Archiv für den Monat: Mai 2008

I know it’s over

…still I cling
I don’t know where else i can go
Over over over…
(The Smiths)

Ich kriege langsam aber sicher das Gefühl, daß Bloggen tot ist.
Gut, einige der geschätzten Kollegen stellen immer noch mehr oder weniger regelmäßig Texte ins Netz, auch sehr schöne dazu. Bei vielen werden die Intervalle aber immer länger dazwischen.

Die Zeiten aber, wo man gespannt auf die eigene oder andere Seiten geklickt hat, um zu sehen, was sich getan hat, wer wie kommentiert hat, um dann wieder seinen Senf dazuzugeben, so daß sich mitunter herrlichste Dialoge ergaben, die sind vorbei. Man twittert wohl.
Meine Besucherzahlen sind nur noch ein Drittel von dem was sie einmal waren, und auf meinem morgendlichen Rundgang durch meinen Blogkiez, den ich immer noch zu Fuß und nicht per Feedreader unternehme, komme ich mir zunehmend vor wie ein Clubbesucher, der verpaßt hat, mit allen anderen zum nächsten, heißeren, neueren, angesagteren Club weiter zu ziehen.

Size does matter

Heute vor einem Jahr, in einem beeindruckenden Einsatz nach dem Motto ‘Jugend forscht’, hat Frau Kitty im sozusagen Selbstversuch eindrucksvoll bewiesen, daß XXL bei Keksen nicht dasselbe ist wie bei Fleischwürsten oder deren menschlichen Anverwandten.

Ich hätte ja nie gedacht, daß so ein richtig dolles Mannesding(-dong) dann auch noch mehr wiegt als ein halbes Pfund.

Schäume – blutrot

Wenn man den ersten Teil der Nacht damit verbracht hat, fast all seinen ehemaligen Klassenkollegen mit einem Vorschlaghammer die Schädel zu zertrümmern, weil sonst grad nichts zur Hand war und sie sich dauernd in gefährliche Zombies verwandelten, und den zweiten Teil der Nacht damit verbracht hat, ein Heer komplett unbeeindruckbarer, renitenter und arroganter Arschloch-Heimverschönerungsdesigner (ohne Hilfe eines Vorschlaghammers) aus dem Haus zu jagen, dann blinzelt man in den ersten Stunden dem schönen neuen Tag ganz und gar nicht vertrauensvoll entgegen.

Das gepflegte Leben

Eine Schale Primeln auf der Haustür, von der zu frühen Hitze ein wenig gebeutelt.
Eine Rhabarber-Streuseltorte, frisch gebacken und halb gegessen, die geschlagene Sahne im Kühlschrank. Ein Stück mehr fehlte seit dem letzten Besucher am Vorabend, sie muß vor dem zu Bett gehen noch ein Stück genascht haben.

Das Haus glänzt und duftet, sie hat in den letzten Wochen einen kompletten Hausputz gemacht, alle Fenster geputzt, alle Schranke sortiert und ausgewaschen, alle Dinge geordnet. Alle Blumen gegossen, keine welke Blüte und kein welkes Blatt auf den Fensterbänken.

Anfang Mai ist die Welt am schönsten, die Welt duftet nach Honig von den Rapsfeldern, die Gärten sprechen von Hoffnung und Fruchtbarkeit, Wiesenschaumkraut, Löwenzahn und Gänseblümchen auf den noch ungemähten Wiesen, alle Pflanzen stehen am Anfang, noch nicht von der Sonne verbrannt oder von Ungeziefer zerfressen, und noch nicht von Staub verdreckt.

Irgendwann muß sie angefangen haben, die Unmengen von Fotos in Alben zu sortieren, die Familienfotos, die sie jahrelang nicht aus dem Schrank holen konnte, die mit den vielen Toten drauf.

Kein Nachbar, kein Freund, keiner in der Familie, der sagt, oh, wir wollten doch noch, oder oh hätte ich doch noch.
Sondern ‘Gestern haben war noch so schön…’ ‘Letzte Woche wollte sie noch unbedingt dorthin, da waren wir am Dienstag zu…’ ‘Aber vorgestern waren wir noch…’
Kein offenes Gespräch, alles zu Ende gebracht.
Zehn Tage vor ihrem Tod hat sie mir noch gesagt, daß ihr Leben voller Leid, Tod, Mühen und Not gewesen ist, aber daß sie ihren Frieden damit geschlossen hat, daß sie glücklich und zufrieden ist.
Keine offenen Fragen, bei niemand.

Ich glaube nicht, daß sie wußte, daß sie so bald sterben würde.
Es drängt sich aber der Eindruck auf, daß es ein Innehalten im Universum gegeben hat, einen Augenblick, an dem alles perfekt war, der Garten bestellt, und besser würde es vielleicht nicht mehr werden. Zeit zu gehen?

Fatale Trendkombi

Ich bin mein ganzes Leben lang noch nicht gerne unter Autobahnbrücken druchgefahren, nicht erst seit Oldenburg. Wahrscheinlich weil ich mir den Kitzel ganz gut vorstellen kann, da mal eben kurz was runterzuwerfen.

Und neuerdings sind die überforderten Mütter schon zu faul, ihre Kinder anständig im Balkonkasten oder in der Tiefkühltruhe aufzubewahren, sie schmeißen sie einfach vom Balkon.

Wen wundert es also, daß mir heiß und kalt wurde, als ich auf der Autobahn eine Mutter auf der Autobahnbrücke sah, die ihr Kind im Arm über die Brüstung hielt?

