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Glämme Miniatur

Man muss es einfach auch mal wertschätzen, wertschätzen tut man eh viel zu wenig.
In diesem Fall wie schon so oft und doch zu wenig die Glämm’sche Genialität in Optik und Organisation.

In diesen grauen Wintertagen erfreut der Gläm nämlich als liebliche Augenoase, umsonst und für alle, ohne Eintritt.
Zu den sonnenblonden Haaren trägt er dieser Tage mindestens 3 Fruchteis-Töne miteinander, Himbeer, Erdbeer und Kirsch. Wahrscheinlich haben diese Töne auch Modesaison-Bezeichnungen, die ich nicht kenne, aber man wird das Gefühl nicht los, es fehlt nur noch die Sahne auf dem Fruchtbecher-Look.

Er ist auch der einzige, der geblümt, gestreift, kariert und uni auf einmal tragen kann, und das tut er konsequent. Eben auch in Erdbeer, Himbeer und Kirsch.
In meinem letzten Artikel hatte ich ja auch drauf hingewiesen, wie Details den generellen Eindruck prägen können, und der Glam ist da ein Meister im Detail.

Als frisch gebackener Fast-Nichtraucher hat er auch eine geniale Methode erfunden, wie man Doch-ein-klitzekleines-bissel-Rauchen mit sportlicher Betätigung verbinden kann: er lagert seine Kleinstration im Auto. So muß er dann morgens immer 5 Etagen runter und dann wieder rauf, und der durchblutungshemmende Effekt des Rauchens ist durch die sportliche Betätigung mindestens ausgeglichen.

So ist er der Glam, genial auch im Detail, und man muß das mal ganz neidfrei loben.
Ich spiele ja sogar mit dem Gedanken, meine Zigaretten nebenan in der Küche zu lagern, dann hätte ich auch ein wenig Bewegung, wenn ich ein neues Päckchen brauche.

What the World needs now
is Glam, sweet Glam!

Jessica Lange

Schauspieler und -Innen gibt es bekanntlich wie Sand am Meer, die meisten sind hübsch und einige, erstaunlich wenige, können sogar gut schauspielen.

Aber dann gibt es, zugegebenermaßen nur ein paar Mal in hundert Jahren, das Phänomen, daß Gesicht, Persona, Erscheinung das reine Bild und die Bewegung transzendieren – auf der Leinwand erscheint etwas ganz anderes als nur ein Film.
Man kann das wohl heute nicht mehr so richtig nachvollziehen, aber stellen Sie sich einmal die Auswirkung vor, von auf mehrere Quadratmeter geballt projiziertem Licht, 24 Bilder pro Sekunde, auf jemand, der so etwas noch nie gesehen hat. Moving Pictures. Movies.
Ein Gesicht, eine Großaufnahme, metergroß, geschaffen aus reinem Licht und Schatten, leicht flackernd. Stars – das sind Sterne, sie leuchten von innen, von selbst.
Kein Wunder, daß in der kulturgeschichtlich noch recht jungen Götzenwelt des Filmgeschäfts ein wahres Pantheon aus Göttern und Göttinnen entstand, die reinsten jene, die das bloße Bild zur Ikone transzendierten, eine Louise Brooks, eine Lillian Gish, ein junger Montgomery Clift, um mal einige der weniger üblich Verdächtigen zu nennen, und eben: Jessica Lange.

Jessica Lange ist eine der besten, kreativsten und talentiertesten Schauspielerinnen, die es gibt, aber das ist hier nicht der Punkt. Es ist ihr Film-Wesen, ihr Gesicht, ihr Körper und wo sie das Gespielte her nimmt, was sie unterscheidet, von einer, sagen wir, Meryl Streep.

Sie ist diejenige mit der hohen runden Stirn, ein wenig Porzellanpuppe, ein wenig Baby Jane Hudson, Intelligenz und seltsame Niedlichkeit. Diejenige mit den starken Wangenknochen, die Sturheit andeuten, wären da nicht die schmalen, leicht schräg gestellten, aber vor allem immer flüchtig blickenden, seitlich ausweichenden, Verletzung kennenden, die Situation auf Auswege absuchenden Augen. Der Ausdruck, wenn sich diese dann fokussieren.
Der Mund, oft unsicher, stur, grübelnd, oder auf unglaublich freche Art herausfordernd lachend. Die leider etwas schlecht gemachten Kronen, die das ganze in einer Billigkeit (verzeihen Sie, mir fällt kein anderes Wort ein) erden und das menschlich fassbarer machen.

