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Die bloggen also Berlin

oder: Der Haupstadtblog und die freiwillige Selbstbeschränkung

Ich bin ja manchmal reichlich naiv, scheint mir. Vor einer Woche hatte ich eine kleine Kritik zum Hauptstadtblog
geschrieben, zwar hier und dort spitz und deftig formuliert, aber wohlwollend konstruktiv gemeint, und bei den meisten Lesern auch so angekommen. Ich forderte im Wesentlichen mehr Mut, weniger Biederkeit und Seriosität und einen erweiterten Horizont. Dargestellt hatte ich das am Mangel von z.B. Berlinaleberichterstattung, der verkürzten Blogroll und im (satirischen?) Aufweisen der zentralen Themenkreise.

Im Hauptstadtblog selbst wurde offiziell gar nicht reagiert, außer in einer oblicquen Eröffnungsbemerkung in einem Beitrag zur Berlinale, der sich -ausgerechnet – mit Ulli Zelle, dem Abendschaumoderator, auf dem roten Teppich befaßte. Mehr auf den Punkt hätte ich es nicht bringen können, den Vergleich hatte ich in meinem ursprünglichen Artikel auch vorgesehen, aber gestrichen, weil er mir zu gemein schien.

Klick- und Besucherzahlen indes steigerten sich auf das 3fache meiner normalen Besucherzahl, darunter viele wiederkehrende IP-Adressen, zeigte mir mein Blogcounter, es gab also offensichtlich Interesse. In den Kommentaren reagierte man weitgehend konstruktiv und einsichtig, wenn auch zum Teil unentspannt.

Was sich hinter den Kulissen tat, war eigentlich spannender, einige, und nicht wenige Mails verschiedenster Absender erreichten mich, deren Inhalt ich hier leider nicht wiedergeben darf, weil um Vertraulichkeit gebeten wurde. Sagen wirs so, es scheint einen gewissen Leidensdruck zu geben hinter den Kulissen.

Zurück zu den Fakten, wir fassen zusammen:

  • Der HSB hat ein Autorenproblem, zu wenige Autoren müssen den größten Teil des Contents stemmen, und keiner kriegt Geld dafür, alle haben auch ein Leben zu führen, Arbeit, Studium usw. D’accord, wir sind alle nur Menschen.
  • Mir wurde eine (unberechtigte) Anspruchshaltung vorgeworfen. Ich ging in mich und suchte, wo die wohl her kommt. Muß wohl am Titel des HSB liegen, da steht: Hauptstadtblog – die bloggen Berlin!
  • Man hat Angst vor den eigenen Kommentatoren (Selbstauskunft: “20 regelmäßige Kommentatoren, die da zum Teil ihr sehr eigenes Ding fahren”), und macht diese dafür verantwortlich, daß bestimmte Contentrichtungen aufgegeben wurden. Allerdings finde ich, daß es immer wieder sehr widerwärtige Kommentare im HSB gibt, ich würde jedoch grundsätzlich immer allen Kommentatoren zugestehen, ihr eigenes Ding zu fahren. Der Umgang mit ihnen scheint mir jedoch auch zum Teil sehr unentspannt, ich denke, laut (aus)lachen wirkt auf Dauer wesentlich deeskalierender als stetiges gouvernantenhaftes Maßregeln. Und zur Not gibts ja auch noch Löschen und Sperren.
    Jedenfalls finde ich, wer aus Angst vor Kommentaren auf Content verzichtet, der ihm am Herzen liegt, hat schon verloren.
  • In der Tat gibt es das Problem, daß ein Teil der Leser seriöse journalistische Artikel erwarten, andere wie ich auch gerne mal polarisierendes, auch polemisches gerne hätten. Ich bleibe der Meinung, daß man dies durch entsprechende optische Kennzeichung, Unterteilung in Rubriken oder ähnliches durchaus abbilden könnte.

