine welke Blüte und kein welkes Blatt auf den Fensterbänken.

Anfang Mai ist die Welt am schönsten, die Welt duftet nach Honig von den Rapsfeldern, die Gärten sprechen von Hoffnung und Fruchtbarkeit, Wiesenschaumkraut, Löwenzahn und Gänseblümchen auf den noch ungemähten Wiesen, alle Pflanzen stehen am Anfang, noch nicht von der Sonne verbrannt oder von Ungeziefer zerfressen, und noch nicht von Staub verdreckt.

Irgendwann muß sie angefangen haben, die Unmengen von Fotos in Alben zu sortieren, die Familienfotos, die sie jahrelang nicht aus dem Schrank holen konnte, die mit den vielen Toten drauf.

Kein Nachbar, kein Freund, keiner in der Familie, der sagt, oh, wir wollten doch noch, oder oh hätte ich doch noch.
Sondern ‘Gestern haben war noch so schön…’ ‘Letzte Woche wollte sie noch unbedingt dorthin, da waren wir am Dienstag zu…’ ‘Aber vorgestern waren wir noch…’
Kein offenes Gespräch, alles zu Ende gebracht.
Zehn Tage vor ihrem Tod hat sie mir noch gesagt, daß ihr Leben voller Leid, Tod, Mühen und Not gewesen ist, aber daß sie ihren Frieden damit geschlossen hat, daß sie glücklich und zufrieden ist.
Keine offenen Fragen, bei niemand.

Ich glaube nicht, daß sie wußte, daß sie so bald sterben würde.
Es drängt sich aber der Eindruck auf, daß es ein Innehalten im Universum gegeben hat, einen Augenblick, an dem alles perfekt war, der Garten bestellt, und besser würde es vielleicht nicht mehr werden. Zeit zu gehen?

Last Call?

“Du bist der einzige, dem ich sowas erzählen kann, und der nicht denkt, daß ch eine Schlampe bin!”
“Aber du bist doch eine Schlampe!…
(Entsetzter Blick aus braunen Rehaugen)
…Aber wer sagt denn, daß das was Schlimmes ist?”

Die weiter unten gratulierte älteste Freundin hat mich spontan übers Wochenende überfallen. Also eigentlich gings nicht um mich, ich bzw. meine Wohnung war sozusagen ihr ‘beard’, eine Schlafstätte, damit das Date sich nicht allzu sicher sein konnte, daß es zum Äußersten kommt. Heterosexuelle Etikette, Moral und Anstand, wohl.
Als Frau “um die” will sie jetzt endlich ein Kind, bevor’s zu spät ist, und einen Mann dazu.
Deswegen will sie sich noch schnell die Alternativen anschauen, die sie im Internet kennengelernt hat, um zu entscheiden, ob sie’s nun mit der aktuellen Affäre vor Ort oder doch lieber einem anderen durchzieht.

Testfahrt gabs anscheinend auch, und was sie jetzt davon hat, ist Herpes untenrum und totale Verwirrung.

Manchmal denke ich ja auch, daß mein Zug bald abfährt, aber was bin ich froh, daß ich da wenigstens keine biologischen Last Calls zu beachten habe.

Aber immerhin hat sie keinen Hit & Run und Samenraub bei mir versucht.