Kategorie-Archiv: jeden tag 1 kleiner tod

Die Lebenden und die Toten

Ich werfe einen Stein ins Wasser
und mache keine Wellen.
Ich sehe meine Zeit
in dieser Welt zerschellen.
Ich sitze auf dem Rücksitz
und bin froh,
dass ich nicht fahr.
Ich sehe das, was ist
und das, was war.

Und ich denk an die
vom Aussterben bedrohten.
Ich denke an die Lebenden
und an die Toten.
An alle, die Propheten warn für mich.
Und immer wieder
denk ich an Dich.

Alle Stationen meiner Reise
fliegen an mir vorbei.
Alles was noch kommt,
ich lass mich drauf ein.
Ich bin hinten auf dem Sitz
und lass mich fallen.
Es geht nicht mehr zurück,
es geht voran.

Und ich denk an die
vom Aussterben bedrohten.
Ich denke an die Lebenden
und an die Toten.
An alle, die Propheten warn für mich.
Und immer wieder
denk ich an Dich.

Ich frag mich an der Kreuzung,
ob das Leben mich verbiegt.
Oder lieg ich genau richtig ?
Und wie lange es mich noch gibt.
Ich hör Dich noch sagen,
am Besten immer quer.
Halt mir einen Platz frei,
denn Du reist jetzt ja mehr.

Und ich denk an die
vom Aussterben bedrohten.
Ich denke an die Lebenden
und an die Toten.
An alle, die Propheten warn für mich.
Und immer wieder
denk ich an Dich.
Und immer wieder
denk ich an Dich.

Ich hab ja auch schon fürchterlich über Annette Humpe bzw. über Ich + Ich gelästert, aber wenn sie es gut macht, macht sie es unlaublich gut. Ich möchte dem Universum danken, daß es sie gibt.
Zum Gedenken an Luzia, der Lucky Mom, zum Geburtstag.

Und von den Lebenden, die gibts ja auch, gibts morgen mehr, denke ich.

Hausmeister Massenmord & Aufrüstung

Neben all den kleinen Hausmeistersachen wie Fenster lackieren, Silikon im Bad verschmieren, herausgefallene Steine wieder einzementieren besteht meine Haupttätigkeit hier im Fliegen töten.
Ich bin zwar nicht so wendig wie die gute alte Lucky-Mom, habe am Ende des Tages aber auch eine gute Masse Leichen vorzuweisen, wenn man die Wohnküche ausfegt.
Dabei sind die Fliegen gar nicht mal so dumm, die gewiefteren setzen sich nämlich zum Beispiel gleich auf die Klatsche und denken sich da seien sie sicher.
Aber nicht mit mir, ich habe nämlich noch eine zweite Klatsche!
Und gestern, gestern habe ich sogar eine Fliege auf dem guten Glamourdickblog zerklatscht. Sorry, Glam.

Öde Orte: Kyllburg

Kyllburg in der Eifel ist wohl das Grey Gardens unter den Kleinstädten.
Eine Grandezza großer Vergangenheit als Luftkurort liegt in der Luft und stört sich kein wenig daran, daß das Kurhotel, einst ein prachtvoller Bau mit französischem Garten und Springbrunnen, nun schon seit etwa 30 Jahren in der Ortsmitte dahinrottet wie Wrack der Lusitania und damit den Ton vorgibt für das restliche komplett verwahrloste Ensemble.

Im wesentlichen besteht Kyllburg aus einem sehr tiefen Tal, von der namensgebenden Kyll auf ihrem Weg zur Mosel gegraben, mit Mühle, Sandsteinbahnhof und einer Pizzeria zwischen zwei Brücken, von denen die eine für den Verkehr gesperrt und im Sommer zur Pizzaterrasse umfunktioniert ist.
Den anderen Teil machen zwei sehr steile Berge aus, auf dem einen eine nach dem Krieg wiederaufgebaute Kirche und eine (offensichtlich wirkunslose) Marienstatue (die vor dem Krieg zerstörte Synagoge wurde selbstverständlich, vielleicht schon in weiser Voraussicht auf den baldigen Wiederzerfall des Städtchens) gar nicht erst wieder aufgebaut.
Den anderen Berg krönt die namensgebende Stiftskirche nebst der Volkshochschule, die früher ein Nonnenspital war, in dem ich geboren bin. (Meine jüngst verstorbene, in emotionalen Situationen schnell überforderte Patentante hatte seinerzeit ob der freudigen Nachricht meiner Geburt vor Schreck alle Alpenveilchen auf ihrer Fensterbank gepflückt, um mich damit eben dort auf der Welt willkommen zu heißen, und damit sicher schon die ein oder andere Weiche für mich gestellt.)
Ein jüngst eröffneter Biergarten im Hof versucht vergeblich, die Menschenleere zu beleben, auch die Hinweisschilder auf eine nicht näher benannte Ausstellung in der Kirche verführen angesichts der drückenden Atmosphäre nicht zu Unternehmungslust.
Einziger Lebenspunkt auf diesem Berg ist die Gärtnerei-Pension Rütt, deren jovialer Eigentümer alles über jeden weiß, und dies gerne teilt – ein Besuch dauert mindestens eine Stunde, unabängig davon, ob man von den welken Blumen kauft oder nicht.
Das sogenannte Zentrum, eine verkehrs- und auch sonst beruhigte (ich vermute Lithium) Zone auf halber Höhe, beherbergt 3 Arztpraxen, eine Apotheke und eine Sparkasse, was beige angeschlagene Senioren eben so brauchen.