Es gab auch Konstruktives:

  • Hingewiesen wurde auf die ehemals vorhandene Möglichkeit, externe Artikel einzubinden, die klar als externer Content zu erkennen waren. Dies würde doch helfen, ein breiteres Spektrum abzubilden, als die Blogger vm HSB können oder wollen, fast ganz ohne Mehrbelastung
  • Nicht nur ich sprach mich für eine wieder wesentlich erweiterte Blogroll aus (und nein, es geht mir hier nicht um einzelne Blogs oder Personen). Auf diese Weise kann man per Link ebenfalls einen weiteren Horizont öffnen und Vielfalt erzielen, die man aus eigenen Mitteln nicht bewerkstelligen kann . Ein Grund für eine Selbstbeschränkung leuchtet mir hier nicht ein.

Joh, ich hab lange überlegt, ob ich mich überhaupt noch einmal in die Arena werfe, und dies wird mit Sicherheit meine letzte Äußerung in der Richtung sein. Ist ja auch letzten Endes nicht meine Baustelle.

Der Grund, dies nochmal aufzugreifen, ist eigentlich nur der, daß ich mich über den Verlauf der Diskussion einfach geärgert habe.

Mir wurde vorgeworfen: “Ich meine, leider warst selbst Du nicht in der Lage Deine Kritik dort anzubringen, wo sie am richtigen Ort gewesen wäre: bei uns im hsb in den Kommentaren.”
Hmh – zum einen meine ich, daß ich schreiben kann, wo ich will, zum anderen werfe ich das einfach mal ganz frech und ungeniert über den Zaun zurück:
Lieber Hauptstadtblog, warum hast du dann nicht auf die Diskussion hier verwiesen? Oder noch besser, warum hast du nicht im eigenen Forum die Diskussion aufgegriffen? Das einfachste wäre doch gewesen, deine eigenen Leser zu befragen!? Eine Umfrage, eine Abstimmung, was wollen die Leser, oder fehlt es dafür an Mut und Offenheit?

Lieber Hauptstadtblog

jetzt muß ich aber doch mal was sagen.
Per Titel nehmt ihr ja für euch in Anspruch, die Hauptstadt bloggerisch zu vertreten. In gewisser Weise schafft ihr das auch, leider oft nur die sozusagen Britzer und Marienfelder Horizonte, wie mir scheint.

Grundsatzlich seid ihr fast allesamt grundsympathische und begabte Autoren, und ganz besonders zu schätzen weiß ich die Miniaturen, kleine Kuriositäten, gefunden beim Erkunden irgendeiner Ecke der Stadt. Sehr schön auch immer wieder mal einfach ein eindrucksvolles oder auch nur schönes Foto aus unserer Stadt.
Auch eure Ausflüge in die lokale Geschichte oder Testberichte wie den von den studentischen Führungen in Museen sind für mich eine Bereicherung.

Bei der Presseschau fängt es dann aber schon an: Oft zitiert ihr nicht wirklich relevante und interessante Nachrichten, sondern den x-ten Beitrag über Feinstaub, oder ob in Pankow wieder dreieinhalb Bäume gefällt werden mußten. Das finde ich nicht Bürgerservice oder ‘politisch interessiert’, sondern – langweilig und irrelevant.

Fahrradständer und Feinstaubbelastung scheinen euch mehr zu interessieren als was in der Stadt wirklich passiert.

Beispiel: Aus den Hauptstadtblog würde man jetzt nicht wirklich erfahren, daß zur Zeit Berlinale ist, und jetzt gerade und gerade jetzt hier die halbe Welt zu Gast ist, Stars und Monster, Dokumentarfilmer und Fans.
Genau 2 Berlinale-bezogene Artikel gibt es: einen Hinweis auf eine Ausstellung über Patti Smith, und einen darüber, daß man während der Berlinale am Potsdamer Platz keine Fahrräder an die Absperrungen anschließen darf (sic!)
Mich wundert, daß nicht über Mad Onna berichtet wurde, die ja sicher die Feinstaubbelastung (!) aufs Gefährlichste hochgepegelt hat, als sie mit ihrem Privatjet in Tempelhof (!) landete.

Und: seit eurer Renovierung fehlen einige Blogs auf eurer Blogrolls, für mich am schmerzlichsten Glamourdick. Das ist ein absolut subjektives, ich-bezogenes Blog aus, in und um Berlin. Das kann man mögen oder nicht, es ist manchmal albern, manchmal pathetisch, manchmal witzig, manchmal profan. Eins ist es aber immer: unverwechselbar und einzigartig. Und eine Berliner Stimme, die niemandem, der sich für die Hauptstadt interessiert, vorenthalten werden sollte. Das Blog gehört in die Blogroll des Hauptstadtblogs wie der Fernsehturm in eurem neuen Layout.

