Walking with Kate

Wenn Kate Bush eine neue Platte herausbringt, ist es ja nun nicht damit gehalten, das Ding zu rippen und so nebenher zu hören, das muß man schon entsprechend würdigen.
Freitag abend, nach einer emotional mistigen Woche, war nicht die Stimmung und überhaupt, auf dem Sofa war auch nicht richtig.
Also grade raus in die Dunkelheit, Far from the Madd(en)ing Crowd, und ans Wasser, in die frühe Nacht am späten Nachmittag. Hier meine Kate-Walk-Empfehlung:

Am Schleusenufer, kurz vorm Minki, 50 Words for Snow starten, und dann am Club der Visionäre vorbei in die Gasse mit den roten Freilufthängelampen in der Arena.
Die ersten drei Lieder der Platte sind schwer zugänglich, Hmhpf, schwer ist das falscheste Wort, sie sind leicht, federleicht, schneeleicht, sie glitzern, kühl hingetupft im Wind.

The World is so loud. Keep falling, I’ll find you.

Kate hat recht, laute amerikanische und spanische Touristen mit Blitzlichtkameras stören, also die Musik neu starten. Keep falling, I’ll find you.

Hinter der Hoppetosse, am nachtschwarzen Ufer, verschwinden die Menschen. Der Himmel ist hoch und dunkel und bietet gerade genug Platz für die sparsame Instrumentierung, die hingetupften Vocals. Ab und zu blinkt ein Licht vom Ufer gegenüber auf dem Wasser. Little brown jug how I love thee, grüßt ein Klavierakkord aus Kates Aerial, der Sommerschwester von 50 Words, herüber, und verbindet den Knabensopran ihres Sohnes in Snowflake mit dem Gedenken an ihre Mutter in A Coral Room.

Wenn man Glück hat unter der furchterregenden finsteren Elsenbrücke, kommt gerade ein Schiff vorbei, so daß die Wellen unter dem Ufersteig in Lake Tahoe, das zweite Lied, gemischt werden. Leicht erschreckt, als ich feststelle, daß das gar nicht zu dem Song über die porzellanpuppenhafte Leiche in dem kalten See gehört – die Lieder sind so filigran und offen, daß Umgebungsgeräusche ganz einfach mitklingen können.

Ach, wäre es doch noch kälter, aber die klirrenden flirrenden Lichter auf dem Wasser, von Stralau vom anderen Ufer her illuminieren Misty auf beste. Ich liebe es wie sich der Wild Man des folgenden Liedes in den Klängen der Gambe oder Gitarre (?) schon ankündigt

They call you an animal, the Kangchenjunga Demon. Die Leute vergessen vor lauter Ehrfurcht vor der Legende fast immer, was für einen Humor Kate Bush besitzt, einen manchmal groben (This sense of humour of mine / it isn’t funny at all) und wie herzhaft ihre Lache ist, und von daher paßt es, daß Wild Man einsetzt, als ich am Gasthaus Zenner (um diese Jahreszeit gottseidank menschenleer und ohne Tanztee) vorbei die steile Brücke der Insel der Jugend erklimme, als ob es ein tibetanisches Kloster wäre.

Von der Insel der Jugend mit (passendem) Blick auf die Liebesinsel und den Kratzbruch (!) macht sogar Elton John einen guten Job in Snowed in at Bleecker Street. Es hätte vielleicht sympathischere Partner für das Duett gegeben, aber irgendwie macht es vielleicht auch Sinn.

Zeit für den Rückweg – in 50 Words for Snow treibt Kate Stephen Fry an, 50 Wörter für Schnee zu finden, und er gibt sich redlich Mühe – Come an man, you’ve got 44 to go! – der auch fürs Gehen treibende Rhythmus erinnert verwickelt an The Sensual World, und man kann sich vorstellen, wie die beiden am Boden gelegen haben vor Lachen bei der Aufnahme: Icyskidski! Whippoccino! Shnamistoflopp’n! Shimmerglisten!

Among Angels schließlich gönnt einem ein bißchen Wärme, im Ton und im Text: I can see Angels standing around you / they shimmer like Mirrors in Summer, und so tun die zunehmenden Lichter von Stralau auf dem Wasser auch gut auf dem Rückweg. Bleiben Sie ruhig noch ein wenig stehen am Ufer und lassen Sie das Lied ausklingen, bevor sie – die Platte ist jetzt zu Ende – sich ein paar Songs für den Rest Weg aussuchen.

Mit noch einmal Among Angels nähere ich mich der Zivilisation, und im Soundtrack hört sich der rauschende Verkehr an, als fahre er durch Schneematsch.
Bleiben sie auf der Schleusenecke stehen, diekt an der rechten Schleuse steht abends immer ein Reiher, den Sie nicht sehen, wenn sie nur eben vorbeigehen. Heute abend aber, Sie werden es nicht glauben, taucht von links ein Fuchs (I found a Fox, caught by Dogs) hinter der Hütte auf, läuft über den Steg, der Reiher schreckt auf und fliegt zur Mitte, während der Fuchs (not caught by Dogs) unter der Brücke weg seinen Geschäften nachgeht.

The World is so loud. Keep falling, and I’ll find you.

2 Gedanken zu „Walking with Kate

  1. schneck08

    Arghh! Schön! Ich mag solche Verknüpfungen von Musik mit Gegend, dafür ist Gegend ja schließlich gemacht. Das blöde bei mir nur: Sollte ich mir wirklich ZWEI Katebushplatten in EINEM Jahr kaufen sollen? /Ich denk’ noch drüber nach.

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  2. luckystrike

    REPLY:
    Und falls Ms. Bush nächstes Jahr auf die Idee kommt JEDE WOCHE eine Platte rauszubringen, dann auch!
    (und kostet ja auch nur zwei marillen, obendrein, und hält länger!)

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