Entdeckt für mich habe ich Jessica Lange mit Jack Nicholson in The Postman always rings twice und war sofort hooked. Die Körperlichkeit, die eine ungeahnte Kraft aus Schwäche, aber auch Gier und Wut holt.
Was sie für Frances noch einmal komplett neu und anders erfindet. Spätestens mit Frances war ich ihr dann komplett verfallen. Crimes of the Heart nicht zu vergessen.
Eine Sphinx, die alles zeigt, aber nichts verrät.

Gestern abend war ich dann furchtbar wütend und traurig, als ich den von Glam bereits vorgestellten Bonneville gesehen habe, ein Roadmovie für 3 Frauen und eine Urne, das seine Möglichkeiten leider weitgehend ungenutzt verschenkt.
Wütend und traurig aber war ich über drei andere Umstände: Das Altern. Man sollte Jessica Lange das Altern verbieten. Und Facejobs und Botox. Das sollten sie ihr auch verbieten. Aber vor allem dem Kameramann, dem sollte man seinen Beruf verbieten und schnell umschulen, vielleicht auf Fleischereifachverkäufer, denn so fotografiert man keine Frauen mittleren Alters.

Muttermund

Etwas widerwillig, aber es bleibt nötig, da sind Glammie und ich uns einig: Es ist Zeit, ausgerechnet Sally Fields mal etwas Dank und Tribut zu zollen.
Eigentlich gehörte Sally Fields für mich in den Sack mit Schauspielern, wegen derer man sich Filme gezielt nicht anschaut, zusammen mit Zeta-Jones, Tom Hanks, Robin Williams, Kevin Kostner, ach, so einige.
Ausnahme “Steel Magnolias” aus den 80ern, das war schon ein schöner Film, auch wenn man den heute nicht mehr ernsthaft gucken kann. Aber einige der Zitate sind imme rnoch großartig.
Auch da schon, wie auch in dem kackschlimmen “Nicht ohne meine Tochter”, die Rolle ihres Lebens, MUTTER.
Mit diesem verletzten Rehblick, und diesen Mundwinkeln, die sich in unbeobachteten Momenten breit und weit nach unten sacken lassen. Die müssen dann gar nicht mehr von all den Sorgen erzählen, die sie sich immer um das Kind gemacht hat, den Schmerzen und Entbehrungen, und all den kleinen und großen Enttäuschungen, für die sie ihr Leben geopfert hat.
Kurz, man mochte sie immer nur schlagen.

In Brothers & Sisters aber ist dieses Talent unglaublich gut aufgefangen und eingesetzt. Komisch, berührend, lebensvoll. Eine wunderbar geschriebene Serie um eben diese Mutter, 2 Töchter, 3 Söhne. Eine Familienserie, aber im guten Sinn.
Klar geht es vorhersehbar um Liebe, Tod, Scheidung, Lügen und Geheimnisse, Sucht, Familie, das ganze Soap-Paket eben, aber eben die Umsetzung ist phänomenal und großartig. Charaktere, Storylines, jede einzelne Folge eine Überraschung.
Und ein Wiedersehen mit Callista ‘Ally’ Flockheart (auch wenn ich es manchmal schmerzhaft finde, ihr beim schauspielen zuzusehen, gibt es eigenlich auch einen Plural zu Botox?), Rachel ‘Brenda’ Griffiths aus Six Feet Under und einem wiederauferstandenen runderneuerten Rob Lowe.
Genau das Richtige für Familienallergiker wie mich an frühen dunklen Herbstabenden.

Berlin braucht (k)eine Freiheitstatue

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore;
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!

Es sind nicht mehr die überzähligen schlesischen Bauernsöhne und -töchter des vorletzten Jahrhunderts auf der Suche nach Einkommen und ein wenig Glück, die nach Berlin kommen, um billige Tagelöhner zu werden oder auf dem Strich zu enden, und auch keine russischen Aristokraten, die vor der roten Revolution flüchten.
Heutzutage sind es vor allem Spanier und amerikanische Rich Kids, die auf ihren One-Year-in-Europe nochmal schnell alle Drogen ausprobieren, bevor sie ihr Studium zum Million-Dollar-Anwalt beginnen und mit Exaltiertheit und schlimmen Friedrichshainfrisuren vorm Barbie Deinhoffs nerven.

