Archiv für den Tag: 2. Mai 2008

Messiemutter zum 1. Mai

Wenn man am 1. Mai nur eben abends mal ins Kino will und in Kreuzberg wohnt, dann ist der schnellste Weg niemals der kürzeste, denn die Polizei hat alle Straßen abgeriegelt, und schickt einem im Kreis. Der Einsatzleitung wär ja mal das System zu empfehlen, das in Telefonanlagen auch die Weiterleitung im Kreis unterbindet.
Jedenfalls, man kann auch über Treptow zum Kottbusser Damm kommen, um ins Moviemento zu gehen. Wir wollten Sieben Mulden und eine Leiche sehen, bei Herrn Antiteilchen war ich drauf aufmerksam geworden.
Im Moviemento war ich schon seit gefühlten 100 Jahren nicht gewesen, und ebenso lange ist dort wohl nicht gelüftet worden, was sich als unglückliche Kombi mit dem gewählten Film herausstellen sollte.

Ein Schweizer Dokumentarfilm, der erzählt, wie zwei Brüder um die 40 die Wohnung ihrer Mutter ausräumen, nachdem diese wohl schon länger tot lag (und außerdem eine Fußbodenheizung und Katzen hatte.) Eben diese Mutter war, wie wohl schon ihre Mutter vor ihr, außerdem Messie und hortete alles aus ihrem 70jährigen Leben in ihrer Wohnung. Ene schöne Frau aus guter Familie, mit guter Bildung, Dolmetscherin, dann Wirtschaftsanwaltsgattin, später geschieden, die sich mit 60 noch liften ließ, um dann mit 70 alleine in ihrer vollgemüllten Wohnung zu verrecken.

Beim Aufräumen findet sich die Biographie von 3, fast 4 Generationen einer Familie zusammen, fast ein Jahrhundert, eine wohlhabende, mitunter fast jetsettende Familie, und das kleine Ende des einzelnen kleinen Lebens in Form einer Lache aus Leichensuppe auf von unten beheizten Steingutplatten. Die dann mit dem Spachtel entfernt werden muß.

Ironisch, oft witzig trotz des Grauens, distanziert, räumen die beiden Brüder über 4 Wochen das Messieuniversum ihrer Mutter aus der Wohnung, Schränke, Schränke, Schränke, Super-8-Familienfilme, Wohnungsverschönerunganleitungen aus den 60ern, Katzenfotos, sieben Container (das sind die ‘Mulden’ aus dem Titel) voll. Nichts bleibt ungelüftet.
Was ich aber angesichts des Abstands und der Ironie, die die beiden Brüder einnehmen, vermißte, ist ein Innehalten, eine Erklärung, warum das Verhältnis zur Mutter wirklich so distanziert ist, oder auch ein Innehalten, ein Zweifel, vielleicht auch Trauer, ein wenig Mitleid mit der Toten inmitten des massenhaft gestapelten Grauens der Wohnung.
Dem Messiesyndrom kommt man nicht wirklich auf den Grund.
Aber auf jeden Fall ein Film, der verstört und berührt, zum Nachdenken bringt. Und duschen will man auch hinterher, dringend.

Was die aufmerksame Polizei am 1. Mai nicht so einfach macht, hat man doch beschlossen, nunmehr Kreuzberg komplett abzuriegeln. Auch von Treptow kommend, muß man mit dem offensichtlich nicht aus Berlin kommenden Polizisten verhandeln, daß man doch jetzt bitte aber endlich nach Hause will. Nein, er hat auch nichts von Unruhen in meiner Ecke mitbekommen, und so läßt er mich letztendlich dann doch durch, nach Hause, unter die Dusche, wo ich den olfaktorischen Muff des Moviementos, der sich so perfekt mit dem optischen Terror des Films verbunden hat, endlich abwaschen kann.