Archiv für den Tag: 12. Juni 2007

angels in america – revisited

Once upon a time – so fangen Märchen an, romantisch. Oft grausam, erbauend im Sinne von belehrend.
Es war einmal, vor über 25 Jahren, da kam eine große Seuche über die Welt. Ihre ersten Opfer wurden Helden, romantische Helden. Helden, die ihre kürzlich neu erkämpfte Freiheit teuer zahlen mußten, Blutpfand der Lust.
Geradezu alttestamentarisch wurden die Libertine mit Geschwüren, Krämpfen gestraft. Und dem Keim, der ihr wollüstiges Blut vergiftete.

Man stelle sich vor: der Tod, der im Kuss lauert, im Geschmack des Spermas des Geliebten oder Begehrten, das Perfide des Todes, der von einen Herzen voller Begierde durch den Körper gepumpt wird! Mythenstoff.

Die Welt, wie man sie kannte, war an ein Ende gekommen, eine imaginäre alttestamentarische Gottheit strafte alle Befreiungs- und Liberalisierungbewegungen mit dem einzigen Mittel, was ihr blieb: Angst und Tod. Ganz direkt. Intravenös. Das Millennium, Sinnbild des Weltendes und des Wiederkommes des Erlösers, der Apokalyse, war nah.

Die Helden wurden Helden, weil sie sich gegen ihr Schicksal, gegen den Tod stemmten. Etwas aus der Zeit machten, die ihnen noch blieb. Per Kunst, per Lied. Per Aktion, per Leben. Einfach der Pest ins faule Auge starren, so lange es geht. Es gab eine Zeit, da war es glorios, machte es unsterblich, an dieser modernen Pest zu sterben. ich weiß es, ich war dabei. Als Muse, als Lover, als Engel in Berlin.

gefallener_engel_1991

Heute ist AIDS ein Krankheit, die man sich leisten kann – fast. Wenn man in Europa lebt. Wenn man mit den gräßlichen Nebenwirkungen der Therapie leben will. Wenn man nicht in der sogenannten Dritten Welt lebt. Dort sterben die Menschen weiter wie die Fliegen, unbeachtet.

Heute ist man langzeitüberlebend, heute ist man frühverrentet, heute leidet man an den Therapiefolgen und stirbt an ihnen. Es ist im Griff, denkt die westliche Menschheit, und vergißt. Normalität. Wenn man es sich leisten kann. so überleben zu wollen und zu können. Die Krankheit ist grauenvoll und perfide, und dennoch infizieren sich immer mehr Menschen. Nicht nur in der dritten Welt, wo die Menschen nicht anders können, aus Armut und aus fehlgeleiteter Religion.

Nein, aus freiem Willen, aus freier Entscheidung. Der Lust wegen. Take back the night?

Ich verstehe die Unzumutbarkeit. Es macht mich immer noch wütend, die Kontrolle niemals ganz aufgeben zu dürfen, niemals den heißen Saft des Objekts der Begierde schmecken oder in mir haben zu dürfen. Ich finde es nicht normal und selbstverständlich, immer den Tod mitdenken zu müssen, wenn man Leben, Liebe macht. Es ist unzumutbar, das normal finden zu sollen.

Aber wie klein. wie traurig, wie armselig, dafür und daran zu sterben. Heute werden aus der Seuche keine Helden mehr geboren. Keine gewaltigen Engel erscheinen in den Fieberkrämpfen. Ein kleiner mieser kalter grauer Tod. Oder ein langes mieses häßliches schmerzhaftes Sterben. Selbst schuld. Kurz abgehandelt. Das Flügelrauschen ist verklungen.

Nein, die Welt ist nicht untergegangen, sie dreht sich weiter, uninteressiert.
Angels in America bleibt ein für seine Zeit wahrhaftiger, heute aber überholter Versuch, die Zeichen der Zeit zu deuten und zu überhöhen. Eine fast schon dokumentarische Miniseries des amerikanischen Fernsehens, outdated.
Ein Denkmal einer gewesenen Zeit.