Nein, für mich wird Berlin immer die heruntergekommene, bucklige Verwandte sein, in deren ungepflegter Wohnung sich der willentlich oder unwillentlich nicht passende Teil der Verwandtschaft sammelt. Aus meinem Dorf haben es außer mir noch zwei Nachfahren aus den Nachbarshäusern nach Berlin geschafft, die sich vor was oder für was auch immer aus der Enge des Dorfes auf Nimmerwiedersehen nach Berlin geflüchtet haben. Ich kenne sie leider nicht näher.

Immer schon hat Berlin Platz geboten, sowohl (immer noch billigen) Raum wie auch Nischen fürs Anderssein, fürs Nicht-Funktionieren, fürs Wundenlecken, fürs Ausprobieren, wenn auch bestimmt nicht Trost. Berlin, die alte kalte Mutter mit den ungepflegten Füßen, hat eine harte Schulter, dafür aber manch blinden Fleck auf der Netzhaut.

Wenn auch der schützende Windschatten der Mauer weg ist und der Wind der wiedervereinigten BRD härter und kälter weht als früher, so bleibt Berlin doch eine Flüchtlingsstadt, so wie Amerika in seinen besten Zeiten ein Einwanderungsland war, allerdings eher ohne den amerikanischen Traum und das Heilsversprechen.

Mir jedenfalls werden immer noch die Augen feucht, wenn ich nach langer Fahrt endlich den Funkturm auf der AVUS erblicke (ich fahre grundsätzlich dort in die Stadt, auch wenn andere Wege viel günstiger wären für mich).
Dann muß ich mir nur noch irgendwie die Siegessäule dazu denken, dann habe ich sowas wie eine Berliner Freiheitsstatue – soviel muß man in Berlin halt schon immer selbst dazu tun.

Mehr Licht! oder: In weiter Ferne lauter Licht

Die Schwerkraft ist überbewertet
man braucht sie gar nicht
wie man wohl im Weltall sieht.
Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser
die soll sich nicht so aufspielen
die gelbe Sau!

Gestern war ich bei PeterLicht, jaja, ich hab ihn live gesehen! Das große Geheimnis ist gelüftet: es gibt keins. Warum er sein Gesicht in dem Medien nicht zeigt: kein Marketinggag, kein Medienhype, es ist ganz einfach unwesentlich, wie er aussieht. Ein nicht sehr großer schmächtig-drahtiger Mann mit lichten (sic!) blonden Haaren und Brille, die er immer wieder die Nase hochschiebt. Hübsch auf eine angenehm unspektatuläre Weise.

Das gleiche galt für das Konzert. PeterLicht und 3 Bandkollegen, möglichst unauffällig gekleidet, auf der nackten Bühne des Maxim Gorki. Unbedarft, uninszeniert, wie ein Studentenkonzert der Nerd-AG.
PeterLicht ist auf jeden Fall der unwahrscheinlichste Performer, wie er am Anfang eher distanziert da steht und später in Fahrt kommt und sich etwas absurd zur Musik und seinem Gesang bewegt. Grad das macht es so unglaublich sympathisch, und anders ginge es bei seinen Liedern auch gar nicht.

Hauptsache wir sitzen
am Ende alle im selben Heim
denn ohne all die andern Getrennten
möchten wir nicht alleine sein!

Und ach die Lieder, irgendwo zwischen postsozialistischen Pfadfindersongs und Alltagsyhymnen. Die Stimme die in ihrem Knabentimbre einfach an das Gute glauben muß.

Das absolute Glück
Und wo du bist, da kann kein anderer sein
und würd ich wissen, wo das ist,
dann würd ich wissen, wo kein anderer ist
dann würd ich wissen wo das ist


Wunderschönes Video mit einem menschenleeren Alexanderplatz

Und ach die Texte – von spröden Parolen bis hin zur feinsten Lyrik. Über die letzte Platte Lieder von Ende des Kapitalismus hatte ich mich erst einmal furchtbar aufgeregt, aber sie ist mir über die Zeit ans Herz gewachsen. Die neue CD Melancholie und Gesellschaft – ich mußte heulen, so schön ist sie an Stellen. Keiner kann eine spröde Alltagsbeobachtung so in eine Hymne überführen wie PeterLicht, so das Herz vom Blick in die Gosse zum erhabenen erhebenden Blick in den Horizont leiten wie er.
Von Kammertrauer zum Anschluß ans Universum in drei bis fünf Akkorden. Das kann nur PeterLicht. Einer wie keiner!

