Archiv für den Autor: luckystrike

Jonglage mit Keulen und Beule

Ich habe ein Dilemma: Wie alle ordentlichen Berliner oder wenigstens Kreuzberger habe ich eine heftige Abneigung gegen alle Menschen, die mir an der Ampel irgendwas andrehen wollen, also Scheiben wischen, Jonglage, Clownseinlage, whatever. Einem ehemaligen Angestellten habe ich, als er seine Stunden zugunsten einer Artistenschule reduzieren wollte, auf die Fresse angedroht, sollte ich ihn jemals an einer Ampel bei Mätzchen erwischen.

Nun steht an der Ampel irgendwo Ecke Gitschiner immer so ein Spanier mit bunten Klamotten und langen Haaren, und er lächelt immer ganz freundlich und unbedarft wie frisch vom Strand, wenn ich ihn beim Geldeinsammeln angnatze, so daß ich mich dann immer etwas schämen muß wegen eigener Verhärmtheit.

Gestern sichtete ich beim konsequenten an-der-Jonglage-vorbei-Gnatzen allerdings eine beachtliche Beule an dem jungen Mann, komplett mit eindeutigem Schwanzabdruck, und ich hatte eine durchaus gut unterhaltene Rotphase.

Mein Dilemma: gebe ich dem jungen Mann ab jetzt einen Euro für seine Beule, auch wenn ich das mit der Jonglage nicht unterstützen kann und möchte? Und wenn ja, ist das dann sexistisch?

When the Battle’s lost and won

Es ist ja nicht so, daß nichts passieren würde, nur weil hier nichts erscheint. Letztes Wochenende, ja, das schöne lange, habe ich zum Beispiel platt auf dem Sofa gelegen und meinen Herpes am Mund und meine Erschöpfung gepflegt, die ich wahrscheinlich beide mental von einem CEO und einem COO bekommen habe, deren Namen lustigerweise auch nur 2 ‘e’s als Vokale haben und sich so ähnlich anhören wie eben Herpes. Wer weiß, in welcher Branche ich arbeite, kann also jetzt lustig Namensraten spielen

So manch gewonnene Schlacht fordert eben doch ihren Tribut, und sei es in Form von Bläschen am Mund. Der Triumph aber, auf den bin ich besonders stolz, denn die Herren wollten uns im Zuge ihres erbitterten Konzerntalibanismus als Kollateralschaden in ihrem Kampf gegen einen (ebenso erbitterten) Feindeskonzern von unserem angestammten Platz fegen (es ist ein erbärmlicher Bauklötzchenkrieg zweier gar nicht mal so alter Männer, die ehemals Partner waren). Solche kleinen souveränen Siege im Sinne von “Überholen ohne Einzuholen” oder “ganz Gallien? Nein! Ein kleines gallisches Dorf…” sind mir eh die liebsten.

Viel viel viel Geld, sagte der CEO, habe er in die Hand genommen, um “klare Fakten” an jenem Standort zu schaffen, und sich das tolle Geschäft an Land zu ziehen, und gleich die “verlängerten Arme des gegnerischen Schurken” mit auszureißen. Kann man machen, oder wenigstens versuchen, aber wenn man schon die Katze im Sack kauft, sollte man zumindest den Sack mal anheben, ob er dann ein wenig was wiegt oder zumindest Miez Miez sagt. Gekauft hat er sich einen Haufen extrem unwilliger Kooperationspartner und viel heiße Luft, denn die Hälfte des gedachten Geschäfts hatte sich in der Woche zuvor verflüchtigt, was ich wußte, er aber anscheinend nicht. Geht halt nichts über verläßliche Quellen von drinnen. Mal sehen, wie er das seinen amerikanischen Geldgebern, Weltmarktführern, verkauft.

Kooperativ wie ich nun einmal bin, räumte ich das verlorene Terrain, und installierte uns – im wörtlichen Sinne – genau anderthalb Meter weiter am nächsten Fenster. Gute vertrauensvolle Zusammenarbeit, langjähriges Vertrauen und eine gewisse gemeinsame Abneigung gegen Konzernmackereien von vielen guten Patnern und Freunden machen aus dem großen Vernichtungskrieg so eine kleine Eulenspiegelei, die nicht nur mir äußerste Genugtuung bereitet. Man muß eben sein Terrain und seine Verbündeten kennen, dann kann man auch ohne Panzer bedeutende Siege erreichen.

