Alle Wunder alle

Die Zeit heilt alle Wunder
(Judith Holofernes)

(Ein alter-Sack-Posting)

War es nicht “früher” mal so, daß man selbst oder mit Freunden was erlebte? Allein oder mit Leuten ausging oder sich zufällig wo traf, gut gelaunt oder Scheiße drauf, feiern ging oder Trost suchen, und dann passierte irgendwas, ein freundliches Gesicht, eine ungewöhnliche Begegnung, ein unerwarteter Kuß, gar ein fremder Mann morgens im Bett?

Heute besucht man sich in gegenseitigem jeweiligen Leben oder trifft sich in Bar oder Restaurant, hört sich die Sorgen an oder (seltener) die Triumphe, gibt Rat und Trost oder Unterstützung, bekommt im Idealfall ebensolches, und geht dann unverändert und allein wieder nach Hause in sein eigenes Leben, ein Sein mit seelischem Vorgarten und Jägerzaun.

Überraschungen oder gar Wunder sind scheints alle.
Rilke’sche Herbstage für alle, wohl.

11 Gedanken zu „Alle Wunder alle

  1. glamourdick

    REPLY:
    ich date nächste woche einen yoga-lehrer* und werde mal nachfragen. ja, date. so richtig mit ohne ficken und nur trinken und reden.

    *yoga-lehrer sind die neuen tierärzte schauspieler.

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  2. kittykoma

    ich möchte schon seit jahren nicht mehr in singlestan unterwegs sein. das ist alles sehr, sehr steril.
    freunde sind das eine. (und ich erinnere mich, daß das mal die antwort auf die frage war, wie man allein alt werden solle: man hat ja freunde.) freunde sind wichtig. sie sind das gegenüber. aber manchmal braucht man das ineinemdrin.
    kinder? enkel? partnerschaft?
    kinder sind anstrengend und kosten geld. kaum einer, der mittlerweile gut 40 ist fühlt sich reif, ein kind großzuziehen. warum?
    partner? genauso anstrengend, schon anstrengend zu finden und dann freiheitsraubend.
    Heute besucht man sich in gegenseitigem jeweiligen Leben oder trifft sich in Bar oder Restaurant,
    ich schätze das als einen teil meines lebens. gäbe es nicht das andere, das von bedingungsloser hingabe und sehr viel nähe geprägt ist, fände ich mein leben ziemlich öde.

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  3. kittykoma

    REPLY: :) herr strike, ich habe tatsächlich lange gezögert, dieses bekenntnis zu solchen old-school-bedürfnissen hinzuschreiben. brust aufreißen war gestern, heute ist striptease.

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  4. ereignishorizont (Gast)

    ich muss ja leider ein wenig unkontrolliert heulen, wenn ich das lese. aber nicht etwa aus anteilnahme oder ähnlich heroischen motiven, sondern aus reinem selbstmitleid, tschuldigung. mein selbstmitleid ist nun mal ein eingespieltes team und dazu noch von der schnellen sorte.
    wegen dem schwarzen, in das dieser text trifft.

    meine wochenenden zum beispiel, wurden in den letzten ein, zwei jahren von, “oooch, keiner ruft mehr an, um mich irgendwohin mitzunehmen/vorschläge zu machen/spontan dazu zu laden” zu “keiner geht am wochenende mehr ans telefon, wenn ich versuche, jemanden irgendwohin mitzunehmen/vorschläge zu machen/spontan dazu zu laden”

    vorgärten und jägerzäune allerorten. und mit stickstoff gefüllte single-blasen samt ihren bewohnern, die durch die welt treiben, sich dann und wann mal so autoscooter-mäßig anbumsen um davon nur umso schneller auf entgegengesetzten bahnen weiterschweben, in ihrer eigenen atemluft langsam erstickend, denn frische luft, das gibts nur draußen, aber da hat man keinen zugriff drauf, man steckt ja in seiner blase…

    und diese restaurant/bar-update-besuche, die von Sexandthecity-drehbuchautoren erfunden wurden, und auf dem Bildschirm gut funktionieren, HA.HA.HA! an dem was die Mädels sich da erzählen, vorm Büro noch schnell, also so gegen sieben Uhr in real-Zeit, mit perfekter Frisur und täglich wechselnden Couture-Outfits, schreiben 10 Drehbuchautoren samt zwei Supervisoren eine Woche lang, damit ich mich dann täglich damit vergleichen kann und für jämmerlich befinde. klappt soweit ganz prima.

    mein nach Frankfurt verzogener Freund Holger hat neulich gesagt, Yoga hilft gegen alles. Vielleicht ja auch dagegen.
    aber das kommt wahrscheinlich auch nur aus sexandthecity.

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  5. blogger.de:gedankengebaeude

    Ich finde es auch betrüblich, dass die meisten menschlichen Kontakte nur noch via iCal und zwei Wochen im voraus zu laufen scheinen. (Andererseits, wenn ich mich hier so umgucke, sieht es auch aus, wie bei Hempels unterm Sofa und die nicht abgeschminkte Wimperntusche hat mir ein hübsches Veillchen gezaubert. So würde ich höchstens meine engsten Freunde reinlassen oder meine Mutter…)
    Aber eine Hand voll Menschen gibt es doch noch, die ich immer und zu jeder Zeit spontan überfallen kann, deren Trost von Herzen kommt, deren Freude für ein Gelingen echt ist und deren Dasein mein Leben verändert.
    Und wenn ich das richtig mitbekomme, dann gibt es diese Menschen in Ihrem Leben ja genauso. Und das ist mehr als viele behaupten können.

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