Mutter

Was man meiner Mutter nicht vorwerfen kann, ist daß sie ein Messie sei, im Gegenteil, sie hat eher zu viele Sachen weggeworfen als zuwenige.

Was man ihr dagegen wirklich vorwerfen kann, ist daß sie gestorben ist. Als ich den letzten Beitrag am Freitag geschrieben habe, war sie schon tot. Eine Stunde lang.
“Plötzlich und unerwartet”, wie man so standardmäßig sagt. Mitten aus dem vollen Leben, ja das kann man auch bei einer fast 81-jährigen sagen.

Ich weiß noch nicht. Wie es mir geht. Ob es mir geht. Die Riten und das Organisieren haben einen Zweck, sie halten die Menschen davon ab, ins Loch zu fallen.

Wenn es möglich ist, im Schlimmsten, das passieren konnte, viel Schönes zu finden, so ist das jetzt so. So viele Menschen, die beitragen, da sind, nah und fern, gute Wünsche, Gedenken, Worte nur, aber Worte, die helfen, es hilft, daß man weiß daß andere an einen denken.
Hier sind auch vele Menschen, immer da, alle schockiert. Meine Mutter hat Menschen gesammelt. Die häufigsten Worte, die ich hier höre, sind: “Wo gehe ich denn jetzt hin?” Für jemand in Not, in Leid, zum Reden, für Spaß.
Es ist schön zu sehen, daß meine Mutter ein knallvolles, buntes, gut aufgehobenes Leben hatte, mittendrin. Ich wußte es ja immer, aber jetzt hilft es, so wie sie ihr Leben um sich gebaut hat. Es trägt, auch uns.

Messiemutter zum 1. Mai

Wenn man am 1. Mai nur eben abends mal ins Kino will und in Kreuzberg wohnt, dann ist der schnellste Weg niemals der kürzeste, denn die Polizei hat alle Straßen abgeriegelt, und schickt einem im Kreis. Der Einsatzleitung wär ja mal das System zu empfehlen, das in Telefonanlagen auch die Weiterleitung im Kreis unterbindet.
Jedenfalls, man kann auch über Treptow zum Kottbusser Damm kommen, um ins Moviemento zu gehen. Wir wollten Sieben Mulden und eine Leiche sehen, bei Herrn Antiteilchen war ich drauf aufmerksam geworden.
Im Moviemento war ich schon seit gefühlten 100 Jahren nicht gewesen, und ebenso lange ist dort wohl nicht gelüftet worden, was sich als unglückliche Kombi mit dem gewählten Film herausstellen sollte.

Ein Schweizer Dokumentarfilm, der erzählt, wie zwei Brüder um die 40 die Wohnung ihrer Mutter ausräumen, nachdem diese wohl schon länger tot lag (und außerdem eine Fußbodenheizung und Katzen hatte.) Eben diese Mutter war, wie wohl schon ihre Mutter vor ihr, außerdem Messie und hortete alles aus ihrem 70jährigen Leben in ihrer Wohnung. Ene schöne Frau aus guter Familie, mit guter Bildung, Dolmetscherin, dann Wirtschaftsanwaltsgattin, später geschieden, die sich mit 60 noch liften ließ, um dann mit 70 alleine in ihrer vollgemüllten Wohnung zu verrecken.

Beim Aufräumen findet sich die Biographie von 3, fast 4 Generationen einer Familie zusammen, fast ein Jahrhundert, eine wohlhabende, mitunter fast jetsettende Familie, und das kleine Ende des einzelnen kleinen Lebens in Form einer Lache aus Leichensuppe auf von unten beheizten Steingutplatten. Die dann mit dem Spachtel entfernt werden muß.

Ironisch, oft witzig trotz des Grauens, distanziert, räumen die beiden Brüder über 4 Wochen das Messieuniversum ihrer Mutter aus der Wohnung, Schränke, Schränke, Schränke, Super-8-Familienfilme, Wohnungsverschönerunganleitungen aus den 60ern, Katzenfotos, sieben Container (das sind die ‘Mulden’ aus dem Titel) voll. Nichts bleibt ungelüftet.
Was ich aber angesichts des Abstands und der Ironie, die die beiden Brüder einnehmen, vermißte, ist ein Innehalten, eine Erklärung, warum das Verhältnis zur Mutter wirklich so distanziert ist, oder auch ein Innehalten, ein Zweifel, vielleicht auch Trauer, ein wenig Mitleid mit der Toten inmitten des massenhaft gestapelten Grauens der Wohnung.
Dem Messiesyndrom kommt man nicht wirklich auf den Grund.
Aber auf jeden Fall ein Film, der verstört und berührt, zum Nachdenken bringt. Und duschen will man auch hinterher, dringend.

Was die aufmerksame Polizei am 1. Mai nicht so einfach macht, hat man doch beschlossen, nunmehr Kreuzberg komplett abzuriegeln. Auch von Treptow kommend, muß man mit dem offensichtlich nicht aus Berlin kommenden Polizisten verhandeln, daß man doch jetzt bitte aber endlich nach Hause will. Nein, er hat auch nichts von Unruhen in meiner Ecke mitbekommen, und so läßt er mich letztendlich dann doch durch, nach Hause, unter die Dusche, wo ich den olfaktorischen Muff des Moviementos, der sich so perfekt mit dem optischen Terror des Films verbunden hat, endlich abwaschen kann.