Archiv für den Tag: 12. April 2008

Meine Schinkendoris

Doris ist ja mein Lieblingsvorname. Doris Day, klar. Doris Kunstmann, die mich interessiert, auch wenn ich nicht weiß warum. (Auch wenn man die beiden wirklich nicht in einem Atemzug nennen sollte.) Ich hab sogar mal versucht, ein Buch von Frau Lessing zu lesen, nur weil die auch Doris mit Vornamen heißt. Tsk.

Hier soll es aber um Schinkendoris gehen, die meine sozusagen älteste Freundin ist. Insofern, als daß ich am ersten Schultag, angetan von ihrem süßen Äußeren, den langen braunen Haaren und den brauen Augen, beim Kampf um die Sitzplätze im Klassenraum den Platz neben ihr ergatterte, worauf sie heftig zu heulen begann, sie wollte natürlich nicht neben einem Jungen sitzen.

Schinkendoris wurde ihr Name, weil sie sich so sehr vor Schinken ekelte. Was zur Folge hatte, daß ich in der großen Pause gar lustige Hetzjagden mit ihr veranstaltete, ich mit meinem Schinkenpausenbrot, sie kreischend vornedran.
Ja, ich war ein wirklch ekelhaftes Kind.

Trotzdem wurden und blieben wir Freunde. Doris sprach immer mit atemloser, hoher, fast marilynesker Stimme, sie war immer schüchtern, empfindlich, zierlich, verletzt, ohne daß man wußte warum. Der Vater schwerer Alkoholiker, die Mutter sehr eindrucksvoll, mit ihrem dunkelschwarzen Beehive und den Kajal, den sie sich seit den 60ern bewahrt hatte.

Später dann, sie hieß dann nur noch Doris (ohne Schinken) hatte sie langjährige Beziehungen, lebte noch im Schulort und wurde so zu einer Art Heimatposten für mich. Bei den Besuchen ein- oder zweimal im Jahr sah man mehr, als sie selber sehen konnte. Sie bekam Schilddrüsenprobleme, später Epilepsie.
Repression macht krank, besonders Eigenrepression, würde ein Therapeut sagen.
Sie wurde ihrem Partner gegenüber unberechenbar, ohne daß der wußte warum.
Wer nie gelernt hat, sich zu streiten, zu seinem eigenen Willen zu stehen und Wünsche durchzusetzen, der kann nicht kämpfen, nicht absehen, wohin man schlagen darf und wie fest.
Nicht schön, wenn man nach einen epileptischen Anfall ein, zwei Tage in der Wohnung liegt, die man alleine bewohnt.

Als die Beziehung gesprengt war, stand sie Anfang 30 da, und hatte nie die Tanzschritte gelernt, die man braucht, wenn man einen Partner sucht. Mit so wenig Selbstbewußstein und einer so gespaltenen Selbstwahrnehmung war es leicht, Opfer diversester fieser und/oder alter Säcke zu werden. Und nein, niemand verdient es, von seinem Partner verprügelt zu werden, egal wofür. Niemals.
Immerhin lernte sie dann bei den Jüngern Oshos ein wenig über die Art und Kraft ihrer Sexualität, was ich zwar zweifelhaft fand, aber was solls, wenn es ihr nur nutzte.

Mittlerweile wohnt sie wieder bei ihren Eltern, hat ihr Lehramtsstudium beendet, Deutsch und Geschichte, ich möchte mir aber nicht vorstellen, wie sie vor eine Klasse tritt. Und wie die sie dann zerfetzt.

Gelegentlich ruft sie mich an, und ich verstehe sie kaum, sie spricht von den Leuten, die behaupten, sie sei eine Schlampe, aber daß sie sich schon rächen werde. Sie spricht von den Intrigen, die den ganzen Landkreis bewegen, und ich kann ihr nicht folgen.

Liebe Doris, heute ist dein Geburtstag, 40 Jahre alt wirst du heute – ich wünsche Dir, daß die zweite Hälfte deines Lebens schöner wird, daß du zu dir findest, einen guten Partner dazu. Glück. Das wünsche ich dir. Du hast es verdient.
Es macht mich sehr traurig, daß man nicht besser aufeinander aufpassen kann, daß man nicht einfach einen Knopf drücken kann, und alles wird gut.