Lieber PeterLicht, ein Hühnchen habe ich aber noch mit dir zu rupfen: deine beiden ersten CDs sind so dermaßen kopiergeschützt, daß ich sie nicht einmal in mein Itunes einspielen kann, und heutzutage höre ich Musik nur noch darüber.
Ich habe alle CDs und Singles handgekauft, und ich finde, es steht mir zu, die hören zu können wo ich will, und auch mal in einen Verschenkmix zu mischen. Also, wenn du wirklich anständig wärst, dann würdest du mir die Lieder der ersten beiden Platten nochmal ohne diesen Scheißkopierschutz schicken.

Und hier noch eins das unglaublich zur aktuellen Lage paßt (Video nicht von PeterLicht)
Vorbei vorbei vorbei – ist ja auch lang genug gewsen

Und das Wort ward Gestalt

Seine kleinen dunklen Augen blitzen gehetzt im Zimmer umher. Während er spricht, bleibt sein Blick an der ein oder anderen Stelle hängen, er nickt jemandem zu oder lächelt eine kurze Begrüßung in Richtung Fenster.
Angespannt ist er, etwas überfordert, von so viel Besuch, so viele Menschen, die er lange nicht gesehen hat. Nach so vielen Jahren, die er ganz alleine zugebracht hat.

Da ist sie, die Bäuerin, an die ihn seine Mutter als 12Jährigen auf dem Nikolausmarkt als Knecht verdingt hat, für ein ganzes Jahr, gegen einige Münzen und ein Paar Schuhe für den Jungen. Die erste, bei der er nicht wie das ganze Gesinde im Stall schlafen und essen mußte, sondern zum Essen ins Haus durfte. Er war wohl ein wenig verliebt in sie. “Und so gut wie sie war, so schön war sie auch!” “Die Blume vom Nimstal” nennt er sie.

Da ist der Kamerad aus dem Nachbardorf, den er auf dem langen langen Marsch schwer verletzt vom Balkan bis nach Prag gestützt und getragen hat.
Der erste Weltkrieg war verloren, die Losung hieß: “Jeder sehe, wie er heimkömmt. Wer nicht mitkömmt, bleibt liegen. Keiner wird getragen.” Ein wochenlanger gnadenloser Fußmarsch, die, die nicht mitkamen, lagen am Wegesrand, mit aufgeblähten Bäuchen, oder schon zusammengefallen, oder schon vertrocknet. Einem Toten hat er die Schuhe genommen und an seine eigenen blutigen Füße angezogen.
Nachts lag er mit seinem Kameraden Löffelchen, gegen die Kälte, und weil sie zusammenhielten, wie er gerne erzählte.

Da ist sein Vater, der am Anfang des letzten Jahrhunderts unter Tage im Ruhrpott arbeitete, der nur einmal im Jahr zu seiner Familie nach Hause kommen konnte, sein Geld ablieferte und ihm ein neues Geschwisterchen machte, zwölf an der Zahl. Für den er einige Jahre in einer Schmugglerbande Tabak und Alkohol schmuggelte, aus Frankreich, aus Luxemburg.

Da ist seine geliebte Frau, seine Anna, jung, rund und drall, mit roten Wangen, die ihm sieben Kinder schenkte, wovon drei Söhne und zwei Töchter überlebten. Die zwei Jahre in Kirchenstreik getreten war, weil der Pfarrer in der Beichte der Meinung war, sie solle noch ein paar Kinder mehr bekommen. Für die er bis ins hohe Alter noch arbeitete, wovon ungezählte Sandsteinmauern in der Umgebung Zeugnis legen. Jeder Maurer hat beim Behauen der Steine seine eigene Handschrift, und seine ist sofort zu erkennen. Seine Anna, die ihn zwanzig Jahre zuvor mit 77 Jahren alleine ließ, als sie starb.

Da ist der deutsche Offizier, der ihn in den letzten Minuten des zweiten Weltkriegs noch wegen Wehrkraftzersetzung standrechtlich erschießen lassen wollte. Die Soldaten wollten sich in seinem Haus verteidigen, das auf einem Hügel liegt. Am Horizont waren schon die Amerikaner im Anmarsch zu erkennen, und die versprengten Reste, die 20 deutschen Soldaten hätten keine Chance, wollte er ihnen erklären und ihnen einen Fluchtweg in den Wald zeigen.
Die Gewehre waren schon auf ihn gerichtet, als ein Flakgeschütz in sein Haus einschlug.

