Die Markthalle des abgefahrenen Zugs

“Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!”
(Vorschlag für eine Inschrift über dem Eingang)

Ihnen gehts gut? Schon wieder dieses optimistische Wird-schon-alles-werden-Gefühl?

Das läßt sich ändern, machen Sie doch einmal einen kleinen Ausflug nach Kreuzberg, in die Eisenbahnstraße, zur gleichnamigen Eisenbahnmarkthalle. Eine Prise Verfall schnuppern, aber nicht im Sinne großartiger Romantik verfallener Industrieruinen oder überwucherter alter Friedhöfe, sondern ein Verfall, der nach Haldol, schlechten Zähnen, Altkleidern und aufgegebenem Leben riecht. Und sie werden verstehen warum eine Depression auch im wirtschaftlichen Sinn eben Depression heißt.

Bis vor sieben Jahren wohnte ich in der Muskauer Straße, und ich kann mich gut erinnern, mit welch argwöhnischen Blicken dort beobachtet wurde, wie die hübschen Altbauten renoviert und etwas über sonstigem Preisniveau vermietet oder verkauft wurden. Up and Coming und gar hübsch und liebevoll ist nicht wirklich gern gesehen in Kreuzberg, geworfene Farbbeutel waren die Antwort. Nun, diese Sorgen muß man sich heute nicht mehr machen.

Damals gab es in der Markthalle zeitweise 3 Bäcker, 3 Metzger, mehrere Biostände, eine Änderungsschneiderei, zwei Feinkoststände. Natürlich unterschiedlichen Niveaus, aber man konnte seinen Wochenendeinkauf dort wirklich erledigen, jedenfalls, wenn man seinen Arsch samstags vor 13 Uhr aus dem Bett bekam.
Es gab Feinkost Sahili, mit wirklich tollem Angebot an Leckereien, und viele davon waren auch tatsächlich frisch, ein reizender türkischer Familienbetrieb. Der andere hatte einen immer alten etwas griebigen Besitzer, und die Kost war auch nicht wirklich fein. Ein Wurstwarenstand hatte nur geräuchertes und haltbares im Angebot, dafür aber eine Verkäuferin, die original an Siw Malmkwist in den 60ern erinnerte, über Lidstrich verfügte und einen sweeten schüchternen französischen Akzent hatte.
Die Fischfrau am Fischstand litt an schweren Depressionen und bewegte sich hinter ihrem Tresen immer wie unter Wasser, ihr Mann mit dem hochroten Gesicht sah aus wie ein Metzger. Gibt es eigentlich auch Fischmetzger? Aber an dem frischen Thunfisch kam ich nie vorbei.

Heute gibt es dort noch einen Aldi, einen KiK (wahrscheinlich, damit die Kids sich dort auch mit “Deine Mudda klaut doch bei KiK” beschimpfen können, es soll ja an nichts fehlen.)
Und einen Drospa, der anmutet, als ob eine türkische Großfamilie ihn nach jahrelangem Geschlossensein einfach aufgebrochen hat, um die vorhandenen verstaubten Restbestände noch abzuverkaufen.
Ansonsten ist die Halle leer, die Stände sind geschlossen. Sogar die ALG2-Projekte, die als Zwischennutzer die Halle mit sogenannter Kunst und sogenannten Eigeninititativen aufwerten sollen, sind wieder eingegangen.

Die wenigen Geschäfte, die überlebt haben, haben das nur geschafft, weil sie sich aus der offensichtlich morbiden Luft der Markthalle gerade eben noch nach draußen geschleppt haben, die wirklich nette und gut sortierte und nicht mcdonaldisierte Videothek und ein griechischer Feinkostladen, der früher ganz hinten rechts war.
In den letzten Zuckungen kann man noch einen Schreibwarenladen besuchen, dessen gesamtes Inventar für zukünftige Filme und Ausstellungen beschlagnahmt werden sollte, bei denen es auf Original-Grußkarten, Schreibgerät und Büroartikel der 60er bis 80er Jahre ankommt. Und auf der Rückseite, in der Pücklerstraße, bietet immer noch dieser etwas penetrante Blumenhändler seine welke Ware an.

Ich glaube nicht, daß man sich über eine Gentrifizierung Kreuzbergs ernsthaft Sorgen machen muß, für jede Straße, die aufgemotzt wird, fällt hinten eine andere aus dem Raster. Und das finde ich gleichzeitig schlimm und auch gut so. Die Wrangelstraße wird immer häßlich, assig und dreckig bleiben, egal, wieviele schicke Firmen in der Schlesischen noch einziehen.

(Edit 2013: Es ist einiges dort passiert, und besonders am Freitag/Samstag soll ein Besuch lohnen.)

12 Gedanken zu „Die Markthalle des abgefahrenen Zugs

  1. walküre

    Solche Ecken gibt es auch in Wien, und zwar nicht auf einen bestimmten Bezirk konzentriert, sondern verteilt über die Stadt. In solche Gegenden gelange ich meist auf dem Weg von einer U-Bahn-Station zu einem bestimmten Ziel, wenn ich dieses nicht auf direktem Weg ansteuere (ich mache gern absichtlich kleinere Umwege), und Tage, Wochen später weiß ich manchmal nicht mehr, ob ich diese Gassen und Hinterhöfe mit den schäbigen Fassaden und blinden Fenstern nur geträumt oder sie tatsächlich gesehen habe. Und manchmal vermag mich ein solcher Anblick so sehr rühren und betroffen zu machen, dass mir das Wasser in die Augen steigt, weil er mir dermaßen deutlich die Vergänglichkeit der Dinge, die wir gemeinhin doch für so wichtig erachten, vor Augen führt …

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  2. luckystrike

    REPLY:
    Na der Fischstand ist ja nun nicht mehr, aber der Gestank ist geblieben. Und ja, der letzte Lebensrest schart sich um das Büdchen in der Mitte. Aber ich schätze, denen gehen auch bald die Deckel zum Anschreiben aus.

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  3. Modeste

    Ach ja. Und der Fischstand. Der Fischstand, der jahrelang als Sachwalter meiner Jodversorgung fungierte, und dann schloss, weil die Kreuzberger beschlossen, fürder nur noch Fischstäbchen zu essen.

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  4. NBerlin

    Oh ja ein trauriges Bild und ein noch schlimmerer Geruch in der Markthalle. Die einzigen Stammkunden scheinen dort die Säufer in der Vorhalle zu sein, aber gegen deren Geruch kommt auch nicht der Fischstand an.

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