Archiv für den Tag: 26. Januar 2007

Menschen im hotel – Ingrid Caven

Blaaaaiiiches Licht
weißer Puder (Pudel?) bedeckt dein Gesicht,
wie ein Polaroid
auf dem man noch nichts sieht

Gestern abend, Berliner Ensemble: In Person: Ingrid Caven, Ingrid Ex-Fassbinder, La Caven.
Alle fünf Jahre, mehr muß nicht. Man macht sich rar, weil man rar ist. Ein paar neue Lieder, wenn man Glück hat, alle 10 Jahre. Und das reicht auch. Weil die alten Lieder ebenfalls immer neu sind, Madame rezitiert nicht, sie installiert, je nach Lust, Laune, Bezug, jeden Abend neu. Sie schreit, röchelt, summt, knarzt, soubrettiert, krächzt, schrillt. Jeder Ton kalkuliert, oder doch zufällig? Dazu steht sie, tanzt, liegt, rollt, hopst, springt, oder schleicht.

Trotz der Müdigkeit war mir recht flott und akimbo im Gemüt

Eine Einzigartigkeit, die seltsame entfernte respekteinflößende Unverwandte in ihrem Paralleluniversum – eine dunkle Sonne für sich, Fassbinder, Enzensberger, Jean-Jacques Schuhl, Peer Raaben, die ihr das Material an den Leib genäht haben, als Satelliten ihres Universums. Die meisten sind schon tot. Sie eine Gralshüterin ihres eigenen Grals.

Angelika lebt im Altersheim
von Tabletten und Haferschleim(…)
Marie-Claude bemitleidet sich
die Vera geht immer noch auf den Strich (…)
Utzi und Paul hab ich neulich getroffen
die waren schon am Morgen besoffen
Evelin ist sechsfache Mutter
und gibt ihren Gören Hundefutter
Kiki kriegt Prügel vom Alten
Anita kann das Wasser nicht halten
Aber ich hab mich nicht reinlegen lassen
ich habe gesagt, das könnt euch so passen
mit mir nicht, nicht mit mir

In Foyer alte Bekannte, alte Gesichter, Überlebende der Fassbinderzeit, innerer Kreis, äußerer Kreis, Lifestyleepigonen – zum Teil unappetitlich anzusehen.

Zwei Schritte vor und zwei zurück
und vor und zurück und vor und zurück
Wo bleibt das Glück?
Und zurück und vor und zurück und vor
auch Glück vergeht, ja wie
ja wie, ja wie?
ja wie – vom Winde verweht!

Wenn man zur Caven geht, hat man auch immer eine Befürchtung um ihre Gebrechlichkeit, um ihre Vergänglichkeit, von der sie weiß, mit der sie spielt. Auch mit der Befürchtung.
Sie ist die einzige, die ihre Lieder singen kann, egal, was andere vortäuschen. Ohne sie sterben auch ihre Lieder. Das erste Chanson gestern, ein Piaf, ohne Stimme.
Aber dann: eine Frau auf der Höhe ihrer Kraft, auf der Höhe ihres künstlerischen Ausdrucks, alte Lieder, neue Lieder, neuer Ausdruck, mit Ende Sechzig neu gewachsen.

Eine wunderschöne Frau, die den Dreck kennt, diesmal nicht im legendären Schwalbenkleid, sondern einer schwarzen raffinierten Robe, vielleicht Westwood, wie überhaupt Glitter von Dietrich, Garland, Piaf, Westwood und französischer Straßenhure in der Luft funkeln, aufgegriffen und wieder weggeworfen werden.

Er ist zufrieden und tätschelt meinen Hintern
ich lächle und denke ‘Ich bin eine Sau” (…)
Oh Mama, wenn er wüßte wie sehr ich ihn hasse
so daß ich fast schon stumm und steif und ratlos bin
und mich jetzt schon überhaupt nicht mehr fasse
denn nächsten Freitag geh ich ja doch wieder hin!
Kinder, das ekelt mich an
das riecht und das stinkt
und das nennt sich Mann

Lieder von Tod, dem seltsamen Wiedersehen, den Drogen, schmuddeligen Treffen in schmuddeligen Hotels, der Sehnsucht nach dem großen Glanz im großen Dreck, dem billigen kleinen Glück an der Ecke, der durchwachten Woche, der Zerstörung, die einem zugefügt wird, der Zerstörung, die man sich selber zufügt. Akne Vulgaris.

Im kleinen Leben liegt der große Schmerz
der große Schmerz im kleinen Leben
die Großen brauchen für ihr großes Leben
ohnehin kein Herz

Vielleicht der größte Abend, dem ich beiwohnen durfte.

Doch während dieser ganzen Zeit da
seh ich dies und seh ich das
hör ich all die Dinge da
und ich singe lalalalala
man wird singen lalalalala
man wird tanzen lalalalala
lala lalalalala
ich bin dann auch nicht mehr da.

Der Herr Glam,mit dem ich das Erlebnis teilen durfte, hat sich ebenfalls auf Vorzüglichste geäußert