Da ist die alte Nachbarin, hinter deren Röcken er sich versteckt hat, als die Alliierten am Ende des zweiten Weltkrieg die Gefangenen fürs Lager zusammentrieben. Einige Wochen arbeitete er für sie, als alter Mann verkleidet, bis er es nicht mehr aushielt, und vier Nächte lang durch die Gräben auf allen Vieren in sein Heimatdorf zurückrobbte. Er wollte wissen, ob seine Frau und Kinder noch lebten, das letzte was er gesehen hatte, war sein brennendes Haus, als er gefangen genommen wurde.
Als er heimkommt, findet er alle wohlbehalten, das Haus zerstört, und die Soldaten und den Offizier tot, die sich dort verteidigen wollten, auf der Flucht Richtung Wald erschossen.

Das große dunkle kalte Zimmer ist randvoll mit Menschen, Kameraden, Auftraggebern, Familie, Menschen aus fast einem Jahrhundert Leben.
Es ist 1994, und Johann, der 1896 geboren wurde, ist so alt, daß seine schlohweißen Haare im Nacken schon wieder schwarz nachwachsen, so schwarz, wie sie früher einmal waren.

Schon lange ist er sehr schwerhörig, so daß er, wenn er Besuch bekommt, aus Unsicherheit die Unterhaltung gerne selber bestreitet. Stundenlang erzählt er von früher, aus seinem langen Leben.
Ich bin wohl der einzige, der sich die Mühe machte, auch ihm etwas zu erzählen, man muß sehr laut sprechen und vieles wiederholen, aber er ist dankbar dafür. Jedenfalls bin ich der einige seiner Enkel, dessen Namen er sich merkt. Er ist auch der einzige, der mich damals, als Kriegsdienstverweigerung noch eine Schande war, dabei unterstützt.

Als nach 20 Jahren einsamen Lebens seine Tochter in sein Haus einzieht, siedelt sie ihn in den ersten Stock um. Seine Räume, seit fast 50 Jahren unverändert, werden wieder genau so eingerichtet, nur spiegelverkehrt.
Das ist auch die Zeit, in der er nie wieder einsam sein wird, Tag für Tag und Nacht für Nacht besuchen ihn die Menschen seines Lebens, von denen er so oft erzählt hat, sitzen auf Fensterbänken, Stühlen, Ablagen, Bettkanten, stehen in der Tür, reden untereinander oder auf ihn ein, Tote, Lebende, Zwischenwesen.
Mit großen runden Augen versucht er auf sie einzugehen, und vergißt zu unterscheiden, welcher Besuch Phantom ist und welcher nicht.
Eine Woche, nachdem die Außerirdischen nachts die schwere Kommode auf sein Bett geworfen haben, stirbt er, zwanzig Monate vor seinem 100. Geburtstag.

Mutter

Was man meiner Mutter nicht vorwerfen kann, ist daß sie ein Messie sei, im Gegenteil, sie hat eher zu viele Sachen weggeworfen als zuwenige.

Was man ihr dagegen wirklich vorwerfen kann, ist daß sie gestorben ist. Als ich den letzten Beitrag am Freitag geschrieben habe, war sie schon tot. Eine Stunde lang.
“Plötzlich und unerwartet”, wie man so standardmäßig sagt. Mitten aus dem vollen Leben, ja das kann man auch bei einer fast 81-jährigen sagen.

Ich weiß noch nicht. Wie es mir geht. Ob es mir geht. Die Riten und das Organisieren haben einen Zweck, sie halten die Menschen davon ab, ins Loch zu fallen.

Wenn es möglich ist, im Schlimmsten, das passieren konnte, viel Schönes zu finden, so ist das jetzt so. So viele Menschen, die beitragen, da sind, nah und fern, gute Wünsche, Gedenken, Worte nur, aber Worte, die helfen, es hilft, daß man weiß daß andere an einen denken.
Hier sind auch vele Menschen, immer da, alle schockiert. Meine Mutter hat Menschen gesammelt. Die häufigsten Worte, die ich hier höre, sind: “Wo gehe ich denn jetzt hin?” Für jemand in Not, in Leid, zum Reden, für Spaß.
Es ist schön zu sehen, daß meine Mutter ein knallvolles, buntes, gut aufgehobenes Leben hatte, mittendrin. Ich wußte es ja immer, aber jetzt hilft es, so wie sie ihr Leben um sich gebaut hat. Es trägt, auch uns.