Was ich mir wünschen würde, daß ihr ein wenig die sicher aus journalistischem Seriositätsstreben entstandene Erstarrung und Biederkeit abstreift, mutiger werdet, hin und wieder mal einen polarisierenden, gerne auch satirisch überzogenen, völlig subjektiven Artikel veröffentlicht, euch auch ein wenig dem Glamour und Rummel und den Eitelkeiten der Stadt widmet, die nämlich den anderen Aspekt der Faszination Berlins ausmachen.

Berlin besteht aus Britz und Mitte, aus Molle & Korn und Schickimicki, aus Größenwahn und Kleingartenkolonie, aus Schnelligkeit und Lethargie. Drei Damen vom Grill und Berghain oder Cookies.
Dann könntet ihr euch Hauptstadtblog nennen, alles andere wäre Reinickendorf, wie es die Mädels aus Prinzessinnenbad nennen würden.

So, und jetzt hoffe ich, daß ich nicht aus der Blogroll fliege, obwohl mein Blog nicht wirklich unbedingt eins der Highlights dieser Stadt ist.

Nachtrag: Grade bei Sven den Blogbutton gefunden: Hauptstadtblog.de – die bloggen Berlin.
Also, der Anspruch ist schon selbstformuliert und nicht eine verfehlte Erwartungshaltung meinerseits.

streikopfer

Von mir aus kann die BVG ruhig streiken, ich bestreike die ja auch. Sind wir quitt.

Dachte ich.

Was ich nicht bedachte, ist daß meine kleine runde süße Hausperle so den Weg in meine große eckige schmutzige Butze nicht findet, und ich heute Haushalt machen muß.

Der schönste Moment der Woche, am Freitagabend nach Hause zu kommen, die Woche im Rücken, und alles blitzt und blankt und riecht gut und alle losen Enden sind irgendwo versteckt und verstaut, und das Bett ist gemacht – nüschte. Meine eigene Verwahrlosung gähnt mir mit ungeputzten Zähnen ungeduscht entgegen.

Ich finde so einen spontan angekündigten Streik menschenfeindlich. Auch wenn man an all die armen Pendler denkt.

mitteilung an meine nichtrauchenden leser

Werte nichtrauchenden Leser und Kommentatoren,
wenn ich mir auf MEINEM Blog die Freiheit nehme, MEINE persönliche Lebenssituation und die für MICH sehr großen Verluste an Lebensqualität und Sozialleben durch ein komplett unnötiges flächendeckendes Rauchverbot (eine freie Wahl nach Raucher- und Nichtrauchetablissements hätte es völlig getan, wenn hier nicht ideologisch entschieden worden wäre) darzustellen, dann tue ich das in der Annahme, daß es meine Leser zumindest prinzipiell interessiert, wie es MIR PERSÖNLICH geht, sonst würden sie ja hier nicht lesen.

Es freut mich, daß es anderen durch eine solch für mich unangebracht harte Regelung besser geht, das können Sie mir glauben.
Den Aspekt darzstellen, daß andere dafür auch zumindest für sie unzumutbare Verluste hinzunehmen haben, finde ich dabei durchaus nicht unangebracht, und das nehme ich mir in MEINEM BLOG heraus.

UNERWÜNSCHT sind hier in MEINEM persönlichen Blog dagegen feixende, triumphante oder ideologisch gefärbte Bemerkungen, die nicht einmal auf meine persönlich dargestellte Sitation einzugehen geruhen.
Mir reicht es schon, mittlerweile auch in der Kälte auf der Straße rauchend stehend von irgendwelchen vorbeilaufenden Idioten blöd angemacht zu werden.
Wer sich darüber freut oder gerne einfach mal nachtreten kommt, hat weder in meinem Leben noch auf meinem Blog etwas verloren.

Herrschaften, dies ist ein RAUCHERBLOG, und sie müssen den nicht lesen, und hundertmal nicht kommentieren, wenn Sie MEINE PERSÖNLICHEN GEFÜHLE nicht respektieren können oder wollen und damit VERLETZEN.

