Tiefer

Die Luft ist kühl, aber drückend und sehr feucht. Kleine klebrige Erdpartikel legen sich auf die Haut, in die Nase und den Mund. Die Schaufel und die Spitzhacke liegen schwer in der Hand. Die ersten Blasen platzen auf, und das Blut verbindet sich mit dem lehmigen, feuchten Staub.
Der Rücken schmerzt. Der Boden ist sehr hart und steinig, ich muß immer zuerst eine Schicht der schweren feuchten duftenden Erde mit der Spitzhacke auflockern, um sie dann mit der Schaufel nach oben zu befördern.
Der alte Mann über mir beobachtet mich mit spöttischem Blick. Seine zusammengewachsenen, buschigen Augenbrauen tanzen, als er sagt: ‘Na, das hast du in deiner tollen Schule wohl nicht gelernt, Herr Professor. Grab’ mal weiter, das muß noch viel tiefer werden.’
Mittlerweile stehe ich bis zur Brust in dem Loch. Der Lehm wird feuchter, schleimiger. Seltsame organische Partikel mischen sich dazu. Sind das Wurzeln? Holz?
Meine Arme schmerzen, sie haben keine Kraft mehr. Der Lehm muß mittlerweile über Schulterhöhe aus dem Loch befördert werden. Der Schweiß auf meinem Körper fühlt sich seltsam an in der feuchten Kühle der Erde, klamm.
Ein Schlag mit der Hacke, was ist das? Kein Stein, dafür ist es zu weich. Eine Wurzel? Vorsichtig lege ich das Ding mit der Schaufel frei. Ein Becken, das sieht aus wie ein menschlicher Beckenknochen. Aber so klein. Viel zu klein. Und irgendwie – weich. Der alte Mann lacht: ‘Das ist Martina. Die wurde vom Bus überfahren. In den 60ern. Sie ist nur 4 Jahre alt geworden.’
Vorsichtig lege ich die Reste der kleinen Martina zur Seite.
Noch dreißig Zentimeter tiefer, sagt der alte Mann. Er zeigt mir die Tiefe mit seinen knorrigen Händen.
Mein Schweiß riecht seltsam, hier in der kühlen Tiefe, wie er sich mit dem Aroma des feuchten Lehms verbindet. Er tropft von meiner Stirn, und beim Abwischen habe ich mir die Erde schon längst ins Gesicht und in die Haare verrieben.
Seltsamer Kontrast, wenn ich nach oben schaue, sehe ich einen blauen Himmel, einen heißen klaren Sommertag. Hier unten ist es November.
Bevor meine schmerzenden Schultern aufgeben, lege ich wieder los. Es gibt keine Ausflucht.
Ein weiterer fester Schlag. Die Hacke steckt fest. Meine blutenden Hände können sie nicht mehr herausziehen. Hebelwirkung. Ein fester Griff, ein Schwung. Was fliegt mir da entgegen? Rippen, das müssen Rippen sein. Ich habe soeben einen Brustkorb geöffnet!
Das Grauen schnürt mir die Kehle zu, von weit oben, von vor dem sommerblauen Himmel höre ich den alten Mann lachen. ‘Das muß Johann sein, der Vater. Der kommt nachher wieder mit rein.’
Jetzt ist es auch egal – Johanns Schädel finde ich sehr bald darauf, er starrt mich aus leeren Augenhöhlen an, die vielen weißen Zähne zu einem Lächeln gebleckt, fast gut gelaunt. Das Skelett ist sehr gut erhalten, gottseidank scheinen die anderen Überreste gründlich verwest zu sein. Kein Fleisch, keine Kleidung. Eigentlich eine saubere Sache, so ein Skelett, denke ich, als ich den Schädel, die Arm- und Beinknochen, die Wirbel nach oben schaufle. Die weiteren Schädel, die ich finde, werfe ich mittlerweile schon fast achtlos nach oben. Schädel verrotten am langsamsten, hat der alte Mann mir erklärt. So viele Zähne.
‘So, jetzt ist das Grab tief genug!’, befindet der alte Mann und verschwindet ohne weiteren Kommentar, er geht wohl zu Mittag essen.
Ich stehe in der dunklen, feuchten Grube, die etwas tiefer ist, als ich groß bin, 1,80 tief, zwei Meter lang, etwas über einem Meter breit. Das sind die Normmaße für ein Grab.
Ich lege mich hin, will spüren, wie sich das anfühlt. Über mir ein eisvogelblauer Himmel, um mich die schwere Kühle. Nicht unangenehm, wie die braunen Wände die Sommergeräusche von draußen schlucken, eine große Ruhe. Fast verführerisch.
Mühsam stemmen meine mittlerweile tauben Schultern und Arme mich am Rand des Grabes aus der Tiefe heraus. Die warme Sommerluft fühlt sich fremd und wohltuend auf meinen klammen Gliedern an.

Morgen ist die Beerdigung von Jakob, einem alten Nachbarn, und es ist Brauch in meinem Heimatdorf, daß die männlichen Nachbarn das Grab bereiten. Wenn der Sarg dann heruntergelassen ist, werde ich die Erde wieder hinunterschaufeln, zusammen mit den Überresten von Martina und Johann und den anderen Verwandten von Jakob. Auf den Erdhügel werden dann die Kränze und Blumengestecke verteilt, die mehr nach Tod riechen als das Grab selber.

19 Gedanken zu „Tiefer

  1. larousse

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    Schlimm, aber ich muß zugeben, daß Deine Beschreibung genau auf das Klischée zutrifft, das ich von Polen habe *notiert auf Zettel: Polenreise zwecks Widerlegung von Klischées einplanen*

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  2. mai

    ich mag friedhöfe…. gehe sie gerne besuchen auch im ausland. und in frankreich, wenn man glück hat gibt es sie noch, diese blumen aus glasperlen die so schön bunt sind und sich wunderbar machen auf den grabplatten oder diese blumenarrangements aus keramik die sowas grossmütterliches haben und auf denen steht dann….. au souvenir…. in erinnerung…..

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  3. larousse

    Toll geschrieben! Ist ja schauerlich, dieser Brauch (obwohl wahrscheinlich nur, weil wir Großstädter nie so direkt mit dem Tod in Kontakt kommen – hier wird das alles aseptisch und klinisch rein erledigt)!
    A propos Grabblumen: Ich hab mal eine Anzeige für einen Seidenblumenhersteller machen müsen. Er war ganz begeistert von seinem Einfall für die Headline: “Seidenblumen – ein Grabschmuck, der lange lebt!”

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  4. larousse

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    In Belgien und Luxembourg auch. Ich kann daran allerdings nichts Schönes finden, stehen die Blumen doch z.T. seit Jahren völlig verblaßt auf den häßlichen, marmornen, toter als tot wirkenden Grabplatten herum. Ist vielleicht ein katholischer Usus?

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  5. luckystrike

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    ach, ich kann mit der deko immer weniger anfangen – obwohl ich noch nen sack zusammengeklauter friedhofsplastikblumen zuhause habe. von einem lieben toten freund zusammengeklaut.

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  6. larousse

    REPLY:
    Beim Anblick all der Steine hab ich immer das Gefühl, drunter zu liegen und keine Luft mehr zu bekommen. Der Friedhof unseres Dorfes war/ist wie ein Park angelegt, die Grabsteine sind relativ klein und auf den Gräbern selbst wachsen statt Marmorplatten Pflanzen. Eine grüne Oase, in der ich als Kind und Jugendliche oft meine Urgroßeltern “besuchte”.

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