Meine Schinkendoris

Doris ist ja mein Lieblingsvorname. Doris Day, klar. Doris Kunstmann, die mich interessiert, auch wenn ich nicht weiß warum. (Auch wenn man die beiden wirklich nicht in einem Atemzug nennen sollte.) Ich hab sogar mal versucht, ein Buch von Frau Lessing zu lesen, nur weil die auch Doris mit Vornamen heißt. Tsk.

Hier soll es aber um Schinkendoris gehen, die meine sozusagen älteste Freundin ist. Insofern, als daß ich am ersten Schultag, angetan von ihrem süßen Äußeren, den langen braunen Haaren und den brauen Augen, beim Kampf um die Sitzplätze im Klassenraum den Platz neben ihr ergatterte, worauf sie heftig zu heulen begann, sie wollte natürlich nicht neben einem Jungen sitzen.

Schinkendoris wurde ihr Name, weil sie sich so sehr vor Schinken ekelte. Was zur Folge hatte, daß ich in der großen Pause gar lustige Hetzjagden mit ihr veranstaltete, ich mit meinem Schinkenpausenbrot, sie kreischend vornedran.
Ja, ich war ein wirklch ekelhaftes Kind.

Trotzdem wurden und blieben wir Freunde. Doris sprach immer mit atemloser, hoher, fast marilynesker Stimme, sie war immer schüchtern, empfindlich, zierlich, verletzt, ohne daß man wußte warum. Der Vater schwerer Alkoholiker, die Mutter sehr eindrucksvoll, mit ihrem dunkelschwarzen Beehive und den Kajal, den sie sich seit den 60ern bewahrt hatte.

Später dann, sie hieß dann nur noch Doris (ohne Schinken) hatte sie langjährige Beziehungen, lebte noch im Schulort und wurde so zu einer Art Heimatposten für mich. Bei den Besuchen ein- oder zweimal im Jahr sah man mehr, als sie selber sehen konnte. Sie bekam Schilddrüsenprobleme, später Epilepsie.
Repression macht krank, besonders Eigenrepression, würde ein Therapeut sagen.
Sie wurde ihrem Partner gegenüber unberechenbar, ohne daß der wußte warum.
Wer nie gelernt hat, sich zu streiten, zu seinem eigenen Willen zu stehen und Wünsche durchzusetzen, der kann nicht kämpfen, nicht absehen, wohin man schlagen darf und wie fest.
Nicht schön, wenn man nach einen epileptischen Anfall ein, zwei Tage in der Wohnung liegt, die man alleine bewohnt.

Als die Beziehung gesprengt war, stand sie Anfang 30 da, und hatte nie die Tanzschritte gelernt, die man braucht, wenn man einen Partner sucht. Mit so wenig Selbstbewußstein und einer so gespaltenen Selbstwahrnehmung war es leicht, Opfer diversester fieser und/oder alter Säcke zu werden. Und nein, niemand verdient es, von seinem Partner verprügelt zu werden, egal wofür. Niemals.
Immerhin lernte sie dann bei den Jüngern Oshos ein wenig über die Art und Kraft ihrer Sexualität, was ich zwar zweifelhaft fand, aber was solls, wenn es ihr nur nutzte.

Mittlerweile wohnt sie wieder bei ihren Eltern, hat ihr Lehramtsstudium beendet, Deutsch und Geschichte, ich möchte mir aber nicht vorstellen, wie sie vor eine Klasse tritt. Und wie die sie dann zerfetzt.

Gelegentlich ruft sie mich an, und ich verstehe sie kaum, sie spricht von den Leuten, die behaupten, sie sei eine Schlampe, aber daß sie sich schon rächen werde. Sie spricht von den Intrigen, die den ganzen Landkreis bewegen, und ich kann ihr nicht folgen.

Liebe Doris, heute ist dein Geburtstag, 40 Jahre alt wirst du heute – ich wünsche Dir, daß die zweite Hälfte deines Lebens schöner wird, daß du zu dir findest, einen guten Partner dazu. Glück. Das wünsche ich dir. Du hast es verdient.
Es macht mich sehr traurig, daß man nicht besser aufeinander aufpassen kann, daß man nicht einfach einen Knopf drücken kann, und alles wird gut.

The Bette Davis Way

HAPPY BIRTHDAY, BETTE!
Meine Lieblingsschauspielerin wäre genau heute 100 Jahre alt geworden!

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Von der groß-, eigentlich glubschäugigen Debütantin bis zur fast hexenhaften Alterserscheinung war es ein langer harter Ritt.
She did it the hard way steht auf ihrem Grabstein.