Gehen Sie dann doch einfach zum nächstbesten Nichtraucherblog weiter und lassen Sie sich dort unter Ihresgleichen aus.

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

(kein) update

Montag, 22.10. Nachdem ich den Herrschaften auf dem Ausländeramt nun 10 Tage Zeit gelassen habe, und auch der übergeordneten Behörde, dem Senat für Inneres, die mir beide versprochen haben, daß der Vorgang nun bearbeitet würde, haben weder S. noch ich Antwort auf meinen Antrag zur Erteilung eines Aufenthaltstitels für S. bekommen.

Große Leistung, Herrschaften!

ihr amt für ausländerfeindlichkeit hilft gerne weiter

Bei mir arbeitet schon seit über 8 Jahren S., eine junge Frau aus Georgien. Sie macht das neben ihrem Studium, und arbeitet viel und hart und gut. Sie müht sich sehr ab, wohnt ärmlich im Studentenwohnheim, um nicht nur hier ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch noch, wann immer es geht, Geld nach Georgien an ihre Familie zu schicken.

Nun soll zum Ende Oktober ihre Arbeits- und Aufenthaltserlaubis ablaufen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, daß sie hier bleiben kann: entweder heiraten oder eine Zusage über einen Job, für den genau sie dringend benötigt wird. Da ich nicht heiraten will kann möchte von der Ehe nicht viel halte, habe ich diverse Anschreiben verfaßt, die bestätigen, daß ich sie gerne fest und Vollzeit anstellen will, und daß ich sie persönlich aufgrund ihrer Sprach- und kulturellen Kenntnisse dringend brauche.

Nun ist die Gute schon ein paar Mal mit meinen Papieren zum Ausländeramt (das heißt jetzt anders) getrabt, aber ihre Sachbearbeiterin weigerte sich, irgendwelche weiterführenden Unterlagen anzunehmen. Mich selbst verwies man vom Amt zum Arbeitsamt und von dort wieder zurück und viceversa. Auch ein eingeschalteter Anwalt konnte bisher nichts erreichen. Seit mehreren Wochen von mir postalisch eingeschickte Unterlagen bleiben unbeantwortet, und es scheint unmöglich, dort jemand ans Telefon zu bekommen. Das macht mir eine Personalplanung komplett unmöglich.

Als S. das letzte Mal beim Amt anrückte, schickte man sie kurz aus dem Zimmer, und entwertete das bestehende Visum. Stattdessen händigte man ihre einen “Ausreiseschein” aus, den sie bei Ausreise an der Grenze abgeben müsse, ansonsten werde sie in Deutschland gesucht. Mittlerweile mußte sie schon ihre Wohnung auflösen und ihre Habseligkeiten verschenken, sie wohnt zur Zeit abwechselnd bei verschiedenen Freunden. Vorgeschriebener Ausreisetag ist Ende Oktober.

Wo bitteschön ist der Sinn in diesem fehlgeleiteten Ausländergesetz? Für eine Person, die sich all die Jahre selbst ernährt und niemandem auf die Tasche gefallen ist? Die seit 10 Jahren hier lebt und arbeitet, integriert ist und außerdem leitende Jobs bei Filmfestivals ausübt? Nur weil sie gut deutsch spricht, und sich nicht innerhalb einer türkischen Großfamilie verstecken kann?

Was bitteschön ist das Selbstverständnis dieses Amtes, welches willkürlich bestehende Visa entwertet und entscheidet, wichtige Dokumente erst gar nicht anzunehmen, obwohl es das Recht der Person ist, diesen Weg zumindest zu probieren? Erinnert das nicht an andere “Ämter”?

Weiß jemand, was man da noch unternehmen kann?

(Und wo ich dann den leckeren georgischen Rotwein herbekomme? Östliche Familien haben die angenehme Angewohnheit, den Arbeitgeber regelmäßig mit Ehrerbietungen zu versorgen)

das amt, der lucky und die menschenwürde

Wie Herr Lucky also erfuhr, braucht er eine Bescheinigung von verhaßten Führerscheinamt, damit er auf der schönen Insel nicht nur am Flughafen sitzen bleiben muß.