Hätte der COO das gewußt, hätte er sich den überaus peinlichen Macker-Auftritt bei meinem Verbündeten ersparen können, in dem er sie vor die Tür setzen wollte, ohne zu wisen, daß es eher ihre Tür statt seiner war. Aber manche Leute lernen nur so (vielleicht).

Leider, leider hat sich der CEO seitdem nicht mehr gemeldet, sonst hätte ich ihm nur zu gern seinen guten Rat mit Dank zurückgegeben, als ich anmerkte, daß ich an dem Standort emotional sehr hänge, und er meinte, daß wir ja beide Geschäftsmänner seien und daß da dann Gefühle nicht so eine große Rolle spielen sollten.

Jedenfalls, immer wenn ich mal vor Ort bin, begrüßen mich etliche Menschen mit Umarmung und so viel wie sie mit mir auf dem Hof rauchen wollen, kann selbst ich nicht. CEO und COO hingegen, wenn sie stolz ihren neuen Standort besichtigen wollen, werden leider leider immer ein wenig einen bitteren Geschmack hinten im Mund haben, weil sie jedes einzige Mal immer ein wenig kotzen werden. Ick freumer.

Ein Nachspiel wird das Ganze wohl auch noch haben: im Zuge der Absicherung mußte ich mit vielen vielen Menschen kommunizieren, unter anderem mit einem zentralen Kunden des freundlichen Konzerns. Die haben dort schon sehr sehr lange die Schnauze voll und kommen nächste Woche mal vorbei – sie können gar nicht nachvollziehen, warum sie nicht schon längst mit uns statt mit denen arbeiten. Wenn das auch noch klappt, werde ich zwar jedesmal überprüfen müssen, ob auch alle Radmuttern fest sind, wenn ich ins Auto steige, aber:  die Samthandschuhe sind abgelegt, aber auch bei mir.

Leseempfehlung Häuserkampf: Stadt als Beute

Ein sehr ausführlich recherchiertes Dossier zum Ferienwohnungsmarkt im Tagesspiegel. Sehr informativ und erschreckend, es ist alles noch fieser als ich dachte.

Naiv war ich wohl auch, bisher war ich hin- und hergerissen, weil ich dachte, ein paar Leute haben eben ein paar Wohnungen und es bleibt aber mehr der weniger ein ärgerliches Privatphänomen, aber daß dahinter eine echte fiese Aufkauf-, und Entmiet- Investmentindustrie steckt, schockiert mich zutiefst.

Stadt als Beute.

Hello Gorgeous!

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(Wie gut, daß ich den blühfaulen Blauregen vorletztes Jahr ganz hartherzig ersetzt habe – wer keine Miete zahlt, fliegt!)

Wann hast du das das letzte Mal erlebt, daß du nach acht Stunden Rackerei so zufrieden und mit Erfolgserlebnis auf das schauen kannst, was du getan hast? frage ich Freundin I., als wir mit wehen Knien und schmerzenden Rücken beim Bier in der letzten Abendsonne sitzen, verschwitzt und von oben bis unten mit Sandboden bedeckt.

Sie hat sich ein 400-qm-Grundstück mit klitzekleinem Häuschen im Umland am Waldrand gekauft, und nachdem die 3 Blautannen und die 3 Meter hohe Thujahecke gerodet waren, die nicht einen Sonnenstrahl auf den Boden ließen, war sie nicht nur leicht erschreckt über die Steppe, die sie sich da angeschafft hat, und sie war nicht nur leicht überfordert damit, sich gärtnerisches Wissen im Internet anzulesen.

Leichtfertig zugesagt, ihr den Garten zu planen, war ich dann auch nciht nur leicht überfordert damit, der Wüste eine Struktur zu geben. Die fast 50 gekauften Bäumchen und Sträucher sahen noch so einem kleinen Tropfen auf heißen Stein als, wie sie nach der Lieferung hinter dem Haus zusammenkauerten.

Acht Stunde später sind alle versenkt und ganz ganz leicht läßt sich jetzt erahnen, wie es werden wird – das große Staudenbeet kommt dann Ende Mai.

(Und eigentlich war das das Letzte, was ich mir für einen Samstag nach zwei kreuzbrecherischen Wochen Feldherrenwochen im Job gewünscht hatte, aber es war gleichzeitig auch das Beste, was ich mir antun konnte.)

Halbleer, halbvoll, neu

Seit ungefähr August prophezeite ich diesem rundum als grauenhaft empfundenen Jahr 2014, daß es zum Ende in eine stabile Plastiktüte gestopft und noch mal ordentlich drauf geschissen wird, dann ein paar schwere Wackersteine drauf, Plastiktüte ordentlich fest zugebunden und dann an der tiefsten Stelle der Spree versenkt werden wird.