Und das stimmt. Und das ist es, was sie besonders macht: Da es keine passende Schublade für sie im Hollywood-Olymp gab, schuf sie sich ihre eigene.
Ohne Rücksicht auf Schönheit, Gepflogenheiten, Befindlichkeiten oder gängige passende oder angepaßte Frauenbilder ihrer Zeit schuf sie: Bette Davis.

Die Augen! Schauen Sie sich die Szene in All about Eve an, in der sie erfährt, daß Eve ihre Zweitbesetzung geworden ist. Schauen sie sich im Einzelbildmodus an, wie sie ihre Augen aufreißt und schreit: “Mouse! Never Mouse! If anything: Rat!” Das stellt alle CG-Schlachten von Herr der Ringe in den Schatten.

Das Rauchen! Einfach zu parodieren, viel karikiert. Aber sie ist das Original. Schauen sie sich genau an, wie Bette sich eine Zigarette anzündet, wie sie schaut. Mit Paul Henreid in Now Voyager, die Frühstückszigarette in All about Eve, die Krückenzigarette in Wicked Stepmother.
Arm anwinkeln, und die Zigarette in kreisenden Bewegungen zum Mund führen. Inhalieren, als ob es kein morgen gibt. In einem heftigen Stoß ausatmen.

Die Körperlichkeit: kein Sexsymbol, kein Starlet, kein Bikinimodel. Der Körper eine Waffe, ein gefangenes Raubtier. In den frühen, rückenfreien Filmen: der Körper eine Horizontale, immer bereit wie eine Schlange hervorzuschnellen.
In The Star, in All about Eve, in Whatever happened to Baby Jane: eine Waffe. Niemand würde sich jemals trauen, Bette Davis die Handtasche zu klauen.
When she’s mad, she’s all over the place. Nobodys better than Bette when she’s bad, ein Filmslogan.

Die Stimme: Der Legende nach war ihre Stimme zu hoch und zu dünn für ihren Beruf, also fing sie zu rauchen an und trank Whiskey. Das glaube ich zwar nicht, aber es gefällt mir. Ich mag meine verrauchte Stimme.
Gut, das mit dem Singen ist nur etwas für Hardcore-Bette-Fans. Aber dann kann es sehr anrührend sein.

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Nachdem sie in den 30ern und 40ern eine der erfolgeichsten und ikonischsten Leading Ladys war, traf sie das Middle Age sehr heftig, persönlich und auch karrieretechnisch.
Man schrieb zu Dead Ringer: Bette Davis looks like a gunnysack of galoshes (wie ein Sack voll Gummistiefel).
Hat man jemals so etwas über John Wayne geschrieben, nur weil er älter und dicker wurde? Hätte man jemals?

Im Alter eröffnete sie nicht nur für sich selbst, sondern für alle alternden Schauspielerinnen ein neues Genre: Horrorqueen. Whatever happened to Baby Jane ist einer der Pioniere des Genres, gefolgt von Hush Hush Sweet Charlotte.
Einer Kultur, die für alternde Frauen nur die Rolle der Mutter oder Großmutter bietet, hielt Bette Davis das groteske Spiegelbild entgegen, das für Frauen übrig blieb, wenn sie sich dem nicht beugen wollten, eine eigene Persönlichkeit und eigene Vorstellungen haben, Verletzungen und enttäuschte Sehnsüchte und Träume nicht hinterm Herd verstecken wollen: das Monster, die Irre, die Mörderin, die Hexe.
Das erzählt mehr über die Gesellschaft der 60er und 70er als über Bette. Aber sie ist die Ikone dessen geworden und war sich dafür nicht zu schade.

Zum Weinen ihr letzter Film, Wicked Stepmother, aus dem sie mitten in den Dreharbeiten ausstieg, weil es so ein Schrott war. Der Film wurde dennoch fertiggestellt, die wenigen Szenen von Bette eingebaut. Nach einem Schlaganfall noch weitgehend bewegungsunfähig, mit grausiger roter Perücke, abgemagert bis auf die Knochen, läßt sie immer noch knarzend ihre Oneliner los, während sie sich mit der einen Hand an Möbeln und mit der anderen an einer Zigarette festhält.
Das ist traurig, das ist unwürdig. Aber, wenn Bette trotz ihres Zustands drehen will, dann tat sie es. Es hat sie noch nie sehr gekümmert, was die Menschen von ihr sehen wollten. Sie hat immer ihren eigenen Begriff von Würde verfolgt.

