Archiv für den Tag: 18. März 2008

30 Years of Wuthering

Glammie feiert hier gebührend den 30. Geburtstags von Kate Bushs ‘The Kick Inside’, hat mir aber die Würdigung der ersten Single ‘Wuthering Heights’, übertragen. Owei!

Februar 1978, ich bin 10 Jahre alt, durfte ich eine der ersten Sendungen von Bios Bahnhof sehen.
Bio präsentiert eine neue Sängerin, die noch keiner jemals gesehen hat. Die zarte Gestalt im roten Kleid mit den wilden langen Haaren, den weit geöffneten Augen, den unglaublich hohen Pumps und den geschmeidigen, wogenden, wallenden Bewegungen und der unglaublich hohen Stimme irritiert mit ihrer Intensität das zu jener Zeit übliche steinerne Studiopublikum, sie schauen auf den Boden, flüstern verstört mt dem Sitznachbarn.
Sie singt ‘Kite’ und ‘Wuthering Heights’
Schon die ersten Pianoklänge von ‘Wuthering Heights’ entführen in sphärische Höhen, gefolgt von der fast unerträglich hohen, fast schrillen Stimme: “Out on the wily windy moors, We’d fall and roll in green” Nicht, daß ich das damals verstanden hätte, man braucht es auch nicht zu verstehen. Kate singt, tanzt, entäußert sich, und man hört und spürt den Wind, die rauhen Hügel, die Einsamkeit, die Sehnsucht, die Leidenschaft, in dem Lied.
Ein ganzer Roman in 3 Minuten erzählt, einer, den ich erst viel später lesen werde (wie Kate selber übrigens auch)

Ihre Plattenfirma wollte ein konventionelleres Lied für hre erste Single, doch Kate bestand darauf, mit ‘Wuthering Heights’ zu debutieren. Heute kann man sich das kaum vorstellen, aber damals waren solche Töne in einem rocklastigen Großbritannien noch nie gehört, und viele Zeitzeugen erinnern sich an das erste Mal, als dieses Lied aus dem Radio klang. Musik wurde damals von Männern geschrieben, und (außer bei Bowie und Queen) als Set aufgeführt, nicht wie ein Theaterstück inszeniert und emotional performed.
Auch die beiden Promo-Videos, besonders das im weißen Kleid mit dem optischen Echo-Effekt, kündigten der Welt davon, daß hier eine Künstlerin geboren ist wie keine andere. Die unerschrocken mit bisher ungekannter Intensität und Weiblichkeit ihre Kunst ausdrückt.

Das irritiert natürlich viele, es ist einfach, sie zu parodieren, oder einfach nur auf ihre Schenkel zu starren, das exaltierte Mädchen zu belächeln, sie in ihrer naiven Offenheit zu verletzen.
Mit der Zeit wird Kate sich immer weniger entäußern und entblößen, sie wird sich immer mehr hinter ihre Kunst zurückziehen, aber hier werden wir Zeuge der Geburt einer Künstlerin, deren Kunst keine Grenzen kennt, absolut, naiv, kraftvoll, unbefangen und unmittelbar. Poesie pur.

Für mich öffnet sich ein neues Universum. Eine verwandte Seele, nur mit dem Unterschied, daß sie sich ausdrücken kann und sich davor nicht fürchtet. Wie Kate hatte ich, der ich im Grunde genommen als Mädchen aufgewachsen bin, mich vor der Realität in meine Traumwelten aus Büchern und Musik geflüchtet, und hier war jemand, der aus meiner Seele sprach, fast am Rande der Peinlichkeit ausdrückte, was sie fühlte, schamlos im Sinne von ‘ohne Scham’, unerschrocken, voller Kraft und wunderschön.

Im Sommer wird Kate Bush 50 und ich hoffe, daß sie noch 50 Jahre lang Musik macht, und wenn es nur alle 10 Jahre ein Album gibt.