Flugs begab er sich in die unglückseligen Hallen, und nach nur 3x falsch geschickt werden betrat er einen Flur, der Kafkas kranken Gedanken entsprungen sein muß. Ca. 25 Türen, der Zuständigkeit halber, Bre-Dab, Dac-Ert usw sortiert. Der Flur signalisiert ‘Lasset alle Hoffnung fahren’, deutlicher noch prangt das rote Schild und sagt: ‘Maßnahmen gegen Führerschein-Inhaber’. Kein falsches zeitgemäßes Dienstleistungsgeschwurbel hier.

Ebenfalls im Sinne Kafkas finden sich 90% der Türen fest verschlossen, auf die jeweilige Nachbartür verweisend.
Endlich eine offene zuständige Tür erwischt, deren Bewohner gleich beim ersten Anblick dringliche Unzuständigkeit vermittelt.

Der stark sächselnde zeitlos 60Jährige begegnet meinem Anliegen, noch bevor ich zu Ende gesprochen habe, mit Inbrunst: ‘Sowas gibts gornet’
Mein Einwand, ich hätte telefonisch eine andere Auskunft erhalten, erntet den Standardabwehrschritt ‘Jo des müssense schriftlich beantragen, dann bekommense eine Aufforderung zur Zahlstelle, dann wird ihnen das POSTALISCH zugestellt.’
Ich glaube nicht, daß der Mensch sich schon mal die Homepage seines Amts angeguckt hat, welches Bürgerfreundlichkeit simuliert. In seinen ewigen 60ern gibt es keine Homepages.

Mein Einwand, das könne er mir nicht antun, mein Flug gehe am Samstag, erntet einen verständnislosen Blick und die Auskunft, das ‘ginge sowieso net, weil die Akte im Archiv eingelagert ist, und erst angefordert werden muß’.
Meinem Blick auf seinen Rechner auf dem Schreibtisch folgt er mit hilflosem Blick. Das sei nicht so einfach, er brauche nunmal die Akte, begegnet er meiner Überzeugung, das er sicher nur im Rechner nachschauen müsse, und das dauere Tage.

An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt neben der wohl amtlich vorgeschriebenen vergilbten Sansevierie ein handgemaltes Bild mit Fotos von Familienangehörigen, in der Mitte ein Portrait meines Unzuständigen, mit der Unterschrift in buntem Enkelkinderfilzstift: Herr Schlaumeier.

Das ist der Moment, an dem Herr Lucky seine Murmeln verliert und seine Menschenwürde abgibt. Er wird laut, er fuchtelt, er rauft sich die Haare, er verteilt sich über den ganzen Raum. Fragmente wie ’60- bis 80-Stunden-Woche’ ‘nur eine einzige Woche Urlaub’ ‘Sie zerstören mein Leben’ füllen das enge Büro, der Ausbruch wird in seiner Heftigkeit von Herrn Lucky mühsam in letzter Minute in Richtung Heulkrampf gelenkt. Speichel hängt aus seinen Mundwinkeln und korrespondiert mit den Panikschweißtropfen auf der kahlen Stirn des Sachnichtbearbeiters.

Sichtlich beeindruckt und überfordert von diesem emotionalen Ausbruch eines erwachsenen Mannes versucht der Beamte, Abstand zu schaffen und wieder gewohnten Sicherheitsbereich zu betreten, er öffnet einen Ordner mit Vorlagen, füllt ein Formular aus und schickt Herrn Lucky erstmal zur Zahlstelle.

Der aber ist viel zu schnell wieder zurück samt bezahltem Zahlschein, und wird wortlos, nur mit Armgeste, erst mal wieder auf den Flur hinausbefördert. Eine Viertelstunde dauert es, bis der nunmehr per Zahlschein Zuständige sich in seiner Stube gesammelt hat, er tritt heraus, schließ sorgfältig seine Türe, und bedeutet Herrn Lucky stumm und Blickkontakt vermeidend, bloß auf seinem Stuhl zu verbleiben.

