Kategorie-Archiv: temple of love

Tschick gelesen, geweint

vor so viel Schönheit, liebevoller Haltung und weil diese Stimme, die von Wolfgang Herrndorf, verstummt ist.

Ich weiß, ich bin da aus der Zeit, den ersten Hype um das Buch habe ich irgendwie verpaßt und auch den um seinen Tod.

Selten, vielleicht noch nie, einen deutschen Roman gelesen, der mit einer so wundervollen Erzählstimme so viel Schönes, Nachdenkliches, Wahres, aber auch Pupslustiges in einem so kleinen großen Band unterbringt.

Hier in der Süddeutschen eine viel eloquentere Rezension.

Brief aus der Heimat

Lieber Lucky!

Dein neues Lebensjahr hat bereits begonnen – es tut uns leid! Ich wollte doch eine extra schöne Karte besorgen! Jetzt muß diese her halten. (Dafür hat sie sie mit Glitzerblumen beklebt, woher weiß sie?) Also: die allerherzlichsten Wünsche für das neue Lebensjahr – Gesundheit und Wohlergehen, Erfolg in Deinen Unternehmungen – dieses ist heute wichtig für ein normales Leben. Leider ist es nicht allen gegeben.
Hannah (die Enkelin) ist nun in Berlin. Ob sie sich bei dir gemeldet hat? Ich habe auch noch keine Adresse. Sie hatte mit Wohnung und vielem Glück. Berlin ist für mich sooo groß. Ich denke oft an euch S*er (aus unserem kleinen Dorf hat es 3, nun 4 nach Berlin verschlagen), bin aber stolz, daß ihr alle euren guten Weg geht. Unser Dorf wird von “Eingeborenen” immer kleiner. Sogar der Friedhof ist schon zu groß geworden. Wir bleiben aber den alten Dingen noch treu. Für Deine guten Wünsche zu Jakobs Geburtstag herzlichen Dank. Es hat ihn sehr gefreut. Im Moment ist Jakob stark erkältet. Bei so was meint er: wir werden alt! Ich antworte: wir sind alt! Alles das ist nicht schlimm – man muß nur jeden Morgen froh beginnen. Das wünsche ich Dir auch von herzen!

Nun lieber Lucky bleibe gesund, es geht schon so schnell auf Weihnachten zu – dann sehen wir uns wieder.
Mit herzlichen Grüßen
Jakob und Rosemarie

Und es stimmt, Jakob und Rosemarie sind alt, 86 und 81, von ihrem Bauernhof sind nur noch die freilaufenden Hühner in einer Scheune weiter weg übrig geblieben, die Jakob täglich mit einem uralten Fahrrad namens Hindenburg besucht. Von den Freilandeiern verehren sie mir immer 10-20, wenn ich da bin. Früher gab es auch selbstgeräucherten Schinken und selbstgemachte Sahne und Butter, als noch Vieh da war.
Die Tochter hatte mich einmal so mit Fragen in die Enge gedrängt, daß ich unfreiwillig zum Coming Out gezwungen war. Eine ganze Woche sah ich weder Haar noch Hut von Jakob und Rosemarie, bis dann doch die Gaben an der Tür lagen (sie legen sie immer diskret frühmorgens auf die Treppe vor die Haustüre, um nixcht zu stören, aber sicher zu stellen, daß der Junge was Gutes zum Frühstück hat). Sie brauchten die Woche wohl, um den Schock zu überwinden, und festzustellen, daß sich für sie ja gar nichts ändert, nur weil ich Schwanz lutsche. Ich bin sehr stolz auf Jakob und Rosemarie. Heimat, eben.

Es geht ums Leben!

Selten hat mich ein Interview so berührt wie das von Edgar Reitz in der Sueddeutschen – es geht um seine neueste Folge Heimat. Es geht um die Unmöglichkeit von Heimat, die Gabe Schönheit wahrzunehmen, und um Erzählen, Erzählen um des Lebens willen, Erzählen um den Tod aufzuhalten. Also um die Wurzel des Erzählens.

Tränen für Mogli

Es ist schon etwas unglaublich, besonders wenn man weiß, daß ich Hunde an sich nicht so dolle mag, aber nun sitze ich hier im verfrorenen Berlin und heule, weil auf Ibiza ein Hund gestorben ist.
Gerade heute mittag fand ich noch beim Durchsortieren Fotos von ihm und bekam ein ganz intensives Gefühl und dachte: das ist nicht einfach so ein Hund, das ist jemand, den man regelmäßig sehen und besuchen müßte, so wie einen guten Freund oder einen alten Verwandten. Und bekam so ein bißchen Sehnsucht.
Mogli war nänlich kein normaler Hund, er war ein Gentleman, ein Sean Connery unter den Hunden, ein Hund wie ein Haus.
Als ich das zweite Mal auf Ibiza war, ging es mir nicht besonders gut, nach meinem Burnout und mit Depressionen. Mogli hat sich aber ganz ganz großartig um mich gekümmert, leistet mir immer Gesellschaft, wenn ich alleine zuhause war, paßte auf mich auf, und wenn ich jemand zum ganz fest halten brauchte, ließ er es geschehen – und er war ja ganz großartig gebaut zum Festhalten, so ein großer Hund. Ich hatte das Gefühl, als ob er genau wußte, was ich brauchte, als könnte er in meine Seele sehen.
Ich werde Mogli nie vergessen und ihn sehr vermissen, wenn ich mal wieder nach Ibiza kommen sollte.
feet

Bilder einer Einstellung

Bei Diane Arbus gewesen, also ihrer Ausstellung, und geweint und gefühlt. Geweint vor so viel Schönheit, Liebe im Blick, Erkennen und Anerkennen und gleichzeitigem Erhöhen und Sein-Lassen des anderen/Anderen.
Mein Lieblingsbild und das, und das, und das und ganz beonders das!

