Pallaksch, Pallaksch

Hälfte des Lebens
(Friedrich Hölderlin, 1805)

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

6 Gedanken zu „Pallaksch, Pallaksch

  1. luckystrike

    Und hier eine Lesart von Marie Luise Kaschnitz:
    (ja, ich hatte heute einen kleinen sehr seltenen germanistischen Anfall)
    „Die Landschaft, die ich beim Lesen der ersten Strophe vor Augen hatte, die des Bodensees nämlich mit ihrer nachsommerlichen Fülle von Blumen und Früchten, beglückte mich, das winterliche Bild der sprachlosen Mauern erregte in mir eine Wollust der Einsamkeit, das Klirren der Drähte an den leeren Fahnenstangen war dazu die passende Musik. Erst in späteren Jahren verstand ich recht eigentlich die schmerzliche Frage und Klage des Gedichts, ich bezog sie auf das Alter, das jedem jungen Menschen als ein halber Tod erscheint und dessen Schrecken ich durch die Vision einer nicht mehr von Blumen und schönen Tieren belebten, grauen Winterlandschaft vollkommen ausgedrückt fand. Noch später las ich das Gedicht wieder anders, nämlich als tödliche Furcht vor einem krankhaften und doch auch jedem gesunden Menschen bekannten Seelenzustand der inneren Verödung und Kälte, in dem die Dinge ihre Farben, ihren Duft und ihre Stimme verlieren. Diese Furcht vor einer ewigen, nur von kalten metallischen Geräuschen noch erfüllten Gefühllosigkeit weiß der Dichter, der vorher die Liebestrunkenheit und die heilige Nüchternheit seines lebendigen Lebens in so herrlichen Bildern darstellte, auch im Leser und Hörer zu erwecken, nicht nur durch die Wahl seiner Worte, sondern auch durch die Folge seiner Vokale …“
    (Quelle. Wikipedia)

    (Eigentlich wollte ich nur die zweite Strophe des Gedichts, welches ich übrigens vor x Jahren mal perfekt ins Englische übersetzt habe, hier einstellen, aber nach diesen Worten hatte ich nicht mehr das Herz dazu.)

    Antworten
  2. schneck08

    und immer öfter bleibt einem das mehr und mehr angestrengte “alles wird schon gut…” im entzündeten halse stecken, das wörtchen ‘ach’ schleicht sich unter der hintertür hindurch in richtung wohnzimmer.

    irgendwie zeit mal wieder dringend für ein rauschendes fest! ;-)

    Antworten
  3. luckystrike

    REPLY:
    Ach, Herr Schneck, das “alles wird gut” ist enorm wichtig, sonst schaffte man es nicht von Montag bis Freitag oder gar darüber hinaus.
    Und keine Sorge, alles ist relativ gut hier, ich habe nur einen Melodramatischen, und wo soll ich den lassen, wenn nicht hier?
    Und doch, das “Weh mir”, das stand heute so in der Luft, als draußen die Krähen in der einsetzenden Dunkelheit krähten, und der Industrielift nebenan schepperte.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>