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Als Margo Channing in All about Eve:
“Margo Channing was not a bitch. She was an actress who was getting older and was not too happy about it. And why should she? Anyone who says that life begins at forty is full of it. As people get older their bodies begin to decay. They get sick. They forget things. What’s good about that?”

Bette Davis, we love you!
Because you’re bitter, because it’s your heart, because you’re wild because you’re (head)strong – we love you.

Eine wunderschöne Würdigung findet sich auch hier bei Sunset Gun

Warum machen Sie sich nicht einfach einen schönen Sonntagabend bei Youtube mit Miss Bette Davis!?

30 Years of Wuthering

Glammie feiert hier gebührend den 30. Geburtstags von Kate Bushs ‘The Kick Inside’, hat mir aber die Würdigung der ersten Single ‘Wuthering Heights’, übertragen. Owei!

Februar 1978, ich bin 10 Jahre alt, durfte ich eine der ersten Sendungen von Bios Bahnhof sehen.
Bio präsentiert eine neue Sängerin, die noch keiner jemals gesehen hat. Die zarte Gestalt im roten Kleid mit den wilden langen Haaren, den weit geöffneten Augen, den unglaublich hohen Pumps und den geschmeidigen, wogenden, wallenden Bewegungen und der unglaublich hohen Stimme irritiert mit ihrer Intensität das zu jener Zeit übliche steinerne Studiopublikum, sie schauen auf den Boden, flüstern verstört mt dem Sitznachbarn.
Sie singt ‘Kite’ und ‘Wuthering Heights’
Schon die ersten Pianoklänge von ‘Wuthering Heights’ entführen in sphärische Höhen, gefolgt von der fast unerträglich hohen, fast schrillen Stimme: “Out on the wily windy moors, We’d fall and roll in green” Nicht, daß ich das damals verstanden hätte, man braucht es auch nicht zu verstehen. Kate singt, tanzt, entäußert sich, und man hört und spürt den Wind, die rauhen Hügel, die Einsamkeit, die Sehnsucht, die Leidenschaft, in dem Lied.
Ein ganzer Roman in 3 Minuten erzählt, einer, den ich erst viel später lesen werde (wie Kate selber übrigens auch)

Ihre Plattenfirma wollte ein konventionelleres Lied für hre erste Single, doch Kate bestand darauf, mit ‘Wuthering Heights’ zu debutieren. Heute kann man sich das kaum vorstellen, aber damals waren solche Töne in einem rocklastigen Großbritannien noch nie gehört, und viele Zeitzeugen erinnern sich an das erste Mal, als dieses Lied aus dem Radio klang. Musik wurde damals von Männern geschrieben, und (außer bei Bowie und Queen) als Set aufgeführt, nicht wie ein Theaterstück inszeniert und emotional performed.
Auch die beiden Promo-Videos, besonders das im weißen Kleid mit dem optischen Echo-Effekt, kündigten der Welt davon, daß hier eine Künstlerin geboren ist wie keine andere. Die unerschrocken mit bisher ungekannter Intensität und Weiblichkeit ihre Kunst ausdrückt.

Das irritiert natürlich viele, es ist einfach, sie zu parodieren, oder einfach nur auf ihre Schenkel zu starren, das exaltierte Mädchen zu belächeln, sie in ihrer naiven Offenheit zu verletzen.
Mit der Zeit wird Kate sich immer weniger entäußern und entblößen, sie wird sich immer mehr hinter ihre Kunst zurückziehen, aber hier werden wir Zeuge der Geburt einer Künstlerin, deren Kunst keine Grenzen kennt, absolut, naiv, kraftvoll, unbefangen und unmittelbar. Poesie pur.

Für mich öffnet sich ein neues Universum. Eine verwandte Seele, nur mit dem Unterschied, daß sie sich ausdrücken kann und sich davor nicht fürchtet. Wie Kate hatte ich, der ich im Grunde genommen als Mädchen aufgewachsen bin, mich vor der Realität in meine Traumwelten aus Büchern und Musik geflüchtet, und hier war jemand, der aus meiner Seele sprach, fast am Rande der Peinlichkeit ausdrückte, was sie fühlte, schamlos im Sinne von ‘ohne Scham’, unerschrocken, voller Kraft und wunderschön.

Im Sommer wird Kate Bush 50 und ich hoffe, daß sie noch 50 Jahre lang Musik macht, und wenn es nur alle 10 Jahre ein Album gibt.