In der Dreiviertelstunde, in der Herr Lucky nun auf seinem angewiesenen Stuhl im Flur des Kafka verbleibt, erschließen sich ihm die Geheimnisse der veschlossenen Türen. Die Sachbearbeiter bekämpfen die drohende Sansevierien-Vereinsamung ihrer Amtsstuben, indem sie sich wechselseitig zu zweit oder zu dritt in ihren Stuben besuchen und gegenseitig den gebrauten Kaffee probieren. Zweimal in der Dreiviertelstunde wurde hierzu eine neue Kaffeemaschine aus der Materialverwaltung angefordert. Beim Wechsel der Büros über den Korridor gelingt es den Sachbearbeitern nur müham, einen amtsgemäß beschäftigten, abweisenden Gesichtsausdruck herzustellen, der jedoch nicht mit den Gesprächen korrespondiert, die vorher aus den verschlossenen Türen drangen.

Endlich aber erscheint Luckys Sachbearbeiter wieder auf dem Flur, er ist heldenhaft selbst ins Archiv gestiegen und hat die Unterlagen besorgt, womit er wahrscheinlich zum ersten Mal in seiner 45-jährigen Karriere gegen mindestens 23einhalb Dienstvorschriften verstoßen. Wortlos verschließt er sich nach Sitzenbleiben-Geste in seinem Büro und übergibt nach weiteren 20 Minuten mit glasigem Blick ein Blatt Papier, das bestätigt, daß Herr Lucky schon einmal einen Führerschein hatte, 20 Jahre lang seit 1986. und daß er für diese Amtshandlung € 12,80 bezahlt hat.

Davon, daß Herr Lucky auch über eine Stunde auf die Ausübung seiner Menschenwürde verzichtet hat, indem er sich komplett mit Blut, Herz, Hirn und Gedärm über diese Amtsstube ergossen hat, steht nichts in dem Dokument.

mehr diskriminiert als ein massenmörder

Angenommen, man ist seit 20 Jahren Inhaber eines Führerscheins, und ist seitdem ohne größere Unfälle oder grober Verstöße gefahren.
Angenommen, man mußte eben jenen Führerschein wegen eines Problems für 12 Monate abgeben.
Angenommen, man bekommt das Ding nach abgeleisteter Zeit und gehöriger Geldsrafe zurück.

Man sollte sich doch denken, daß man dann rehabilitiert ist?

Mitnichten!

Auf dem neuen Führerschein steht als als Beginn der Inhaberschaft das Wiedererlangungsdatum.
Wenn das erst ein halbes Jahr her ist, kann man damit z.B. im bevorstehenden Urlaub keinen Mietwagen mieten.

Der Führerschein scheint markiert. Einer Freundin, die wegen Trunkenheit abgeben mußte, passiert es bei jeder einzelnen Verkehrskontrolle, daß sie ins Röhrchen blasen muß. Einmal bemerkte sogar der Bulle: “Na, sindwa heut mal nicht besoffen!?”

Jeder Kinderschänder und Massenmörder kann nach abgeleisteter Strafe zurück in die Gesellschaft, um dort unmarkiert sein Leben fortzusetzen.

Das scheint bei kleineren Vergehen nicht so zu sein.

Hilfe! Auto gespammt!

Ziemlich zeitgleich zur Kreuzberger Anti-Werbung-Spam-Aktion, die ich eigentlich eher blöd finde, mußte ich am eigenen Auto eine wesentlich ärgerlichere erfahren:
Irgendwelche Arschlöcher haben mir mein Auto mit diesen DIN A5-großen Aufklebern zugepflastert:
spam
Und es sind keine Aufkleber, die sich leicht entfernen lassen, sondern solche, die sich beim Abziehversuch zerfetzen und man kann Stunden dran rumschrubben. Und macht dabei den Lack kaputt.
Sorry, das finde ich nicht witzig oder kreativ oder alternativ oder sonstwas, sondern Sachbeschädigung, und übel und zum Kotzen.

Ich brauche eure Hilfe: wer erkennt das Logo von dieser Band, eine Homepage oder sowas ist schlauerweise nicht angegeben, es ist Werbung für eine Platte, die am 31.8. rauskommt?
Und denen möchte ich eine saftige Rechnung schreiben, über Nutzung von Werbefläche und fachgerechter Entfernung der unerwünschten Werbung.