Archiv für den Tag: 9. Juli 2008

Schutz-Rock oder: Balladenhandhabung

Leider erlebt man als Blogger ja manches schon gleich mit der Feder, oder besser, Tastatur im Kopf.
So gings Herrn Lucky und Herrn Ereignishorizont (i.R.) auch gestern, als sie auf freundliche Einladung der Veranstalter bei Alanis Morissette im Tempodrom waren.

Zuerst mal ist es ja eigentlich hocherstaunlich, daß jemand wie Alanis Morissette überhaupt eine so beachtliche Karriere hinlegt, Alben in Top 10s hat und große Venues füllt – so hochgradig neurotisch sie und ihre Texte sind, so unbequem die Musik oft ist, und außerdem, ist es nicht ein ungeschriebenes Gesetz, daß man keine Wörter mit mehr als 3 Silben für Lyrics verwendet? Ganz klar, das ist ein Grund, weswegen wir sie mögen, auch wenn ich nicht zur 1. Reihe Fans gehöre, aber der Mainstream, was soll der damit anfangen?

Im Tempodrom, welches mir übrigens so langsam ans Herz wächst, weil es ganz entspannte Konzerterlebnisse zuläßt, war das Publikum überraschend sehr gemischt, von allen Sorten etwas, Prolls und Intellektuelle, Jüngere, Ältere, Muttis und Teenies, Rocker und Müslis. Erstaunlich.
Und nur ganz wenig Schwule, es scheint doch immer noch eine Aversion gegen Gitarren mit dem Homo-Gen vrbunden zu sein.

Keine Frage, Miss Morissette bot ein richtiges Rock-Konzert. Sehr laut, sehr Gitarren- und Drumlastig, überraschend deshalb, weil man (oder ich) immer dachte, es geht in erster Linie um die komplizierten Texte. Dazu rockte Madame auch körperlich in vielleicht etwas zu engen T-Shirt und Jeans aufs Heftigste, wenn auch die Bewegungen ein wenig seltsam, hospitalistisch-autistisch (sehn’se, es geht schon los mit den langen Wörtern!) wirkten.

Ihre Stimme war live auch am Ende des Konzerts genau so wie auf den CDs, es zahlt sich halt doch aus, wenn man seine Musik selbst schreibt, nicht wie manche andere, die dann live Schiffbruch erleiden, wie diese Esther, beispielsweise.

Bei den Balladen fiel mir ihre seltsame Handhaltung auf, die linke Hand zur Faust geballt in die rechte Hand gepreßt, wobei der Daumen die linke streichelte. Immer. Grundsätzlich. Außer wenn sie die Hand vors Gesicht hielt, um sich vor zu nahen Handyfotos zu schutzen.

Das, und der Umstand, daß sie kaum ins Publikum schaute, legte bei uns beiden die Vermutung nahe, daß Alanis Morissette eigentlich gar nicht so gern unter Leuten ist.
Herr Ereignishorizont prägte darauf den Begriff Schutz-Rock für diese Art Musik, und wenn man es so richtig überlegt, war vielleicht der Moment, in dem Alanis sich minutenlang im Kreis drehte, ihre langen langen Haare um sie fliegend wie ein Kettenkarussell, der authentischste des ganzen Konzerts.

Ich glaube, Alanis spielt schon ganz gerne live, wenn nur nicht die ganzen Leute da wären, die ihr in die Seele gucken wollen, deswegen der monumentale Schutz-Rock und die Balladen-Handhabung.
Dafür hat sie es dann aber sehr schön gemacht. Thank U!