Na, doll.

Ich bin ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Das muß man wohl so stehen lassen, das denkt jeder und das kann man sehen. Eine Firma mit bald fast 50 Mitarbeitern, noch etwas mehr Kunden, und die größte der Region in dieser Branche. Zugegeben, das war nicht geplant, ein Zufall ist es aber auch nicht.

Schade nur, daß davon so wenig bei mir selbst ankommt. Erfolgreich – das fühle ich nicht, wenn ich so dermaßen unter Druck stehe und jeden Tag mit (teil überflüssigen, teils nicht überflüssigen) Befürchtungen ins Büro gehe, Anspannungen, die mir morgens schon ein steifes Genick mit damit einhergehenden Kopfschmerzen verschaffen. Chronische Rückenschmerzen sowieso.

Geschäftsmann – das bin ich nicht. Eigentlich nicht. Nichts in meiner Ausbildung, durch die ich mich so vortrefflich durchgeschummelt habe und die eh nichts mit meinem Beruf zu tun hat, hat mich darauf vorbereitet. Gut, ich kann seit Jahren vor mich hin experimentieren und tue anscheinend instinktiv oft das Richtige, aus dem Bauch heraus.
Meine Verhandlungsmethoden entstammen der Position des Schwächeren, der sein Handicap durch umso längeren Langmut und Gewitztheit ausgleichen muß. Das mag der hohe Weg sein, er ist auf jeden Fall aber auch unglaublich anstrengend und ohne Netz und doppelten Boden.

Bis vor einigen Jahren paßte das auch so, oder besser, ich dachte das müßte so sein, aber seit einiger Zeit nicht mehr. In all den Jahren kannte ich keine oder wenig Rücksicht auf mich, ließ mein eigenes Leben zurückstehen zugunsten der Arbeit, und versuche jetzt mühsam, Stück für Stückchen wieder ein eigenes Leben aufzubauen, beziehungsweise erst einmal herauszufinden, was das denn eigentlich ist. Grundsätzlich und minütlich will man nichts als raus aus dem Hamsterrad.
Wünsche finden ist schwer, und wenn man dann einen gefunden hat, dann ist es furchtbar zu sehen, daß man im Hamsterrad verbleiben muß, um sich den einen Wunsch zu erfüllen. Was den Druck nicht gerade mindert.

15 Gedanken zu „Na, doll.

  1. fragmente

    Zunächst: ich bewundere Sie sehr: Sie leiten ein erfolgreiches Unternehmen, Sie geben Menschen Arbeit – ich finde das (und Sie sowieso) großartig.

    Ferndiagnosen sind ja immer besonders leicht. Ich traue mich mal, eine Frage in den Raum zu werfen, und hoffe, Sie verzeihen mir, falls ich Ihnen zu nahe treten sollte:

    Delegieren Sie genug?

    Jeder Kapitän braucht einen ersten Offizier. Wer ist Ihrer?

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  2. timanfaya

    http://www.indeaap.com/de/wie.php

    der mann auf dem bild war früher ein irgendwas-manager bei einem fernsehsender. als ich mich mit ihm darüber unterhielt wie er zu seiner kleinen pension gekommen sei meinte er, dass es von jahr zu jahr immer mehr, immer größer und immer belastender wurde. dabei sei er gar kein manager. und habe schließlich alles hinter sich gelassen.

    ich finde beides beachtlich, das erreichen und das loslassen. ich habe zwar nicht mal im ansatz so viele mitarbeiter, kann aber das thema gut nachvollziehen. ich werde nicht loslassen, beschäftige mich aber schon seit längerem damit, wie man alles so umstrickt, dass man nicht unersetzlich ist und so verrückte dinge machen kann wie “spontan ein paar tage frei nehmen”. das projekt habe ich auf zehn jahre ausgelegt. mal schaun …

    frau fragmente hat übrigens sehr recht. man muß sich die brücke teilen, sonst nützt das beste schiff nichts. andererseits: wir teilen sie erfolgreich zu dritt – und es reicht trotzdem nicht.