Früher, in den goldenen Zeiten als stolzer Luftkurort, konnte Kyllburg neben dem Kurhotel zwei grandiose Konditoreien aufweisen (eine davon hieß Deckert), drei Haushaltswarengeschäfte mit großer Auswahl auch an edlem Porzellan, ein Schreibwarengeschäft Atzorn, einen Juwelier Mares, ein Andenken-, Uhren- und Schmuckgeschäft namens Quirin, drei Blumenläden, eine Fahrschule Barth, sogar ein Kino, mehrere Kneipen, Bars und Restaurants voller Leben.
Heute steht all dies leer, ist teilweise zugenagelt, die ehemalige Grundschule mit Burgrest ist ein Asylbewerberheim, an der neuen Schule dagegen wurde soeben die Hauptschule geschlossen, nur die Grundschule atmet noch ungewisse Zukunft, in der einen Konditorei gibt es jetzt Döner, die andere steht leer, und wenn der alte, über 90jährige Herr Quirin einen guten Tag hat, schließt er seinen Laden auf, und man kann Reste aus dem seit den 80er Jahren nicht mehr aufgefrischten oder nachbestellten Sortiment erwerben, Hüte oder Original 60er Armbanduhren für den Herren oder die Dame oder Ansichtskarten, die das Kurhotel und den Ort in voller Blüte zeigen, aus den 70ern.

Nähme man einen großen Bagger und kippte man die beiden Berge ins tiefe Kylltal, der Welt würde nichts fehlen.

(Als inoffizieller Beitrag zur Buchreihe “Öde Orte”, deren äußerst lesenwerter Beitrag “Bitburg” ich dringend empfehle. Bitburg ist die nächstübergeordnete Stadt zu Kyllburg)

Immer noch nix!

Wenn es nicht das Gegenteil davon wäre, dann wäre es schon beeindruckend, wie wenig ich dieser Tage denke oder fühle.
Da ist es ja schon fast ein Geschenk, der gewaltige Hexenschuß von Samstag, aua aua aua. Und dann die lustigen nebeneffekte, wenn man dann mal husten oder niesen muß, und es fährt einem in den Rücken. Naja, Hauptsache man spürt sich.

Generationsding

“Whoah, boah, Scooter!” sagt der kürzlich deutschlandweit entdeckte Jungautor, als er meine Wohnung betritt und das Bild sieht, und ich bin fassungslos.
Fassungslos, weil er unterstellt, daß ich tatsächlich so etwas Schlimmes in meiner Wohnung hängen hätte, oder fassunglos, weil das schließlich ich bin, vor 20 Jahren, oder eben das Bild, was mein damaliger Lover (sich) von mir gemacht hat, weißblondiert, blutjung, und mit Flügeln.
Schon eine gräßliche Hypothek, das Ding.

Oder es ist einfach ein Generationending, schließlich ist er bloß 2/3 so alt wie ich, und ich damit um die Hälfte älter als er, you do the math. Außerdem ist Glam im generationsübergreifenden Dialog viel besser als ich, ich tauge da nix.

Five fathoms deep?

‘That corpse you planted last year in your garden,
‘Has it begun to sprout? Will it bloom this year?
(T.S. Eliot, The Wasteland; Überschrift nach Shakespeares The Tempest)

Daß mein Vater tot ist, ist ja nichts neues, seit bald 26 Jahren.
Neu ist, daß ich das jede Woche träumen muß.
Wobei ich doch dann immer so viel zu tun habe, Straße fegen, Haus aufräumen, Garten bestellen (war der immer schon auf dem Hof der Nachbarn? Glaube nicht), daß ich mich nicht richtig drum kümmern kann.
Nervig auch, daß seine Leiche immer vom Wohnzimmertisch runter fiel, und ich ihn immer wieder hochheben mußte. Wobei, es war auch schön, ihn wiederzusehen und anzufassen,in seinem karierten kurzärmeligen Hemd, seine muskulösen gebräunten Arme, die breiten Schultern.

Und immerhin, zumindest meine Mutter scheint tief genug beerdigt, sie gibt Ruhe und spielt keine Hauptrollen in den Träumen.

Jedem Seins

Die einen kriegen Tinnitus, die anderen Allergie, Migräne oder Magen, ich kriege Lendenwirbel, wenn’s eng wird.
(Auftritt Mary Roos “Aufrecht gehn, aufrecht stehn, ich hab endlich gelernt, wenn ich fall, aufzustehn”)
Heute nachmittag wird sich das entscheiden – der Badminton-Platz ist für eine Doppelstunde gebucht – do or die. Entweder ruckelt sich alles zurecht, oder – Glammie, kommst du mich holen, zur Not? (Im Lager steht ne Sackkarre)

Broken Bicycles

Broken bicycles, old busted chains
With rusted handle bars, out in the rain
Somebody must have an orphanage for
All these things that nobody wants any more
September’s reminding July
It’s time to be saying goodbye
Summer is gone, but our love will remain
Like old broken bicycles out in the rain

Broken bicycles, don’t tell my folks
There’s all those playing cards pinned to the spokes
Laid down like skeletons out on the lawn
The wheels won’t turn when the other has gone
The seasons can turn on a dime
Somehow I forget every time
For all the things that you’ve given me will always stay
Broken, but I’ll never throw them away
(Lyrics: Tom Waits, best Version by Agnes Bernelle)

(Hatte heute unabsichtlich einen kleinen Vergangenheitstag und fühle mich etwas ziemlich etwas ein wenig verloren. Was man mal war, wer man nun ist, Sie wissen schon.)