Einerseits.

Andererseits, der Brustkrebs der Schwester war wohl die Luxusvariante, schon bei der OP hat man scheints alles erwischt, und die quälende Chemo und die Bestrahlungen seien nur rein prophylaktisch. Für eine Prophylaxe eine lange und miese Strecke, 10 Monate alles in allem, aber die Untersuchungen finden: nichts. Bald ist sie auch mit den Bestrahlungen durch, und unter ihrer künstlichen braunen Haarmütze sprießt schon weder erster graumelierter Babyflaum.

Das unsäglich anstrengede Jahr auf Arbeit, maßgeblich bedingt durch die nicht funktionierende Softwarelöung  (sagt man da echt “Lösung” zum Problem?) von einem der weltgrößten Anbieter – immerhin am Ende größtmögliche Anerkennung durch den Kundenpartner, nicht nur durch Worte, sondern auch in einem fetten Geldgeschenk an die Firma als “Aufwandsentschädigung.”

Von Liebe oder so sei hier mal keine Rede, weil das Ganze in 2014 auch eh fast gar kein Thema war.

Es ist kein neuer Gedanke: am Ende bzw. eigentlich immer, auch zwischendurch, kann man es sich aussuchen, war es jetzt schlimm, oder ist es eigentlich noch ganz glimpflich (schönes Wort!) ausgegangen, hätte alles nicht noch schlimmer kommen können, und hat man auf der Strecke nicht letztendlich auch Schönes erfahren oder gegeben und sollte ein Stückchen dankbar sein? Wo kommt das Böse her, und wozu ist es gut? (sic)

Natürlich ist so ein versöhnlicher Rücklick auch ein Stück Selbstbetrug, aber ich freue mich immer auf die ersten Tage des neuen Jahres, wenn es noch so ganz unbefleckt und rein vor einem liegt wie eine frisch zugeschneite Landschaft, man noch ganz naiv Gutes erhofft, bis dann wieder jemand in den Schnee pißt und überhaupt das Ganze eh wieder zu bräunlichem Matsch wird. Lassen Sie mir doch die paar Tage/Stunden Hoffnung.

Kostenlos, aber nicht umsonst

Schon länger bei der Frau Koma und dem Grafen in Arbeit, bin ich jetzt sozusagen auch ein e-published author.  Und schön haben sie es gemacht!

In den Tiefen der Blogs kann man hier kostenfrei, aber nicht umsonst herunterladen, machense das doch einfach. Heute billig, morgen teuer! Hier die Beschreibung der Herausgeber:

“Es werden Gräber gegraben, Joints gebaut und Ateliers verwüstet. Liebe, Geburt und Tod kommen vor. Väter, Mütter und Großmütter treten auf. Gartenzwerge spielen eine geheimnisvolle Rolle. Man gedenkt früherer Zeiten, guten und schlechten, erfindet aus Zufall bahnbrechendes, wandert aus oder spaziert einfach nur am Strand entlang.
Das Buch vereint Blogartikel, die als Kurzgeschichten für sich stehen können und entführt die Lesenden per Link in die Blogs zu weiteren Entdeckungen.
Wir stellen es zunächst als kostenlosen Download zur Verfügung und freuen uns über reges Interesse.”

Und ich bin in bester Gesellschaft: Cabman, Frau Casino, docbuelle, engl, fragmente, Andreas Glumm, Heartcore, Frau Indica, Felix Schwenzel, Journelle, Kaltmamsell, Katiza, Barbara A. Lehner, Lucky, Markus Pfeifer, Modeste, Rosmarin, Sebastian Rogler, Wortschnittchen

Und das mit dem Grab war natürlich ich. Und ja, ich sollte. Und nein, der zukünftige Bewohner war schon tot. (Sie werden übrigens beim Link klicken feststellen, daß einige der Blogs mittlwerweile verstorben oder untot sind. Das kommt, wenn so ein Projekt einige Zeit liegt, schnelllebige Zeit heute und so…)

Viel Spaß damit zwischen den Jahren!

All I Want for Christmas

Und, was wünschst du dir denn zu Weihnachten, fragte ich meine Mutter zu Lebzeiten jährlich. Die Antwort war immer die selbe:
“Einen lieben Jungen!”, womit sie meinte, daß ich mal endlich brav werden sollte. Wobei ich brav bis zur Gefallsucht war, schon immer gewesen, aber man mußte sich bei ihr ja auch immer übers Maß hinaus wehren, zur Not bis aufs Blut.