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  3. spango (Gast)

    Naja, doll ist das schon, was Sie da leisten und geleistet haben.
    Die Atmosphäre in ihrem Hamsterrad wage ich kaum einzuschätzen. Manchmal ist es schwer zu beurteilen, was man investiert und was man letztlich für sich herausbekommt. Gerade, wenn man mittendrin ist und die vermeintlich ungeschäftigen Schultern so ne Masse stemmen.
    Das meine ich jetzt nicht ökonomisch, sondern menschlich. Ihr Laden versprüht zumindest viel Menschlichkeit. Mehr kann ich dazu nicht sagen, Spango übernimmt nicht soviel Verantwortung. Egal wie Sie sich entscheiden, bin ich mir sicher, dass Sie so oder so noch ne Menge leisten werden. In dem Bereich, der zählt,

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  4. timanfaya

    REPLY:
    genau das thema hatte ich gestern mit einem meiner partner. das geld, was da am ende hinten raus kommt [man kann nicht klagen] im vergleich zu zwei super völlig total megaüberflüssigen technischen leitern, die wir vorher bei einer besprechung vor uns hatten und uns mit ihrer 9to5 energie zu tode genervt haben …

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  5. blogger.de:gedankengebaeude

    REPLY:
    Frau Fragmente spricht mir aus dem Bauch. Genau das war mein erster Gedanke. Das Problem bleibt aber doch meist die Umsetzung. Das kenne ich aus eigener Erfahrung mehr als genug. Seine eigenen, ungesunden Verhaltensmuster zu durchbrechen und vor allem herauszufinden, wodurch man sie erfolgreich ersetzen soll, das muss man erst mühsam lernen und dann auch noch langfristig etablieren… und zeitweilig verliert man den Glauben daran, es könne einem dauerhaft gelingen.

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  6. luckystrike

    REPLY:
    s.o. – es sind jetzt eben 6 angespannte, statt einem, der komplett unter Wasser ist…
    Genau solche Phantasien wie ihr Beispiel habe ich auch, nur konnte ich leider nicht so viel beiseite schaffen wie der glückliche Mann – viel Belastung und Geld, über das ein mittlerer leitender Bankangestellter herzlich lachen würde.

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  7. luckystrike

    REPLY:
    Da stimme ich Ihnen gerne zu, ich bin schon sehr stolz darauf, einen solchen Laden zu haben, in dem die Atmosphäre stimmt, wo fast jeder fast immer gerne zur Arbeit kommt, und ich bekomme unglaublich viel Liebe, Respekt und Unterstützung von meinen Leutchen.
    Das kostet allerdings auch, und zwar nicht nur Geld (reich wird bei uns keiner, die Branche ist keine Goldgrube).

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  8. luckystrike

    REPLY:
    Vielen Dank für die Komplimente!
    Oh ja, Delegiere konnte ich früher gar nicht, das mußte ich aber 2006 zwangsweise durch meinen Burnout lernen. Damals hatte ich so ein bissel Hilfe von Kollegen, heute habe ich 5 Assistenten, die ganz winderbar sind, und mit vielen Abläufen gar nichts mehr zu tun. Leider habe ich mich damit auch aus den kleinen Tätigkeiten verabschiedet, die auch so schön beruhigend sein können, und muß fast nur noch solche erledigen, die zum Kotzen sind. Aber das Delegieren habeich auch nur mit Hilfe einer Therapie geschafft, die mich aus dem Schlimmsten herausgeführt hat und mir ein paar neue Verhaltensmuster lernen ließ. Allein, der – wahre und wahrgenommene – Druck, der blieb mir.

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  9. luckystrike

    REPLY:
    [man kann nicht klagen] so kann man es sagen – allerdings müßte mach 13 Jahren Aufbauarbeit hinten wesentlich mehr hängen bleiben… Der einzige Luxus, an dem mir liegt, ist eine (gar nicht mal so teure) schöne Wohnung mit schön bepflanzter Terrasse, und alles was man lecker essen, trinken und rauchen kann.

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  10. timanfaya

    REPLY:
    heute morgen dran gedacht, als ich vom nicht geknackten jackpot der letzten woche hörte. 27 mio. euro. und ich hätte nur geringe persönliche verwendung dafür …

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  11. timanfaya

    REPLY:
    … es gibt so viele beschissene jobs und chefs – ich finde, da kann man sehr zu recht stolz drauf sein. das geld ist da wirklich relativ zweitrangig. da schaue ich mir lieber unseren krankenstand an, der im prinzip bei null liegt. und das hat nichts mit künstlichem druck sondern mit verantwortung am gesamten und freude an der arbeit zu tun. zufriedene menschen werden seltener krank. unbezahlbar.

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