Diane Arbus über ihre Fotografien: “They are proof that someting was there and no longer is. Like a stain. And the stillness of them is boggling.
You can turn away but when you come back they’ll still be there looking at you.”

Und der Blick ruft sofort ein Gefühl hervor, längst verschüttet, erinnerte mich an jemanden und seinen Blick: Jürgen Baldiga, meinen Ex von vor vielen Jahren, selbsterklärter Jünger von Diane Arbus, Engelmacher, nun schon seit 19 Jahren tot, und an die Zeit. Seinen Blick, sein Staunen, seine Neugier, seinen Trieb, wie er Menschen erkannte und inszenierte und mit seiner Leidenschaft paarte, zu Ikonen.

Wie ich versuchte Bomec, mit dem ich die Ausstellung besuchte, die Welt von vor 20 Jahren zu schildern, zu erklären, nahezubringen, und scheitern mußte, was nicht an meinem Zuhörer lag, gierig und wißbegierig und innen und außen intelligent, wie er ist, sondern an der Unmöglichkeit, ein Universum zu beschwören, das nur kurz aufflackerte und längst verschollen ist, deutlich größer als ich und dann doch nur begrenzt. Romantik, Episode Berlin 1986-1993.
Eine Wolke über uns, weil er gerne begriffen und gekannt hätte, was nicht mehr möglich ist, Melancholie über Nicht-Gekanntes und bei mir über Längst-Vergessenes.
Und doch, sehr emotionalen Abend verbracht mit den Bildbänden von Baldiga und Arbus, und sehr sehr glücklich gewesen, daß ich doch nicht vergessen hatte, was ich längst schon vergessen geglaubt.
Gehen Sie hin, so viel Schönheit und schönes Empfinden kriegen Sie for 10 Euro, ach, für 1000 Euro so schnell nicht wieder!

Skins

Grade die 5. Staffel der britschen Serie Skins geschaut (lassen Sie die Finger von dem amerikanischen Versuch, das ist nicht übersetzbar)

Hach! Es geht pro 2 Staffeln immer um 2 Jahre im Leben von 6 Teenagern um die 16 oder 17 in Bristol.
Die Kids versuchen zwischen hormonellem Aufruhr, kaputten Elternhäusern, irren und/oder abwesenden Eltern und einer derelikten Schule in Broken Britain ihr Leben und ein wenig Glück zu finden. Drogen und Alk sind unendlich und frei verfügbar, und werden entsprechen genutzt. Es ist eine Utopie, zeitgleich eine Dystopie, aber als solche hyperrealistisch. Gerade in den teilweise völlig krassen Geschichten wird eine große, harte, und auch zarte Wahrheit erzählt, die dem State of Mind der Kids entspricht – und: States of Mind are real enough.
Die Enge der Welt, der Schule, die Engstirnigkeit und Willkür der erwachsenen Gesetze, die eigenen Komplexe, die Unzulänglichkeit.
Der freie Fall, die große Freiheit, die große Verlorenheit, die Nichtahnung und Nichtachtung von Konsequenzen – der Horizont ist groß und leer und zeitgleich voller Scheiße, es sei denn man tupft sich ein schönes Wölklein hinein – all das, was wir “Erwachsenen” verloren haben. Die große Utopie des Teenage. Sie werden vielen an einen Phantomschmerz oder einem leichten Ziepen hier oder einem harten Schlag ins Herz dort wieder erkennen.
Alle zwei Staffeln wird die gesamte Cast ausgetauscht, was absolut konsequent ist – nicht das langsame Anpassen und Einordnen ins Leben ist interessant, sondern der große Vortex davor.
Die Serie hat schon viele großartige Jungschaupieler hervorgebracht, so grandios ist das Casting und die Arbeit mit den Jungs und Mädels, die vorher meist Laien waren.
Das müssen Sie gesehen haben.

Die ersten beiden Staffeln (wir berichteten) sind mit das großartigste, was ich jemals gesehen habe, die 3. und 4. litt etwas an Schreibschwund. Mit der fünften knüpfen die Macher wieder an die Großartigkeit des Anfangs an, und im Nachhinein kann man dann auch die 3. und 4. Staffel sehr gut noch einmal schauen.

Disco’s not Dead!

But alive and kickbiking, jedenfalls sah das heute mittag so aus.
Ich überholte ein Fahrrad, auf dem ein lächelnder Brasilianer mit Afro und Pornoschnäuzer eine riesige Discospiegelkugel auf dem Rücken transportierte. Fehlten eigentlich nur noch goldene Hotpants.