Nach dem Coming Out und besonders in den letzten Jahren drehte ich es einfach um, wenn Sie mich so ab Anfang Oktober wöchentlich nach meinen Weihnachtswünschen fragte:
“Einen lieben Jungen!”, womit ich aber einen ganzen Kerl meinte.
Und wehren würde ich mich auch kaum.

Guter Tag

Donnerstag war ein großartiger Tag – das Schlimmste das für mich für mich extem frühe Aufstehen – da war ich aber selbst schuld dran, und die oberen Herrschaften von S*P hatten es deutlich schwerer getroffen, mußten sie doch wegen der Anreise noch sehr viel früher aufstehen, denn der Termin mußte in die Früh vorverlegt werden, weil Herr Strike einen unglaublich wichtigen, unaufschiebbaren Termin mitten am Vormittag hatte.

Die Sitzung dann ein Triumph, ein Fanal – Monate schlimmsten Stresses und Überforderung, weil man bei Updates und Umstellung eines der Produkte sehr sehr alleine gelassen wurde, sowohl vom Anbieter wie auch vom Auftraggeber. Passend zum sonstigen Gehabe das Aufgebot von S*P, deren Geschäftsmodell im Wesentlichen daraus besteht, kleinere tüchtige Anbieter aufzukaufen, das Produkt dann so zu beschneiden, daß es auf die Stange paßt, und natürlich beschäftigt man die aufgekauften Chefs noch 3-5 Jahre weiter, damit die Kunden nicht gleich weg laufen. Dementsprechend das Aufgebot: der ehemalige Chef als entmachteter Winkeonkel, eine verängstigte Support-Maus und obendrauf einen Marketingchef, der sich bei der Selbstvorstellung schon mal gleich in die vollsten Nesseln setzt, indem er von den verschiedenen “Industrien” des Konzerns spricht, und das vor einem Kulturanbieter aus der ersten Reihe. Selbstverständlich hat er keinerlei Ahnung vom (äußerst desolaten) Stand des Projekts, hofft aber weitere Produkte an den Mann/Frau bringen zu können.

Was folgt, ein Clash der Kulturen, Konzernsprech und Realitätsverlust gegen die sehr konkreten Probleme und Anforderungen eines Kunden, mit viel Gusto darf ich die manngifaltigen Probleme und Unglaublichkeiten ausbreiten und bekomme vom Auftraggeber zum ersten Mal in einer Mischung aus Fassungs- und Schonungslosigkeit den Rücken gestärkt – ein Triumph, persönlich, und eine gewisse Genugtuung nach wirklich schlimmen Monaten.

Leider leider muß der Herr Strike nun vorschnell weiter auf seinen wichtigen unumstößlichen Termin, überläßt die Runde dem Trümmer sortieren und fährt genüßlich zum – Badminton.
Ein großartiger Tag.

Abends dann ein herzensrührender Termin der anderen Sorte:  Die Therapeutin der Herzen hat großartigerweise binnen zwei Tage einen Termin finden können, um den Lucky wieder in den Kreis ihrer Betreuten aufnehmen zu können, der sie angerufen hat, nachdem er über 2 Stunden an seinem Schreibtisch gesessen hat, regungslos und beide Hände flach auf der Tischplatte, während in ihm ein unbezwingbarer Sturm tobte. Es kündigt sich seit Wochen, Monaten an, history repeating, 2014 recalling 2006, Burnout, Depressionen, prinzipiell: arbeitsunfähig. Und: lebensunfähig.

Mir stehen die Tränen in den Augen, als ich die Stimme wieder höre, sie wieder sehe, die mir auch nach Abschluß der Therapie als Heidi in Kopf und Herzen immer wieder sehr geholfen hat, und auch sie verdrückt ein Tränchen: “Herr Lucky, ich weiß das hört sich jetzt ganz schlimm und falsch an, aber ich habe mich so gefreut, als ich Ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter gehört habe, und daß ich sie heute sehe, obwohl ich natürlich auch sehr traurig bin, daß es Ihnen dann wohl nicht gut geht – Sehen Sie mal, da steht noch Ihre Orchidee, die blüht immer wieder, und das da (sie zeigt auf einen verwaisten Pott, in dem ich ihr einmal eine Amaryllis, glaube ich, geschenkt habe) ist auch noch da. Setzen Sie sich . was ist denn passiert?”